Reise : Kegelrobben in 3-D

Kinder hassen Langeweile, erst recht in den Ferien. Auf Usedom können sie ständig Neues entdecken – sogar an Regentagen

Silke Zorn
Meine Schaufel, mein Eimer, meine Burg. Genug, um glücklich zu sein. Foto: www.usedom.de
Meine Schaufel, mein Eimer, meine Burg. Genug, um glücklich zu sein. Foto: www.usedom.de

Julius springt mit ausgebreiteten Armen vor die weiße Wand, in dem dunklen Raum zucken grelle Lichtblitze auf. Wenige Sekunden später ist der Spuk vorbei, Julius tritt zur Seite – und betrachtet grinsend seinen eigenen Schatten, der mit weit geöffneten Armen auf der Wand gleichsam eingefroren wurde. „Das ist das Coolste hier“, findet der 13-Jährige, der mit seiner Klasse die „Phänomente“ in Peenemünde besucht. „Das und der Trabbi gleich vorne, den man mit einem Arm hochheben kann.“

Mit ihren 250 Experimenten kann die Mitmach-Ausstellung den 42 Strandkilometern auf Usedom durchaus Konkurrenz machen. Wie fühlt sich ein Astronaut im Weltall? Kann man mit einem Paukenschlag eine Kerze auspusten? Und passt ein Mensch in eine Seifenblase? Auf 2500 Quadratmetern wird im ehemaligen Offizierscasino anschaulich gezeigt, welchen Gesetzen Erde und Universum unterliegen – anfassen und ausprobieren ausdrücklich erwünscht.

Ein wenig anders sieht das im „Haus auf dem Kopf“, zwei Orte weiter in Trassenheide, aus. „Das ist kein Spiel- und Tobehaus“, ermahnt Gästebetreuer Theo Paul vorsichtshalber schon mal vor der Eingangspforte. Und trotzdem können Kinder hier ihren Spaß haben. Denn das Eigenheim steht mitsamt seiner Einrichtung auf dem Kopf – oder besser gesagt auf dem Dach. Sofa, Tische, Stühle, Betten, Klo und Küchenzeile: Alles hängt von der Decke herab, die natürlich eigentlich der Fußboden ist. Um die Verwirrung komplett zu machen, haben die Erbauer ihrem Einfamilienhaus auch noch ein Gefälle von sechs Prozent verpasst – zu viel für manche Besucher. „Man wird seekrank, weil es keine Senkrechte gibt“, sagt Theo Paul schelmisch, während er sicheren Schrittes die Treppe in den ersten Stock hinaufstapft. „Ich habe schon Bodybuilder-Typen erlebt, die sich hier grün im Gesicht am Geländer festgeklammert haben.“

Ihm selbst macht das Haus vor allem gute Laune, „wegen des Adrenalins, das bei der Kopf-Steherei ausgeschüttet wird.“ Den meisten jungen Besuchern scheint das ebenso zu gehen – auch ohne etwas anzufassen. Ohnehin schweben der Obstkorb auf dem Regal, die Katze im Körbchen und die Klobürste im Bad für kleine Leute unerreichbar hoch über den Köpfen. Herrlich die Zeit vertreiben kann man sich mit Fotografieren. Die besten Tricks für verblüffende Schnappschüsse kennt natürlich auch Theo Paul. „Der Kopfsprung ins Klo ist sehr beliebt.“ Dazu stellt man sich mit erhobenen Armen unter die Toilettenschüssel, knipst und dreht das fertige Bild hinterher einfach um.

