Reise : Kirche ja, Predigt nein

Touristen besuchen gern Gotteshäuser. Die wenigsten allerdings aus spirituellen Beweggründen

Joachim Göres
Anziehungspunkt. Sogar im Künstlerdorf Worpswede in Niedersachsen schauen Besucher nicht nur in Ateliers und Galerien. Auch die Kirche wird besichtigt. Foto: ullstein bild - Vision Photos Foto: ullstein bild - Vision Photos
Anziehungspunkt. Sogar im Künstlerdorf Worpswede in Niedersachsen schauen Besucher nicht nur in Ateliers und Galerien. Auch die...Foto: ullstein bild - Vision Photos

Immer mehr Menschen begeben sich im Urlaub auf Pilgerwege, meditieren im Kloster – oder gehen in eine Kirche. So besuchen sechs Millionen Menschen jedes Jahr den Kölner Dom und zwei Millionen die Dresdner Frauenkirche, bei Touristen die beiden beliebtesten Ziele in Deutschland. Doch auch unbekanntere sakrale Gebäude ziehen Menschen an. „Wenn wir unterwegs sind, schauen wir uns überall Kirchen an und nach Möglichkeit auch Friedhöfe“, sagt Dieter Michael, Arzt aus Blankenburg am Harz. Er hat soeben gemeinsam mit seiner Frau Christa die Stadtkirche Celle betreten, die täglich bis zu 1000 Besucher zählt. Die Michaels wundern sich über den Prunk in dem 700 Jahre alten evangelischen Gotteshaus und bleiben staunend vor dem Altar mit seinen wertvollen Holzschnitzereien stehen. Dann wandert der Blick hinauf zu den aufwendigen Stuckarbeiten und der mächtigen Orgel. Gut 20 Minuten verbringen Christa und Dieter Michael in der Barockkirche – aus Interesse an Kunst und Musik, weniger an Religion, wie sie betonen.

Was interessiert Menschen an Kirchen? Wer geht überhaupt außerhalb des Gottesdienstes in eine Kirche und was macht er dort? Fragen, die Ralf Hoburg beschäftigen. Der Theologieprofessor an der Fachhochschule Hannover ließ 325 Besucher in 15 evangelischen Kirchen zwischen Cuxhaven und Goslar befragen, die in der Woche zu bestimmten Zeiten geöffnet sind. Manche Ergebnisse haben Hoburg überrascht. „Es sind nicht, wie viele wohl vermuten, vor allem die alten Mütterchen, die eine Kirche aufsuchen. Ein Drittel aller Besucher sind unter 30, nur 14 Prozent älter als 60.“

Überwiegend kommen Touristen, für die der Besuch einer Kirche bei der Erkundung einer fremden Stadt einfach dazugehört. Für die meisten sind Kirchen in erster Linie kulturhistorisch bedeutsame Gebäude. Nur jeder Fünfte bezeichnet sie als Denkmäler des Glaubens und nennt als Motiv für die Besichtigung die eigene Frömmigkeit. Die Mehrheit fühlt sich der Kirche verbunden, knapp ein Drittel bezeichnet sich als religiös ohne Kontakt zu einer Gemeinde.

Was schauen sich die Gäste genauer an? Nach Hoburgs Befragung vor allem den Altar, gefolgt vom Kreuz, der Orgel, den Engeln, den Kirchenfenstern und der Kanzel. Die meisten bleiben zwischen einer viertel und einer halben Stunde. Wenn sie die Räumlichkeiten wieder verlassen haben, dann sagt die Mehrheit, die Stille habe ihnen sehr gutgetan. Jeder Dritte fühlt sich von der besonderen Architektur und dem Kunstreichtum sehr angesprochen. 13 Prozent sind durch die besondere Atmosphäre ins Nachdenken gekommen, zwei Prozent ist die ganze Umgebung eher fremd geblieben.

Auch im Künstlerdorf Worpswede bei Bremen wurden Kirchengäste befragt. „Die Kirche Worpswede profitiert von der großen Zahl der Kultur- und Fahrradreisenden. Das ist eine Chance, die die Kirchengemeinde noch stärker nutzen könnte“, sagt Hoburg. Er ist überzeugt, dass nicht der besondere Ort oder die außergewöhnliche Architektur einer Kirche allein über die Besucherfrequenz entscheidet. „Wichtig ist ein Hinweis und die geöffnete Tür der Kirche. Das Flanierverhalten ist auch bei Kirchenbesuchern ausgeprägt: Wer eine geöffnete Tür sieht, entscheidet sich spontan viel häufiger für einen Besuch als bei geschlossener Kirchentür.“ Dann vermuten viele nicht zu Unrecht, die Kirche sei fest abgeschlossen. Nach Homburgs Recherche sind rund 30 Prozent der evangelischen Kirchen in der Region Oldenburg nur zu Gottesdiensten geöffnet. Hoburg hält das für einen Fehler: „Die Zahl derjenigen, die einfach mal so in eine Kirche gehen, ist siebenmal so hoch wie die der Gottesdienstteilnehmer.“

Viele historisch bedeutsame Kirchen können bei den Öffnungszeiten inzwischen durchaus mit Museen konkurrieren – dafür müssen die Besucher außerhalb des Gottesdienstes allerdings auch Eintritt zahlen, zum Beispiel in der Lübecker Marienkirche, im Meißener Dom oder der Nicolaikirche in Stralsund. In den weitaus meisten Gotteshäusern in Deutschland bleibt der Zutritt kostenlos, man hofft auf freiwillige Spenden der Besucher zum Erhalt des Gebäudes. Zudem kann der Gast gerade in größeren Kirchen Erinnerungsstücke kaufen – Postkarten, Bücher oder CDs mit Orgelmusik oder auch kunstvoll hergestellte Schutzengel. Im Magdeburger Dom kann man die laufenden Sanierungsarbeiten derzeit durch den Kauf von kunstvoll hergestellten Schutzengeln (9,50 Euro), einer Dommünze (14,90 Euro) oder eines Dombausteins finanziell unterstützen. „Am beliebtesten sind die Postkarten für 60 Cent und der Domführer für 3,50 Euro. Was teurer ist, geht nicht gut“, sagt die ehrenamtliche Mitarbeiterin hinter dem Tresen.

Zu anderen Ergebnissen kommt Michael Stausberg. Der Religionswissenschaftler hat für sein Buch „Religion im modernen Tourismus“ im norwegischen Bergen 412 Menschen befragt, von denen wie im norwegischen Durchschnitt etwa 80 Prozent Mitglieder der lutherischen Kirche waren. 86 Prozent der Befragten besuchen im Urlaub spirituelle Stätten, etwa die Hälfte von ihnen kauft dabei religiöse Souvenirs. Vor allem Nachbildungen wie Kruzifixe, Rosenkränze, Engel, Miniaturen der besuchten Kathedralen, auch Buddhafiguren oder Ikonen.

Forscher der Uni Paderborn haben gerade 1700 deutsche Reisende interviewt. Danach besucht jeder Zweite gern Kirchen und Klöster. Knapp 60 Prozent sprechen davon, dass sie dort eine „magische Atmosphäre“ erleben. Auf der Suche nach religiösen und spirituellen Erfahrungen ist allerdings nur jeder Zwanzigste.

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