Krankheit auf Reisen : Der Teufel in Mali

Wer auf Reisen krank wird, kann Seltsames erleben. Ein Buch offenbart Details.

Birgit Weidt

Es kann überall passieren. In der menschenleeren Wüste, am überfüllten Strand, in der pulsierenden Stadt: Schwindelanfall, bohrende Zahnschmerzen, Magenkrämpfe, ein fieberheißer Kopf. Wie gut wäre es, in solch einer Situation daheim zu sein! Doch eine Krankheit auf Reisen bringt immerhin einprägsame Erfahrungen. Das spüren Weltenbummler wie Axel Hacke, Peter Mayle und Wolfgang Büscher und versuchen, Haltung zu bewahren. Wenn auch mit Galgenhumor.

Neben schneller medizinischer Versorgung hilft eine Portion Schicksalsergebenheit. Und Offenheit gegenüber unbekannten Heilmethoden. Autor Michael Obert etwa stand in Mali mit steifem Nacken und schmerzverzerrtem Gesicht vor dem Hotelchef. Der fuhr ihn zu einem Wunderheiler und wies ihn an: „Schauen Sie ihn nicht an bei der Begrüßung. Dann geben Sie ihm Ihre Zigaretten. “ Der Heiler befragte das Orakel und wusste danach, dass Obert einen bösen Fluch eingeatmet habe – der Teufel sitze in ihm und es gelte nun, ihn auszutreiben. Behandlung: Waschen mit schlammgrünem Wasser, einatmen von beißendem Rauch, inklusive Würgereiz und Atemnot. Kosten: rund 15 Euro. Ob nach der Tortur der Nacken noch weh tat? Aufgrund der extremen Rauchbelastung trat wahrscheinlich das Prinzip der Schmerzhierarchie in Kraft, worauf der stärkere Schmerz den weniger starken verdrängt: Den Nacken spürte er kaum noch, dafür fiel ihm nun das Atmen schwer, und die Glieder zitterten.

Andere Länder, andere Sitten. Das erlebte die Osteuropaexpertin Merle Hilbk, als sie, gepeinigt von Bauchkrämpfen, in Russland ein Krankenhaus aufsuchte. Man stellte ihr einen Blecheimer mit fünf Liter Salzwasser hin, mit der Anweisung: austrinken! Die Ärztin baute sich vor ihr auf: „Sie wollen doch nicht, dass wir Ihnen den Magen auspumpen. Sterile Schläuche haben wir nämlich nicht mehr auf der Station.“ Und Salzwasser habe bisher immer geholfen.

Wer ein gesundheitliches Problem hat, lernt auch die Mentalität des Gastlandes kennen. Zum Beispiel beim Zahnarzt, der einem schmerzhaft nah kommen kann. Auch in Polen, obwohl da die sprachliche Verkleinerungsform vieler Worte wie ein medizinisches Täuschungsmanöver anmutet. So musste der Kabarettist Steffen Möller zwecks Routinedurchsicht auf dem Fotelik, dem Sesselchen, Platz nehmen, worauf ihm ein Sliniaczek, ein Tüchelchen, umgelegt wurde. Dann ging es los: „Sehen Sie mich nicht so erschrocken an, wir gucken nur mit einem Spiegelchen, was sich da bei Ihnen so tut. Aha, das Zahnfleischchen.“ Die Zahnärztin kündigte an, dass es beim Bohren ein „klitzekleines bisschen weh tun könnte“. Sie traf den Nerv!

Im Moment unerträglicher Fußschmerzen befand sich der Journalist Juan Moreno im Land seines Vertrauens, in Japan. Ein Land, technisch auf dem neuesten Stand, das die Hitliste jener Staaten anführt, wo er sich, rein theoretisch, vorstellen konnte, bestens behandelt zu werden. Sein Heimatland Spanien beispielsweise rangierte auf der imaginären Skala weit unten, wie auch alle anderen Savoir-vivre- Länder: „Zu genussorientiert, zu nachlässig.“ Als er wegen eines ins Fleisch gewachsenen Zehennagels die Krankenstation seines Tokioter Fünf-Sterne-Hotels aufsuchte, in der Hoffnung, sofort operiert zu werden, antwortete die Ärztin lächelnd: „Mein Kollege kann Sie erst am 6. Januar operieren.“ Denn alle hätten frei, auch die Ärzte, abgesehen von einer Notbesetzung, aber ein eingewachsener Fußnagel sei kein Notfall. Und sie fügt leise hinzu: „Der Januar ist besser, um krank zu werden.“ Also flog er nach Vietnam, ein kleiner Eingriff für 35 Dollar, und ein paar Wochen später war alles wieder gut. Nur seine Hitliste bekam eine neue Rangordnung.

Passiert etwas unterwegs, kristallisiert sich oft heraus: Wo Gefahr ist, wächst auch das Rettende. Und meistens ist eine Reise durch das Kranksein nicht zu Ende, sondern nimmt eine überraschende, wenn auch schmerzhafte Wendung. Doch eines ist sicher: Der Schmerz geht, die Reise bleibt. Und es gibt eine Menge zu erzählen. Birgit Weidt


Philip Laubach- Kiani, Robert Jacobi (Herausgeber):  Reisen, bis der Arzt kommt. Erste Hilfe auf Chinesisch und andere Reisegeschichten. Malik Verlag, September 2009, 256 Seiten, 14,95 Euro.

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