Kolonialzeit und Befreiung : Alte Wunden

Schmerzhafte Kapitel: Nur selten wird im Gegensatz zur deutschen Kolonialzeit über die völkerrechtswidrige Annektion durch Südafrika gesprochen.

Wolfgang Drechsler
Witbooi
Hendrik Witbooi, Kämpfer gegen den Kolonialismus und Nationalheld -Foto: akg

Wie eine Festung erhebt sich das mächtige Massiv aus der Ebene: 250 Meter hoch thront der Waterberg über dem kargen Buschfeld von Namibia. Blutrot versinkt die Sonne am Horizont und wirft ihre letzten Strahlen auf die gezackten Felsen am oberen Bergrand, die wie Orgelpfeifen in den afrikanischen Himmel ragen. Wenn es auf dem fast 50 Kilometer langen und 16 Kilometer breiten Plateau regnet, läuft das Wasser durch eine Schicht Sandstein, ehe es auf hartes Gestein trifft. Hier quillt es dann in unzähligen kleinen Quellen aus dem Fels. Es ist ein spektakuläres Schauspiel, das dem Berg seinen Namen gab.

Mehr als seine Geologie interessiert die meisten Besucher jedoch eine Schlacht, die hier im August 1904 zwischen den Soldaten der deutschen Schutztruppe und rund 6000 Hereros tobte – und die das Verhältnis der Deutschen zu ihrer früheren Kolonie bis in die jüngste Vergangenheit belastet hat. Einige Historiker haben den blutigen Feldzug gegen die Herero sogar als den ersten Genozid im 20. Jahrhundert beschrieben.

Die Vorgeschichte zur Schlacht am Waterberg beginnt 30 Jahre im Jahr 1884. Damals setzten sich in Berlin die Herrscher Europas zusammen und sezierten Afrika per Lineal. Die Rosinen hatten sich andere schon längst aus dem kolonialen Beutegut gepickt. Nur der südwestliche Quadrant, der nicht gerade als besonders lukrativ galt („Streusandbüchse des Reichs“), blieb noch für den kolonialen Nachzügler Deutschland.

Nachdem Reichskanzler Otto von Bismarck die Erwerbungen des Bremer Kaufmanns Adolf Lüderitz an der Angra Pequena (heute: Lüderitzbucht) im April 1884 zum kaiserlichen Protektorat erklärte, beginnt im Südwesten Afrikas schon bald eine junge Gesellschaft zu wachsen: Schutztruppe, Einwanderer, die erste Schule, ein Männerturn- und Kegelverein, Kirchengemeinden. Und natürlich wird auch eine Brauerei gebaut. Um die Jahrhundertwende zählt die weiße Bevölkerung in Südwest an die 5000 Deutsche, und die ersten Siedler beginnen in das Landesinnere vorzurücken.

Doch schon bald stößt die Landnahme auf Widerstand: Im Januar 1904 erheben sich die im zentralen Landesteil ansässigen Herero gegen die deutschen Farmer. Gut bewaffnete Kämpfer töten binnen weniger Tage etwa 200 Siedler. Missionare, Frauen und Kinder werden verschont.

Was genau zum Aufstand führte, ist umstritten. Vermutlich war es der fortschreitende Verlust von Land und Vieh an die wachsende Siedlerschar, der die Hereros verbitterte. Die alltägliche Diskriminierung und eine zunehmende Rechtsunsicherheit gipfeln schließlich in einem Krieg, der von allen Kriegen, die Deutschland als Kolonialmacht im Kaiserreich führte, der blutigste war – und für die Herero in einem Desaster mündet.

