Kammermusik an Bord : Eine Kabine für die Stradivari

„Mein Schiff 1“ war im östlichen Mittelmeer Schauplatz einer beglückenden Begegnung der Wiener Philharmoniker mit ihren Fans.

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Foto: Martin U.K. Lengemann, dapd
Foto: Martin U.K. Lengemann, dapd

Er dreht einfach nicht ab. Die Bosporus-Brücke kommt näher und näher, und auf dem Vorderdeck der „Mein Schiff 1“ halten sie langsam den Atem an. Denn eigentlich hatte Kapitän Dimitris Papatsatsis von einer Sondergenehmigung gesprochen, mit der er sich der Brücke ausnahmsweise bis auf 500 Meter nähern dürfe. Unterqueren kann ein Schiff von dieser Größe die Straßenverbindung zwischen Europa und Asien nicht. Und jetzt sind die Autos und Laster, die da oben im Stau stehen, schon fast zum Greifen nah. Weniger als 180 Meter habe er heranfahren dürfen, verkündet der stolze Kapitän des Tui-Kreuzers „Mein Schiff 1“ kurz darauf, als er das Wendemanöver schließlich doch noch beginnt.

Dass Sicherheit hier großgeschrieben wird, wissen die Gäste eigentlich seit der Seenotrettungsübung vor dem Auslaufen in Malta. Die Akribie, mit der sie ablief, ist mit viel anerkennendem Gemurmel im Theater quittiert worden, aus dem sich immer wieder der Satz herausformt „Gut, dass wir auf einem deutschen Schiff sind“. Freilich ist es diesmal anders als sonst. Normalerweise fahren tatsächlich überwiegend deutschsprachige Gäste mit. Diesmal jedoch sind Musikverehrer aus aller Welt herbeigepilgert, um die Wiener Philharmoniker auf der Themenreise „Meer und Musik“ zu begleiten.

Das Ehepaar aus Taiwan, seit knapp 30 Stunden unterwegs, versteht das Wort „Musterstation“ nicht und lässt es sich von den Sitznachbarn genau erklären. Es wird das letzte Mal sein, dass sie in diesem Theater etwas nicht verstehen, denn in den kommenden sieben Tagen geht es hier nur um Musik. Neben Kammerkonzert, Liedermatinee und anderen musikalischen Höhepunkten finden hier auch die öffentlichen Proben der Wiener Philharmoniker statt, und es werden mehr, als anfangs angekündigt war. Die Wiener sind zwar stolz auf eine bewusst kultivierte „Schlampigkeit“, wie sie es selber nennen, und doch bekennen sie sich zu einer „Liebe auf den ersten Blick“ zu dem für seine Akribie bekannten Herbert Blomstedt. Im vergangenen Jahr hat er im Alter von 83 Jahren das Orchester zum ersten Mal dirigiert, nun ist er mit an Bord.

Die Rettungsübung endet bei den Booten, freilich ohne dass öffentlich die Frage erörtert worden wäre, wie genau man eine Stradivari evakuiert. Konzertmeister Rainer Honeck bewahrt das kostbare Instrument in seiner Kabine auf.

Nur 20 Prozent der Gäste sind ohne „Musikpaket“ an Bord gekommen und können an den Proben und Konzerten nicht teilnehmen. Zu ihnen gehört der füllige Herr mit grauem Schnauzbart. Während das Schiff den Hafen von Istanbul bei einem schmerzlich schönen orangeroten Sonnenuntergang verlässt, vorbei an Minaretten und Kuppeln, erkundigt er sich nach den Vorgängen im Theater so vorsichtig, wie man sich nach einer fremden Religion erkundigt. Das Ehepaar aus Taiwan und der japanische Neurologe mit seiner Frau sind noch ganz beseelt von Josef Haydns Sinfonie „Die Uhr“, die am Nachmittag im Auditorium Anadolu in Istanbul aufgeführt wurde. Um 20 Uhr 30 soll es schon weitergehen mit der nächsten Orchesterprobe. So schön kann kein Sonnenuntergang über dem Mittelmeer sein, dass sie sich die entgehen lassen würden.

Tatsächlich ist das Theater immer voll. Während sonst die Passagiere vorsichtig erst mal die hinteren Reihen bevölkern, um zu schauen, ob ihnen die Musicals und Shows überhaupt gefallen, die auf der Bühne gegeben werden, stehen sie bei dieser Reise schon eine halbe Stunde vor Öffnung an um die besten Plätze.

Auch für die „Mein-Schiff“-Gastgeberinnen Ann-Kathrin und Janina ist diesmal alles anders. Sie managen den Einlass und achten darauf, dass keine Gäste in die Probe platzen und stören. Wann mussten sie denn schon mal alte Damen überreden, doch unbedingt zum Mittagessen zu gehen, zu den Buffets, die sich biegen unter frischen Früchten und Salaten, ganzen Enten und Räucherfisch, von den Süßspeisen gar nicht erst zu reden? „Wir wollen aber doch nichts verpassen“, ist das Argument der Frauen, lieber im Theater zu bleiben.

Es gibt auch tatsächlich viel zu verpassen, gleich am ersten Tag das Rezital von Pianist Rudolf Buchbinder, der Schuberts Impromptu spielt und die Sonaten Nr. 3 und Nr. 21 von Beethoven, eine Stunde lang, alles auswendig, in höchster Perfektion. Nach den Bravorufen formiert sich eine lange Schlange auf der Geschäftsstraße „Neuer Wall“ auf Deck 7, aber kaum jemand hat Blicke für Blumen und Juwelen, für die sonst so populären Bord-Souvenirs oder die maritime Mode in den Läden links und rechts. Alle wollen nur ein Autogramm des Virtuosen.

Man erschrickt fast ein bisschen, wenn einem so jemand dann im Fahrstuhl wieder begegnet, und plötzlich trägt er Shorts und Polohemd und sieht viel kleiner aus als auf der Bühne. Und man ist auch überrascht, wie er sich für eine offenbar besonders erlesene Flasche Whisky, die er in der Kabine vorgefunden hat, ganz weltlich bedankt bei Michael Springer, der diese Musikreise organisiert hat. „Es geht auf solchen Reisen auch darum, die unsichtbare Mauer zwischen Podium und Publikum zu überwinden“, erklärt der Solist. Vermutlich gibt es dümmere Fragen an den 84-jährigen Maestro: Ob es nicht furchtbar anstrengend sei, jeden Tag so lange zu stehen, auf den Proben, beim Anspiel, beim Konzert? Doch seinem fassungslosen Blick nach zu urteilen, kann die Auswahl nicht groß sein: „Wir – musizieren doch“, sagt er langsam, und die ehrfürchtige Art, wie er das Wort „musizieren“ intoniert, als spräche er von einer heiligen Handlung, offenbart die Seele dieser Reise.

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