Klausenburg : Mit Glanz und Schnörkel

Nokia hat Klausenburg bekannt gemacht – als Industriestandort. Doch die Stadt in Rumänien bietet mehr

Carsten Dippel

Klausenburg, Stadt der tausend Schätze. So heißt es in einer alten ungarischen Weise über die „Hauptstadt“ Siebenbürgens. Tausendundeins, muss man heute sagen. Denn jetzt ist ja noch Nokia hinzugekommen. Ausgerechnet dem finnischen Mobilfunkgiganten ist es zu verdanken, dass die drittgrößte rumänische Stadt Cluj (ungarisch: Kolzsvar, deutsch: Klausenburg) plötzlich in aller Munde ist.

„Transsilvaniae civitas primaria“, hieß es einst über das blühende Handelszentrum im Tal des Somes. Es könnte auch ein Motto dieser Tage sein, in denen sich Siebenbürgens Metropole so rasant wie kaum ein anderer Ort im Osten Europas wandelt. Auf Schritt und Tritt ist das zu spüren. Doch was Klausenburg reizvoll macht, ist nicht der Charme eines Industrieparks oder eine Stadt, gesehen durch die Brille von Investoren. Klausenburg bietet weit mehr.

Wer auf dem alten Handelsweg aus Richtung Budapest über Oradea (Großwardein), vorbei an ausgedehnten Neubauvierteln, nach Klausenburg kommt, trifft auf ein architektonisches Juwel. Als die Stadt noch zu Habsburg gehörte, entstanden hier zahlreiche Prachtbauten mit verschnörkelten Zwiebeltürmchen. Manche spiegeln sich heute in den Glasfassaden großer Banken, doch hat die brachiale Moderne die Altstadt weitgehend intakt gelassen. Die schönsten Ecken findet man hinter alten Toreinfahrten. Im Sommer, der hier sehr heiß sein kann, spenden die im Karree gebauten Hinterhöfe mit ihren eisernen Ziergittern wohltuenden Schatten. Sandsteinumfasste Fenster zeugen von alter Handwerkskunst.

Ob Belle Epoque, Jugendstil oder Neue Sachlichkeit – neben den alten Höfen im typisch siebenbürgischen Stil hat hier jede architektonische Strömung sichtbare Spuren hinterlassen. Wer sich nicht von den abenteuerlich zusammengeschnürten Stromleitungen, die an den Häusern entlanglaufen, stören lässt, wird Kostbares entdecken. Allein das Bánffy-Palais, benannt nach einem ungarischen Grafen, gehört mit seinem säulenumstandenen Innenhof zum Schönsten, was der Barock in Osteuropa hinterlassen hat. Hier befindet sich heute das städtische Kunstmuseum.

Ausruhen auf dem Gang durch die alten, immer recht belebten Gassen mit ihren vielen kleinen Geschäften kann man im Restaurant Roata. Dort gibt es noch die typische rumänisch-ungarische Küche. Üppig ist sie, mit viel Fleisch, doch das passt zum bäuerlichen Ambiente des Gasthauses.

Groß und prächtig erheben sich die Jugendstilbauten rund um den Platz der Einheit, beherrscht von der gotischen Michaelskirche. Die bis zu 1800 Meter hochragenden Berge des Westgebirges liegen gleichsam vor der Haustür, und auch die majestätischen Karpatenzüge sind nicht weit. Bären streifen dort noch durch die Wälder.

Ein wenig irritieren die rumänischen Fahnen. Sie sind überall. Selbst die Weihnachtsbeleuchtung soll hier blau, gelb, rot blinken. Aber es ist längst nicht mehr so extrem wie unter Gheorghe Funar, dem bis 2004 amtierenden Bürgermeister. Er hatte sämtliche Bänke im Zentrum und selbst Spielgerüste in den rumänischen Nationalfarben streichen lassen.

Zurzeit wird in Klausenburg an vielen Ecken gewerkelt, Straßen werden aufgerissen, Häuser restauriert. Nach zwölf Jahren der Agonie unter Funar bewegt sich endlich was. Manch eine Sanierung ist freilich gewöhnungsbedürftig ausgefallen. Da leuchtet ein gerade hergerichtetes Haus in grellem Grün, eingerahmt von bonbonrosa und sonnengelben Fassaden. Man liebt es eben etwas bunter.

Längst glänzt nicht alles, manche Gassen wirken noch trist. Was die Autos rausblasen – der Straßenverkehr ist immens –, hat sich auf den Fassaden schmutziggrau abgelagert.

Natürlich hat auch Ceausescu hier seine Spuren hinterlassen, stärker noch als andernorts, sieht man von Bukarest einmal ab. Des Diktators „Geschenk“ an Klausenburg war eine gezielte Romanisierungskampagne. Durch staatlich organisierten Zuzug von Rumänen, durch den Bau gigantischer Wohnsiedlungen in den einst vor der Stadt liegenden Dörfern. Eine gewaltige Umwandlung des Bevölkerungsgefüges war die Folge.

