Klosterurlaub : Obdach für die Seele

Vom Einkehrtag bis zur Entspannungswoche: In Kärntner Klöstern kann man gepflegt zur Ruhe kommen.

Stift St. Paul
Stift St. Paul: Das Kloster liegt malerisch im Lavanttal. -Foto: ddp

Hier wird nur geflüstert. "Der Name der Rose", raunt jemand. "Gleich wird Sean Connery in brauner Kutte die Arkaden entlang eilen." Szenen aus Umberto Ecos Roman und dessen späterer Verfilmung gehen einigen der wartenden Besucher durch den Kopf. Nur fehlt der Nebel, der die alten Gemäuer einhüllt. In Kärnten strahlt die Sonne, es herrscht mal wieder Föhn, und Pater Gerfried Sitar erwartet seine Gäste in ziviler Kleidung im Klosterhof.

Zwölf Benediktiner-Mönche leben im Stift St. Paul im Lavanttal. Die Kirche aus dem 12. Jahrhundert zählt zu den wichtigsten mittelalterlichen Sakralbauten Österreichs. "Sie können mit uns fromm sein", sagt Pater Gerfried: "Sie können an unseren Gebeten teilnehmen, die Begegnung mit Gott suchen, aber Sie müssen es nicht. Sie können sich auch einfach nur erholen und bewusst vom Alltag Abstand nehmen." Die neu gestalteten Zimmer, zu denen die Gäste geführt werden, sind spartanisch, aber gemütlich eingerichtet. Fernsehen und Internet? Beides gibt es natürlich nicht.

Neun Klöster und Exerzitienhäuser gibt es in Kärnten, dem südlichsten Bundesland Österreichs, die "Kloster auf Zeit" und "Einkehrtage" anbieten. Jedes Haus widmet sich bestimmten Schwerpunkten und setzt dadurch auf unterschiedliche Zielgruppen. "Das Kloster St. Paul ist ein anerkanntes Bildungs- und Kulturzentrum", berichtet Pater Gerfried: "Seit 1777 ist dem Kloster ein Gymnasium angeschlossen." Die stiftliche Kunstsammlung umfasst Werke von Rubens, Rembrandt, Dürer, van Dyck, Tiepolo, Da Vinci und Kremser Schmidt. Sie ist eine Fundgrube ostasiatischer Kunstgegenstände. Die Büchersammlung dokumentiert mit 100 000 Bänden die Schreibkunst vom frühen 4. bis zum ausklingenden 18. Jahrhundert.

Der engagierte 40-jährige Pater hat sich viel vorgenommen: "Am 25. April 2009 eröffnen wir im ,Schatzhaus Kärntens' die Europa-Ausstellung. In alten Kellergewölben wird hochmoderne Technik dem Besucher das näher bringen, was unter dem Staub der Jahrhunderte verborgen gewesen ist. Vieles, das mit dem Begriff Europa in Verbindung gebracht wird, hatte seine Wurzeln in den Klöstern."

Das Stift St. Paul bietet nicht nur der Seele etwas, sondern auch dem Leib. Wer gehobene Gastlichkeit schätzt, findet sie im klostereigenen Café-Restaurant "Atrium" und lässt den Abend mit einem hauseigenen Tropfen, dem "Vinum Paulinum", ausklingen. Das Gefühl von Urlaub auf dem Bauernhof vermittelt das Kloster Wernberg östlich von Villach. Die 64 Missionsschwestern vom Kostbaren Blut sind Selbstversorger. Sie bewirtschaften fast 180 Hektar Wald, Ackerfläche und Weideland. Rinder, Schweine, Hühner, Kaninchen und Bienenvölker stehen unter der Obhut der Schwestern. Schwester Monika Maria erwartet ihre Gäste am Eingangstor: "Wer ein Obdach für die Seele sucht, benötigt keine Fünf-Sterne-Luxus-Suite", sagt sie, "sondern ein Atemholen der Seele ermöglicht die für ein Kloster charakteristische Stille."

Das Kloster befindet sich in den Räumen eines einstigen Schlosses. Stolz zeigt Schwester Waltraude, die für die Gästebetreuung zuständig ist, Alben mit Fotos von Stammgästen, "die seit vielen Jahren zum "Entschleunigen" nach Wernberg kommen. "Es sind Familien, Ehepaare, Singles, die mit uns in einer Großfamilie leben. Unsere 46 Übernachtungsmöglichkeiten sind immer gut gebucht."

