Kanada : Kopfüber ins Glück

Aktivurlaub in der kanadischen Provinz Ontario – auf Baumwipfeln und in Kanus unterwegs.

Stefan Jacobs

Liz und Sarah legen uns das Klettergeschirr an. Die Liste, was alles passieren kann und dass im Zweifel immer wir schuld sind, hat ein DIN-A4-Blatt gefüllt. Und wir haben brav unterschrieben. Mit klappernden Karabinern behängt und von Helmen behütet geht es mit dem Traktor in den Abenteuerwald, in dem Ausflügler zu Helden werden können. Liz hockt auf der Bordwand wie auf einem wilden Pferd. Es ist einer der letzten Tage, bevor sie ihren geliebten Ferienjob wieder gegen den Uni-Hörsaal eintauschen muss. Einer jener Tage im Frühherbst, an denen der Osten Kanadas am schönsten ist.

Die Suche nach dem „Indian Summer“ hat uns hierher verschlagen. Zwei Autostunden nördlich der Viermillionenstadt Toronto liegt das Feriendorf Collingwood mit seinen „Nature Adventures“. Sie sind unsere Einstimmung auf die wohl bunteste Jahreszeit der Welt. Die wollen wir nicht nur durch getönte Scheiben erleben, sondern sie uns verdienen: mit Aktivurlaub. Kanadas zweitgrößte Provinz Ontario bietet dafür mehr als genug Platz. So viel Platz wie Frankreich, Italien und Deutschland zusammen, um genau zu sein. Die Einheimischen wissen, was sie daran haben: Schon die Großstädter von Toronto bekamen diesen verträumten Blick, als wir über die unendliche Natur geredet haben, die sich nördlich der Stadt ausbreitet.

Ganz im Norden, wo keine Straße mehr hinführt, trifft mn kaum eine Seele. Eher schon ganz im Süden, Richtung Niagarafälle, wo auch wegen des Klimawandels seit ein paar Jahren ganz passabler Wein gedeiht. Die Menschen sprechen mit Respekt von ihrem Land – und sehen den Reichtum eher als ein Glück denn als persönliches Geschenk Gottes, wie es die Nachbarn vom Südufer des Ontario-Sees manchmal tun. „The Americans“, wie die Kanadier die US-Bürger nennen. Hier gibt man sich etwas anders, etwas europäischer vielleicht.

An einem steilen Waldweg stoppt Sarah den Traktor. Liz schwingt sich vom Geländer und zeigt uns, wie die beiden Karabiner von einem Seil zum anderen gehängt werden: „Immer nacheinander, nie gleichzeitig!“ Wir klettern die Leiter hinauf zu der handbreiten Bretterbahn, die schon fast vom Hinschauen schwankt. Auf diesem wankenden Weg in bis zu 18 Meter Höhe umarmt man jeden Baum, den man erreicht hat. So geht das einen knappen Kilometer lang.

Die Eichhörnchenperspektive kostet eine Monatsration Adrenalin und endet an Baum Nummer 16. Von hier gibt es eine Leiter für Feiglinge und einen Zipper für Helden. Zipper, weil es Sssipp macht, wenn man an den Drahtseilen talwärts rauscht.

Einfach auf die Leiter setzen und abspringen, „when you feel comfortable“, sagt Liz. Kreisch! War ich das? Ja, der Schrei ist bei diesem Absprung unvermeidlich. Zipper ist gar kein Ausdruck für das rasende und dabei überraschend magenfreundliche Surren ins Glück, das mich weit unten zwischen den Bäumen auspendeln lässt. Sarah schiebt eine Leiter herbei, um mich auf den Boden zurückzuholen. Ich habe keine Eile.

Liz, die aus Spaß kopfüber hinterher- gezippt ist, will uns noch die Felsen zeigen, von denen der Blick nordwärts über die Georgian Bay schweift: Was von hier aussieht wie eine Meeresbucht, ist nur ein Zipfel des Lake Huron, der im Vergleich zur Hudson Bay – der Nordgrenze von Ontario – wiederum eine Pfütze ist.