Der Blick vom Feleacu-Hügel mit seiner alten Befestigungsanlage ist trotz manch hervorstechender Bausünde herrlich. Am Fuße befindet sich die leuchtend bunte Stirnseite einer ehemaligen Synagoge, in der sich jetzt das „Tranzit-Haus“ befindet, ein Ort der Begegnung und der modernen Kunst. Zwischen Betonbauten ragen zahlreiche Kirchtürme auf. In der großen Michaelskirche hält die bittere Kälte niemanden ab, zur ungarisch-katholischen Messe zu kommen. In Sichtweite liegen die beiden evangelisch-lutherischen Kirchen. Zwei Pfarrer zelebrieren dort den deutsch-ungarischen Gottesdienst. Von hier sind es nur wenige Schritte zur Kirche der Unitarier. Heizstrahler wärmen die große Gemeinde, die sich im schlichten Innenraum des barocken Baus eingefunden hat. All das ist nichts gegen die Gottesdienste des Metropoliten der rumänisch-orthodoxen Kirche an der Piata Avram Iancu. Es ist Klausenburgs größtes orthodoxes Gotteshaus. Vorerst. Denn nur einen Steinwurf entfernt harrt seit vielen Jahren ein weiterer Kirchenbau seiner Fertigstellung.

Wer Cluj besucht, sollte unbedingt beim Handelsriesen Metro halten. Nicht wegen der überteuerten ausländischen Waren, die das deutsche Unternehmen in einem der größten Supermärkte anbietet. Vielmehr wegen des unscheinbaren Stands auf dem Parkplatz. Rauch strömt aus einem kleinen Metallkasten. Über der glühenden Holzkohle rotieren gleichlaufende Spindeln, auf denen jeweils eine Hefeteigrolle klebt. Mit Zucker, Nüssen oder Zimt bestreut, bildet sich mit der Zeit eine harte Kruste. Noch heiß schmeckt er am besten, der Kürtöskalacs. Der Name des süßen Gebäcks verrät zugleich die Herkunft ihrer Macher. Es sind Ungarn, die in Klausenburg noch gut ein Fünftel der Bevölkerung stellen. Vor 30 Jahren war es noch knapp die Hälfte.

Napoca haben die Römer einst die große Handelssiedlung am Somes genannt. Napoca ist auch heute noch für nationalgesinnte Rumänen ein Schlachtruf, wenn es gilt, an eine „dako-rumänische Kontinuität“ zu erinnern. Es geht auch friedlicher. Klausenburgs Großmolkerei Napolact zaubert ein Eis, für das man ein Langnese gern hergibt. Auch der Branza de Capra (Ziegenkäse) ist eine Sünde wert. Ästhetisch verpackt in einer Schachtel mit betont frankofiler Aufmachung, liegt er im Regal.

Viele Klausenburger lieben es inzwischen, mit ihren schicken neuen Autos (adieu, alter Dacia) bei Polus, Cora oder Auchan vorzufahren und sich ins Shopping-Mall-Getümmel zu stürzen. Selbst vierzig Kassen reichen kaum für die langen Schlangen. Wie anders hingegen die Stimmung auf dem großen Wochenmarkt, wo einfach gekleidete Bauern mit zerfurchten Gesichtern ihr Angebot ausbreiten. Man hat sie zwar vor kurzem in eine neue Halle gedrängt, aber hier gibt es trotzdem noch knackiges Gemüse, die Birnen duften nach Birnen, die Kartoffeln sind erdig, und die typischen Gogosari, eine spezielle Paprikaart, findet man kaum im Supermarkt.

Im Winter sitzt man am schönsten in den gemütlichen Sesseln des Teahouse, im Keller einer alten Jugendstilvilla. Gleich nebenan ist der Stadtpark mit seinen schmiedeeisern gerahmten Brückchen. Lange Zeit war in den Cafés und Kneipen die Luft nur mehr zum Schneiden. Aber es wird besser. Wie im Quo Vadis, wo es rauchfrei zugeht und kein Qualm die himmlische heiße Schokolade verdirbt. Ohrenbetäubend laut zischt die Espressomaschine im Café Amadeus. Hier ist alles auf Mozart getrimmt. Mozartkugeln, Mozartschokoladen – sogar die jungen Kellnerinnen tragen Barockkostüme. Salzburg könnte neidisch werden.

Im Sommer kann man die vielen Biergärten genießen. Wer’s mag, sollte das Silva Bruna probieren, ein würziges Schwarzbier. Oder Ursus. Damit zeigt man sich lokalpatriotisch, denn das „Bärige“ kommt aus Klausenburg. Ein Besuch im legendären Insomnia, besonders beliebt bei Studenten und Bohemiens, ist Pflicht. Gegenüber, im Arta, läuft das beste Kinoprogramm der Stadt. Ein holländischer Film mit rumänischen Untertiteln? Ganz normal. Wo sonst sollte die Vielsprachigkeit der jungen Klausenburger herkommen? Gleich neben dem Kino befindet sich das Deutsche Kulturzentrum und die Babes-Bolayi-Universität mit ihrer traditionsreichen deutschen und ungarischen Abteilung.

In einer eben restaurierten Synagoge können Studenten auch die einst so bedeutende jüdische Geschichte Transsilvaniens erforschen. Apropos Filme: Klausenburg hat sich mittlerweile neben seinem Ruf als Theater- auch den einer Filmstadt erworben. Seit 2002 findet hier jedes Jahr im Mai / Juni das Internationale Transsilvanische Filmfestival statt.

Von jeher haben sich in Klausenburg die Wege verschiedenster Religionen und Kulturen, Vergangenes und Gegenwärtiges gekreuzt. Und noch immer sind es die Kontraste, die das Bild der Karpatenstadt prägen. Wer sich heute aufmacht in diese an Schätzen reiche und in der Vergangenheit so geschundene Gegend, wird vieles aufspüren, was Europa einst ausgemacht hat. Zeit, daran wieder anzuknüpfen. Und warum nicht in Klausenburg? Sein Nokia- Handy mag mancher vielleicht aus Protest in die Tonne werfen, die Stadt der tausend Schätze sollte man jedoch nicht verpassen.

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