Kajak-Tour : Freibeuter der Adria

Buchten entern, Strände besetzen und Kultur erobern: Mit dem Kajak unterwegs in der Inselwelt Kroatiens.

Constanze Bandowski
Kajak
Mit dem Kajak auf Tour -Foto: ddp

Weiße Wellenkämme brechen schäumend über dem Bug zusammen. Der Kajak kämpft sich durch die schwarzblaue Adria, gräbt seine spitze Nase in die Wellen, klatscht von einer Woge zur nächsten. Welch grandioses Gefühl, sich mit dem Doppelpaddel durchs Meer zu arbeiten und sich den Elementen zu stellen. Die Sonne brennt auf die nackten Arme nieder. Der Wind bläst die Gischt ins Gesicht. Das Wasser sammelt sich im Dekolleté über der Schwimmweste und rinnt in kühlen Bächlein das Brustbein hinab bis zum Bauchnabel. Nur noch wenige Meter bis zum anderen Ufer der fjordartigen Bucht von Stari Grad.

Schroff und karstig stürzen die Felsen der Insel Hvar ins dalmatinische Meer. Dort drüben wollen wir rasten. Arme und Schultern ausschütteln, Beine ausstrecken, ruhen. Die Fahrt über das offene Meer ist anstrengend und gefährlich, vor allem, wenn die großen Fähren der Hafenstadt Split kreuzen. In ihrer Nähe kann sich der wendige Seekajak in eine Nussschale verwandeln, die vom Riesen überrollt wird.

Wir sind umsichtig und nicht so waghalsig wie die Piraten, die hier jahrhundertelang ihr Unwesen trieben. Dennoch überkommt uns ein Gefühl von Freiheit, Anarchie und Stärke, das die Freibeuter des Mittelmeeres umgetrieben haben mag.

Dalmatien ist der Schlüssel zur Herrschaft über die Adria, und wir stecken mittendrin. Die unwirtlichen Kalkrücken der zahlreichen Inseln liegen strategisch günstig im Zentrum des Meeres. Wir kreuzen zwischen der „Dicken“ und der „Langen“ hin und her, zwischen der kompakten Insel Brac vor Split und der schlanken, gestreckten Insel Hvar dahinter. Wir entern entlegene Buchten, besetzen strahlendweiße Kiesstrände und erobern kulturhistorische Stätten, die im vierten Jahrhundert vor Christus entstanden sind. Hier kämpften Griechen und Römer, Illyrer, Serben und Kroaten, Türken, Franzosen, Habsburger und Ungarn um die Macht über den Mittelmeerraum. Heute belagern wieder Touristen die Hafenstädte Dalmatiens.

Wir erschließen uns die Schätze der kroatischen Region vom Wasser aus. In unseren Booten fühlen wir uns wie die kleinen Brüder der Mittelmeerpiraten; frei, verwegen und tatendurstig. Stefan, der als erfahrener Kajakfahrer bereits den Geirangerfjord in Norwegen eroberte, trägt stilvoll Tuch mit Totenkopf.

Nur zehn Zentimeter über der Oberfläche des Meeres schnellen unsere vier Kajaks durch die Wellen. Dick bepackt mit wasserdichten Seesäcken, Zelten und Verpflegung, trotzen wir der Strömung. Nach einem Tag auf dem Meer haben wir unseren Rhythmus gefunden. Die Paddel stechen gleichmäßig ins Wasser, immer abwechselnd, rechts, links, rechts, links. Der Oberkörper arbeitet mit und bringt Schwung in die Bewegung.

Wir haben das andere Ufer erreicht und bilden nahe der Küste ein Päckchen mit unseren Booten. Bunte Farbkleckse auf türkisfarbenem Untergrund. Hinter uns braut sich über Brac eine dunkle Wolkenwand zusammen. Dumpf grollt der Donner vom Vidova Gora herüber, dem höchsten Berg der Adria, der als mächtiger Kegel über dem Meer thront. An seinem Fuß haben wir die Nacht verbracht, in einer entlegenen Bucht, die Zelte im Schatten verkrüppelter Kiefern aufgeschlagen und das Lagerfeuer auf dem steinigen Strand entzündet. Am Himmel prunkt die Milchstraße.

Am Morgen folgt der Aufstieg durch Olivenhaine zum Kloster Blaca, einer Einsiedelei aus dem sechzehnten Jahrhundert, die wie ein Schwalbennest an den abschüssigen Wänden der breiten Schlucht klebt. In totaler Abgeschiedenheit bauten die Mönche ein astrologisches Observatorium auf. Sie tauschten Wein, Olivenöl und Honig gegen Teleskope und Flinten, um den Himmel zu beobachten und Piraten abzuwehren.