Im Juli 1904 zieht der deutsche Kommandant, Generalleutnant Lothar von Trotha, mehr als 4000 deutsche Soldaten jenseits des Waterbergs zusammen. Zunächst versucht er, die Hereros einzukreisen, doch durchbrechen diese den Belagerungsring und fliehen in die fast wasserlose Omaheke-Wüste im Osten. In dieser Situation erlässt von Trotha jene berüchtigte Anordnung, die später als Vernichtungsbefehl in die Geschichte eingehen wird: „Innerhalb der Deutschen Grenzen wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen.“ Wie viele Hereros in dem Krieg mit den Deutschen umkamen, lässt sich heute nicht mehr ermitteln. Sicher ist, dass Tausende in der Wüste einen qualvollen Tod durch Verdursten starben oder an Krankheiten in den deutschen Gefangenenlagern. Historikern zufolge ergab eine im Jahre 1911 unternommene Volkszählung, dass rund 15 000 Herero überlebt hatten. Die Bevölkerungszahl vor dem Krieg ist indes nur grob bekannt: Schätzungen reichen von 35 000 bis maximal 100 000 Herero. Im schlimmsten Fall starben somit fast 80 Prozent der Volksgruppe in den Kämpfen und deren Folgen. Unter den Deutschen verloren rund 2300 ihr Leben.

Seitdem streiten sich die Historiker darüber, ob es sich bei dem Vernichtungsfeldzug Trothas um einen Völkermord im klassischen Sinne handelt. Die erst 1948, also lange nach dem damaligen Geschehen verabschiedete Uno-Konvention zur Verhinderung von Genozid, definiert den Tatbestand des Völkermords als die „vorsätzlich begangene vollständige oder teilweise Vernichtung einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe“. Alles dreht sich dabei um den Begriff „Vorsatz“. Während es sich im Fall der Herero ohne Zweifel um die Vernichtung einer Volksgruppe handelt, bleibt unklar, ob es wirklich einen umfassenden Vernichtungsplan seitens der deutschen Regierung gab.

Dagegen spricht, dass der damalige Gouverneur von Südwestafrika, Theodor Leutwein, schwere Bedenken gegen die Strategie Trothas hegte. Einige Historiker haben zudem darauf verwiesen, dass das Wort „Vernichtung“ im Kaiserreich eine andere Bedeutung als später im Dritten Reich gehabt habe. Während es unter den Nazis die völlige Auslöschung eines Volkes bezeichnete, sei im Kaiserreich die völlige militärische Niederschlagung des Gegners gemeint gewesen. An den verheerenden Folgen für das Volk der Herero ändert all dies jedoch wenig.

Seitdem fordern die Hereros von Deutschland Reparationszahlungen in Höhe von rund vier Milliarden Dollar. Berlin begegnet den Forderungen nach Wiedergutmachung mit dem Argument, die nach 1945 geschaffenen Uno-Normen zur Ahndung von Genozid könnten nicht rückwirkend auf das Jahr 1904 angewendet werden. Insofern hätten die Verbrechen der Kaiserzeit „keinen Verstoß gegen geltendes Völkerrecht“ bedeutet – und seien im Übrigen verjährt. Allerdings hat Heidemarie Wieczorek-Zeul, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, anlässlich einer Gedenkfeier zur 100. Wiederkehr des Kolonialkrieges im August 2004 eine historische und moralische Verantwortung und die „Schuld der Deutschen zu jener Zeit“ akzeptiert – jedoch ohne daraus einen Rechtsanspruch der Herero auf Entschädigung oder Reparationen herzuleiten. Hierfür fehle, mehr als drei Generationen und drei politische Systeme in Deutschland später, eine rechtliche Grundlage, heißt es.

Allerdings hat Deutschland seiner früheren Kolonie in den Jahren seit der Unabhängigkeit mit einer Entwicklungshilfe von über 500 Millíonen Euro den im Vergleich zu anderen Ländern Afrikas mit Abstand höchsten Pro-Kopf-Betrag gezahlt. Die Hereros, die heute mit einem Bevölkerungsanteil von etwa sieben Prozent eine Minderheit sind, können dieser Generosität freilich wenig abgewinnen. Sie machen geltend, fast nichts von dem Geld gesehen zu haben, weil die von den Ovambos dominierte Swapo-Regierung dies vor allem an ihre eigene Volksgruppe im Norden verteilt habe. In der Tat werden die Hereros von der Regierung in Windhoek weitgehend ignoriert. Denn für die Ovambos, die von der deutschen Kolonialherrschaft weit weniger als die meisten anderen Volksgruppen berührt wurden, ist der deutsche Feldzug gegen die Hereros und später auch die Namas im Süden allenfalls noch eine Fußnote im nationalen Befreiungskampf.