Liz unterbricht die Gedanken darüber, was wir in dem Riesenland alles nicht sehen können: „Was macht ihr morgen?“ Als wir die geplante Paddeltour im Algonquin Park erwähnen, seufzt sie: „Das ist das Allerbeste, was es in Kanada gibt.“ Ähnliches hatten wir schon bei unserer Ankunft in Toronto gehört. Algonquin. Die Menschen hier sprechen den indianischen Namen aus wie ein Zauberwort.

Entlang dem Highway 60 nach Osten beginnt sich das Land zu kräuseln. Zu Fichten und Buchen gesellen sich Ahornbäume. Immer stärker ähnelt der Wald einem Gemälde von Monet. Das Dunkelgrün der Fichtennadeln kühlt das Glutrot der Ahornblätter. Dazwischen das Goldgelb einzelner Lärchen. Und immer wieder Wasser, das in der Sonne funkelt. Im Jahre 1893, als rund um die Welt die maschinelle Plünderung der Natur begann, wurde der Algonquin unter Schutz gestellt. Eine Weisheit, die jetzt nicht nur 270 Vogel-, 50 Fisch- und 51 Säugetierarten zugute kommt, sondern auch einer Million Touristen pro Jahr. Der Indian Summer ist Hochsaison. Doch als wir den einzigen durch den Park führenden Highway verlassen, sind wir fast allein.

Ein paar Kurven weiter ist die Kanustation am Lake Opeongo erreicht. Wir sind mit Gord verabredet; er hat schon die Kanus huckepack auf sein Motorboot geladen. Über den großen See will er uns in eine Gegend bringen, wo sonst niemand fährt. Wroam! Das Motorboot hat 225 Pferdestärken. Gord, dessen Gesicht jetzt nur noch aus sturmsicher umgedrehtem Basecap, Bart und Sonnenbrille besteht, sieht aus wie eine Mischung aus Reinhold Messner und Hell’s Angel. Hinter uns schäumt das dunkle Wasser, an den Ufern zieht die Sinfonie der Laubfarben vorbei.

Dann schwappen wir auf einen kleinen Strand. Gord hievt die Kanus ins Wasser. Lautlos paddeln wir jenem Seitenarm des Sees entgegen, der erst wie eine Bucht aussieht und sich dann so lange windet, dass man ihm zwei Tage folgen könnte. Wäre da nicht diese seltsame Sperre vor uns. „Ein Biberdamm“, erklärt Gord. „Ihr fahrt ran, dann steigt der Vordermann aus und zieht das Boot noch ein Stück. Dann kommt der Hintermann raus und der vordere steigt wieder ein.“ Der Biber hat solide gebaut. Der Damm federt leicht unter den Füßen, aber er hält.

Als wir weitergleiten, schwimmt vor uns der Baumeister persönlich vorüber. Am Rand stehen Reiher. Der melancholische Ruf von Eistauchern, jener schwarz- weiß gefiederten und rotäugigen „Loonies“, hallt herüber: „Huuuuh!“ Die Wappenvögel von Ontario zieren die kanadischen Dollarmünzen und haben der Währung den Spitznamen gegeben: Was den US-Amerikanern ihr „Greenback“ ist, sind den Kanadiern ihre „Loonies“.

Immer neue Flussbiegungen tun sich vor uns auf. Der Wald glüht in der Spätnachmittagssonne. Wir sollten nach Elchen am Ufer Ausschau halten, sagt Gord, die Chancen seien gut. Rund 2000 Elche soll es im Algonquin Park geben. Ebenso viele Schwarzbären. Und mindestens ebenso viele Seen. Und ebenso viele Kilometer ruhiger Kanu-Gewässer. Endlich ist hier nur der Tag.

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