Noch 18 Kilometer bis zum Tagesziel Milna auf der Südseite der Insel. Die Hälfte davon gegen Wind und Wellen. Was das offene Meer hinter der westlichen Landzunge von Hvar offenbart, wissen wir nicht. Also packen wir wieder ein Päckchen, halten uns gegenseitig an Booten und Paddeln fest, verschnaufen und schmieden Pläne. Plan A lautet drei Kilometer bis Vira paddeln und dort übernachten. Der Campingplatz wird jedoch gerade umgebaut. Kipper rattern über die Auffahrt, der Platz ist voller Schutt und Müll. Reiseleiter Lutz zieht Plan B aus der Tasche und ruft kurzerhand ein Taxi. Wir ziehen die Boote an Land, lassen sie dort liegen, schleppen das Gepäck zur Straße und empfinden die Fahrt über die Insel als puren Luxus.

Durch die offenen Fenster zieht der würzige Duft der Macchia. Das dichte Gestrüpp zwischen Olivenbäumen und Kiefern trägt allerdings nur im Frühjahr sattes Grün. Dann beginnt der Ginster zu blühen und setzt gelbe Tupfer dagegen. Erdbeerbäume und Rosmarin tragen Blüten, die nur aus der Nähe zu entdecken sind. Später wird die Insel von einem lilafarbenen Teppich überzogen sein. Zwar erleben wir die Lavendelblüte nicht, aber der lokale Honig mit dem lila Etikett versüßt unser Frühstück am nächsten Morgen. Der Campingplatz von Milna ist nur durch ein Steinmäuerchen vom Meer getrennt – man hört das rhythmische Schwappen der Wellen. Der Reiseleiter schäumt bereits Milch für den ersten Cappuccino des Tages auf. Wir hocken auf Baumstämmen unter dem Dach windschiefer Pinien, blicken auf die sanfte Dünung der Adria und beobachten, wie die Sonne hinter dem östlichen Ufer der Bucht von Milna aufsteigt. Aus dem Fischerdorf dringen Wortfetzen und Hundegebell herüber.

Kein Wölkchen hat sich in den Himmel geschlichen, als wir zum touristischen Teil übergehen. Die Hafenstadt Hvar liegt etwa drei Kilometer westlich von Milna. Eine Stunde wandern wir über zugewucherte Feldwege, die sich an der Küste entlangwinden, vorbei an Bauern mit brummenden Motorsägen, die ihre Weinreben vor dem Zuwuchern bewahren. Ziegen mit bimmelnden Glöckchen sind da und Badebuchten wie in Hochglanzbroschüren – so tiefblau, so zart türkis leuchten sie zu unseren Füßen.

Hvar empfängt uns mit vormittäglichem Treiben. An der Hafenmole liegen kleine Boote für Trips zu den vorgelagerten Hölleninseln neben mondänen Segeljachten und Fischkuttern. In den Bars der prachtvollen Patrizierhäuser trinken Männer mit gegerbten Gesichtern und schwarzen Sonnenbrillen ihren kleinen Schwarzen und beobachten das Treiben auf der Piazza. Sehen und gesehen werden, das ist das Hobby der 4500 Einwohner.

Vor dem Tourismusbüro begrüßt uns Anna Marie Surlin, eine zarte Person mit dunklem Bubikopf, liebenswertem Akzent und einem entwaffnenden Lächeln. Sie schleppt sie uns durch die enge Altstadt bis kurz vor die Festung Spanola, zeigt die besten Fischrestaurants und Buchhandlungen, rattert historische Daten und Fakten hinunter, versorgt uns mit Anekdoten, Sagen und Hintergrundwissen zu Architektur, Kunstgeschichte und Politik.

Anna Maria weiß alles über ihre Heimatstadt. Wir erfahren Details über die Schlacht von Lepanto, über Franziskaner und die venezianische Herrschaft, bekommen eine Einführung in den Fischfang, lernen, dass sich der Ruderstil von Sklaven und freien Männern auf den Galeeren unterschied, und bedauern, dass wir die Eintöpfe ihrer Großmutter aus Artischocken und dicken Bohnen in keinem Restaurant bekommen werden. Doch auch Pizza und Pasta schmecken schließlich köstlich. Ebenso gegrillter Fisch wie Petermännchen oder Calamari. Dazu ein Glas Mali Plavac, regionaler schwarzroter Wein – und die Eindrücke sacken sanft in die Gefühlswelt hinunter.

Die Boote liegen in Vira, wie wir sie verlassen haben. Schnell verstauen wir Kochgeschirr, Verpflegung und Trinkwasserbeutel und zwängen uns in die Sitzschalen. Herrlich, endlich wieder auf dem Wasser zu sein. Ein Möwenschwarm stürzt sich ins Meer. Wahrscheinlich Sardinen, das haben wir von Anna Maria gelernt. Ihre Worte und Geschichten hallen noch in den Ohren nach, vermischen sich allmählich mit Meeresrauschen und Vogelgeschrei. Wir finden unseren Paddelrhythmus und lassen uns von der sanften Dünung treiben.

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