Erstaunlich ist, wie selten im Gegensatz zur 30-jährigen deutschen Kolonialzeit über die lange Phase gesprochen wird, die Namibia nach dem Zweiten Weltkrieg vom Apartheidstaat Südafrika völkerrechtswidrig als fünfte Kolonie annektiert war. Und wenn dies doch einmal geschieht, dann heißt es meist, die wirklich schlimmen Dinge hätten sich damals nicht in Südwestafrika sondern im Nachbarland Angola abgespielt, wo das kommunistische Regime der MPLA von 1975 an zusammen mit den Sowjets und Kubanern gegen die Südafrikaner und die vom Westen unterstützte Rebellengruppe Unita kämpfte. In diese Zeit fällt auch der südafrikanische Angriff auf ein Camp der Swapo in Cassinga, bei dem 1978 rund 600 Menschen ums Leben kamen. Während die Südafrikaner behaupten, dass es sich dabei um das Hauptquartier der Swapo gehandelt habe und fast ausschließlich Guerillas ums Leben kamen, beharrt die Swapo darauf, es habe sich um ein Flüchtlingslager gehandelt – und dass die Mehrheit der Toten Zivilisten gewesen seien.

Wie manch andere Grausamkeit im Verlauf der 30-jährigen Widerstandsphase wurde auch Cassinga nie unabhängig untersucht. Namibia selbst bezahlt nun den Preis dafür, dass es, anders als Südafrika, nie eine eigene Wahrheitskommission zur Aufarbeitung seiner Geschichte eingesetzt hat. Stattdessen einigten sich die Swapo und die südafrikanische Verwaltungsmacht vor der Unabhängigkeit des Landes auf eine Generalamnestie für die von beiden begangenen Verbrechen.

Dass alle Beteiligten nicht ohne Makel sind, wurde spätestens deutlich, als der deutsche Pastor Siegfried Groth vor zehn Jahren in seinem Buch „Namibia: Die Mauer des Schweigens“ auf die Gräuel hinwies, die auch die Swapo an ihren gefangenen Anhängern begangen haben soll, weil sie diese der Spionage für Südafrika verdächtigte. Bis heute hat die einstige namibische Widerstandsbewegung diese Verbrechen nie eingestanden.

Nun hat die Gegenwart die Swapo aber doch eingeholt: Seit Mitte letzten Jahres wird in Namibia erneut leidenschaftlich darüber debattiert wie mit der Vergangenheit umzugehen sei. Der Grund: Ende Juni wurde bekannt, dass die Nationale Gesellschaft für Menschenrechte in Namibia (NSHR) den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag aufgefordert hat, die Rolle des namibischen Gründervaters Sam Nujoma im Befreiungskampf genauer zu untersuchen. Denn die NSHR ist überzeugt, dass sich auch die Swapo im Widerstandskampf schwerer Menschenrechtsverstöße schuldig gemacht hat.

Dass die NSHR sich nun plötzlich über das einst vereinbarte Stillhalteabkommen hinwegsetzt und ein internationales Gericht anruft, hat die Swapo maßlos empört. Wer vorhabe, die glorreiche Geschichte des namibischen Freiheitskampfes neu zu schreiben, riskiere es, das Land in Anarchie zu stürzen, wetterte etwa Präsident Pohamba.

Wie man alte Wunden noch Jahrzehnte später heilen kann, haben vor kurzem die Nachfahren von General Lothar von Trotha gezeigt. Eine zehnköpfige Familiendelegation der von Trothas reiste im Oktober letzten Jahres nach Namibia, um sich hier in einer Reihe privater Begegnungen mit den Herero auszusöhnen. Allerdings hatte Thilo von Trotha, der Sprecher der Delegation, schon zu Beginn des Namibia-Besuchs wissen lassen, dass die Familie sich nicht dazu berufen fühle, den Hereros eine offizielle Entschuldigung zu offerieren. Gleichwohl unterstütze sie die von der Bundesregierung abgegebene Erklärung zur historischen Schuld der Deutschen und bekunde ihrerseits ein außerordentliches Bedauern über das damals Geschehene. „Die Herero haben dies akzeptiert“, berichtet Thilo von Trotha „und uns gesagt, dass der Name von Trotha nun gereinigt sei“. Und er werde wiederkommen, um den Versöhnungsprozess fortzuführen.

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