Draußen vor der Tür funktioniert die Welt zum Glück wieder nach ihren eigenen Gesetzen – und man kann sich im Ostseebad Trassenheide umschauen. Das im Norden Usedoms gelegene Örtchen und seine beiden Nachbarn Karlshagen und Zinnowitz sind zwar längst nicht so mondän wie die Kaiserbäder, dafür aber prima geeignet für Familienurlaub. Gleich hinter dem vier Kilometer langen Sandstrand liegt ein verwunschener Kiefernwald, der durchwandert oder mit dem Rad erkundet werden kann. Von Mai bis Oktober kann man bei Touren mit dem Revierförster etwas über Tiere, Heilkräuter und Küstenschutz erfahren. Einen Ort weiter, in Karlshagen, locken ein Fünf-Sterne- Campingplatz direkt hinter den Dünen und der größte Yachthafen im deutschen Teil der Insel.

Baden, Radeln, Bötchen fahren – für viele reicht das schon zum Urlaubsglück. Wer zwischendurch kreative Abwechslung sucht, sollte das Gut Mölschow besuchen. In schönen Werkstätten des ehemaligen Pferdestalls können Kinder und Erwachsene töpfern, filzen oder mit Holz und Speckstein arbeiten. „Blumen kann man zum Beispiel machen oder die kleinen Mäuse dort“, sagt Eva Ewert und zeigt in die hohen Regale an den Wänden ihrer Filzerei. Ein Stockwerk höher in den Schauwerkstätten kann man Korbflechtern, Teppichknüpfern und anderen Handwerkern bei der Arbeit zusehen. Ebenfalls auf dem Gelände: ein Café, ein Schiffsmuseum, eine fünf Meter hohe Kletterwand und die alte Remise, unter deren Dach heute Carrera-Rennwagen und Modelleisenbahnen ihre Runden drehen – neun Minuten für einen Euro.

Während es in Mölschow immer im Kreis herumgeht, können Urlauber in Zinnowitz wahlweise in die Luft aufsteigen oder in die Tiefen der Ostsee abtauchen – beides dank des findigen Ingenieurs Andreas Wulff. Das „Lift-Café“ der Promenadenhalle schraubt sich mithilfe einer Wulff’schen Konstruktion 25 Meter in die Höhe und gewährt bei Tee oder Prosecco grandiose Ausblicke, „bei klarer Sicht bis nach Rügen“, verspricht Andreas Wulff. Wer seinen Nachwuchs nicht für die rund 40-minütige Ausfahrt begeistern kann, parkt ihn im angrenzenden 5-D-Kino oder bei den Animateuren der „Piraten-Erlebniswelt“ Für Regentage eine feine Sache.

Ruhige See wünscht man sich dagegen für eine Fahrt in Wulffs zweiter Erfindung: der Tauchgondel an der Seebrücke von Zinnowitz. Nach dem Besuch eines U-Bootes kam dem Maschinenbauer die Idee, Feriengästen die Ostsee von unten zu zeigen. Er entwarf eine Art Tauchkabine, die sich rumpelnd und glucksend dreieinhalb Meter tief ins Meer senkt. Zu Beginn der Fahrt erklärt „Kapitän“ Manfred Zimmermann, der früher tatsächlich zur See fuhr, erst mal den Notausstieg – beruhigt dann aber klaustrophobische Gemüter. „Die Luke da oben bleibt immer über Wasser.“ Von den 147 Fischarten, die hier heimisch sein sollen, sieht man an diesem Tag allerdings keine Schuppe. „Zu windig, zu viele Algen“, lautet Zimmermanns knapper Kommentar. Bei ruhigem Wetter habe man mehr Glück – und weitere Sicht. „Da schwimmen schon mal Barsche und Hornhechte vorbei.“

Heute ziehen sie nur im 3-D-Film „Die Ostsee“ ihre Bahnen, in dem das Wasser klar ist und die Kegelrobben in Hochform sind. Trotzdem fühlt man sich wie Käpt’n Nemo, wenn man mit Gerumpel und Gepumpel wieder an die Oberfläche schwappt. Als sich die Luke öffnet, warten schon die nächsten Gäste. „Wir möchten gerne tauchen“, sagt eine Dame. Manfred Zimmermann kontert mit Witz: „Dann haben Sie hoffentlich den Badeanzug dabei.“

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