Bei Schwester Hedwig kann man viel über Kräuter und daraus zusammengestellte Teemischungen erfahren. "Das Trocknen der Kräuter ist eine Wissenschaft für sich", meint sie. "Kornblumen zum Beispiel dürfen nur bei 40 Grad im Backofen trocknen, sonst verlieren sie ihre blaue Farbe." Wer mehr über altes Handwerk erfahren möchte, der kann in der Paramenten-Stickerei den Schwestern Michaeli und Edeltraut über die Schulter schauen, wie sie Ministranten- und Taufkleider anfertigen. Und in der Hostien-Bäckerei darf man auch mal eine Oblate frisch aus dem Ofen probieren.

Heute geht es ein Stück entlang dem Pilgerweg der heiligen Hemma, der Landesmutter Kärntens. Das Ziel ist Gurk. Dort stiftete die heilige Hemma 1043 eine Marienkirche und ein Benediktinerinnen-Kloster, in dem sie ihre letzten Lebensjahre verbrachte. Seit 1932 wirkt im Gurker Dom die Ordensgemeinschaft der Salvatorianer. "Das Pilgern lehrt uns, durchzuhalten, Vertrautes loszulassen und neue Ufer anzusteuern", sagt Andrea Enzinger vom Diözesanen Pilgerbüro Klagenfurt: "Pilgern ist Asyl für die Seele."

Die Glocken des Gurker Doms läuten, als die Pilger ihr Ziel erreichen. Pater Leo Thenner segnet die Ankommenden und verteilt Früchtetee, Äpfel und Brot, bevor er die Gruppe durch den romanischen Dom und in die mit Marmorsäulen ausgestattete Krypta zum Grab der heiligen Hemma führt. Das Gästehaus St. Hemma bietet mit über 70 Betten auch Einzel- und Doppelzimmer an, weckt aber insgesamt doch eher Jugendherbergserinnerungen. Dafür entschädigt der aromatische Bohneneintopf, der am Abend im Speisesaal serviert wird.

Ein Bildungshaus und Seminarhotel ist das Stift St. Georgen am Längsee. Das mehr als 1000 Jahre alte ehemalige Benediktinerinnenstift ist die älteste noch bewohnte Klosteranlage Kärntens. Der erste Eindruck lässt das Gefühl aufkommen, in einem guten Drei-Sterne-Hotel hinter Klostermauern zu sein, wären da nicht die beiden Kreuzschwestern Isabella und Bernadette. Sie gehören zum Orden der "Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz", der 1844 gegründeten Franziskanischen Gemeinschaft. "Wir leben seit fast 45 Jahren im Stift", erzählt Schwester Bernadette: "Unser Orden stammt aus der Schweiz. Weltweit gibt es noch etwa 4000 Kreuzschwestern." Die beiden Frauen kümmern sich um die Blumenbeete in den Stiftsgärten und bieten Bastelkurse an. "Besonders beliebt sind unsere Kurse über biblische Erzählfiguren", erzählt Schwester Isabella.

Auch zu ihren morgendlichen Gebeten in der Hauskapelle sind Gäste herzlich willkommen. "In elf Tagungsräumen wird ein vielseitiges Programm in den Bereichen Schöpfungsverantwortung und ökosoziales Wirtschaften angeboten", berichtet Hoteldirektor Mario Bergmoser: "Mehr als 1100 Veranstaltungen finden pro Jahr hinter unseren dicken Mauern statt." Seit drei Jahren sind alle Doppelzimmer und Appartements mit TV- und Internetanschluss ausgestattet. Bei so viel geistlichem Programm muss mancher Gast offenbar doch hin und wieder irdisch abschalten - oder besser "einschalten". Dabei bieten die Stiftsgärten ausreichend Entspannung für den Urlaub zur "Destination-Ich": einen kleinen Pilgerweg, das St. Georgener Lavendel-Labyrinth, eine Kräuterspirale, einen Arzneigarten, Obstplantagen und einen Naturspielplatz. Direkt vom Kloster führen Wanderwege durch Wald und Wiesen, die auch für Nordic-Walking-Anhänger nutzbar sind. In der Nähe befinden sich mehrere Reiterhöfe. Entlang des Längsees gibt es ausreichend Bademöglichkeiten. Und im Frühjahr wird unweit des Klosters ein Golfplatz eröffnet.

Der letzte Morgen. Ein Blick aus dem Fenster: Nebel. Keine zehn Meter Sicht. Auch wenn Sean Connery nicht auftauchen wird: Die Kulisse stimmt.

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