Kreuzfahrt : In alter Freundschaft

Die „Azores“ zählt zu den betagtesten Musikdampfern auf dem Markt. Sie war schon als DDR-„Traumschiff“ unterwegs.

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Schiff mit Geschichte. Die heutige „Azores“ wurde 1948 als „Stockholm“ in Dienst gestellt und trug seitdem viele Namen.
Schiff mit Geschichte. Die heutige „Azores“ wurde 1948 als „Stockholm“ in Dienst gestellt und trug seitdem viele Namen.Foto: Ambiente Kreuzfahrten

Seine wahrlich bewegte Geschichte mit ständigem Auf und Ab hat das Schiff nicht allein Wind und Wellen zu verdanken. Es rammte einst die „Andrea Doria“, war dann als das „Traumschiff“ verdienter DDR-Genossen unterwegs und sticht nun im Alter von 68 Jahren nach ungezählten Wellentälern wieder in See. Seit März nimmt das Schiff, das 1946 als „Stockholm“ auf Kiel gelegt wurde und seitdem viele Namen trug, als „Azores“ erneut Passagiere mit auf große Fahrt. Gechartert hat es Ambiente Kreuzfahrten, ein Unternehmen unter dem Dach der FFR Ferien-, Freizeit- und Reiseservice GmbH, die wiederum zum Firmenimperium der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) gehört. Das Schiff im Eigentum einer portugiesischen Reederei steuert in diesem Sommer unter anderem Norwegen, Grönland, die Ostsee und im Herbst das Schwarze Meer an.

Bevor die „Azores“ jedoch wieder Kreuzfahrtgäste an Bord nehmen konnte, musste sie auf einer Werft in Marseilles auf Vordermann gebracht werden. Ob es den Ansprüchen der Kreuzfahrer genügt, die von der Vielzahl neuer und neuester Schiffe verwöhnt sind? Da gehen die Meinungen nach ersten Eindrücken von Passagieren an Bord etwas auseinander.

Vermarket wird die „Azores“ als Schiff der „gehobenen Mittelklasse“. Der vorhandene Platz in den öffentlichen Bereichen des Oldtimers für maximal 550 Reisende wird gelobt, die Ausstattung der Kabinen zumindest nicht ausdrücklich gerügt. Das Freizeitangebot wie Fitnessraum und Sauna erntet kein Lob, und bei der Beurteilung des Kulinarischen in den nunmehr drei Restaurants schlagen Passagiere in ihren Internet-Blogs nicht eben Purzelbäume vor Begeisterung. In Bezug auf Professionalität und Freundlichkeit des Servicepersonals gehen die Meinungen weit auseinander. Während mancher „Freundlichkeit und Bemühen“ attestiert, vermuten andere, das zum Teil osteuropäische Personal sei noch aus den Tagen an Bord, als das Schiff als „Völkerfreundschaft“ unter der Flagge des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) unterwegs war.

Die Geschichte des Transatlantik-Liners sucht ihresgleichen

Subjekte Eindrücke, gewiss, doch oft sind auch – wie bei Pauschalreisen allgemein – die Ansprüche im Verhältnis zum Reisepreis eher überzogen. Allerdings: Zu Schnäppchenpreisen gibt es keinen Platz auf der „Azores“. So werden für die zehntägige Ostseekreuzfahrt „Baltische Schätze“ im Mai von Kiel nach Kiel immerhin knapp 1500 Euro pro Nase in der günstigsten Innenkabine fällig. Ein ganz ähnliches Angebot von Costa auf der „Pacifica“ (Baujahr 2009, knapp 3800 Passagiere) ist bei zwölf Reisetagen für die Hälfte des Preises zu haben.

Abgesehen davon, ob sich ein Passagier auf der „Azores“ nun pudelwohl fühlt oder nicht: Er darf zumindest mit Gewissheit behaupten, auf einem nahezu einzigartigen Teil Kreuzfahrthistorie unterwegs zu sein. Denn die Geschichte des als Transatlantik-Liner konzipierten Schiffs sucht ihresgleichen. Seine Jungfernfahrt führte es im Februar 1948 von Göteborg nach New York. Auf dem Rückweg von New York nach Europa ereilte das 160 Meter lange, schlanke Schiff – für 86 Passagiere der 1. Klasse und 584 in der Touristenklasse – am 25. Juli 1956 ihren ersten harten Schlag. Nur wenige Stunden nach dem Auslaufen rammte es in dichtem Nebel kurz vor Mitternacht den doppelt so großen Liner „Andrea Doria“. Mittschiffs getroffen sank das italienische Schiff, 46 der 1706 Menschen an Bord kamen um Leben. Auf der „Stockholm“ waren fünf tödlich Verletzte zu beklagen. Das Schiff konnte jedoch aus eigener Kraft nach New York zurückkehren, wo es einen völlig neuen Bug erhielt.

Kreuzfahrten beziehungsweise Schiffsreisen waren in den 1950ern in der Bundesrepublik noch etwas ganz Exotisches, belegt mit mehr als nur einem Hauch von Luxus. Kinder standen etwa im Juli 1959 mit offenen Mündern am Nordseestrand, während ihre fernglasbewehrten Väter ihnen bedeuteten, dort, am Horizont, sei die „Bremen“ zu sehen, ein Passagierschiff des Norddeutschen Lloyd, das „reiche Leute“ von Bremerhaven bis nach Amerika bringe. Unvorstellbar! Gleichwohl war zu der Zeit im Westen schon so etwas wie Reisefieber ausgebrochen.

Die DDR hatte ihr „Traumschiff“

Das Wirtschaftswunder nahm seinen Lauf, der Wohlstand mehrte sich, und „man“ konnte es sich zunehmend leisten, in Urlaub zu fahren. Einige Beneidenswerte schafften es sogar schon bis Mallorca. Diese Entwicklung mochte die DDR-Führung nicht nur beobachten, vielmehr gab es das Projekt „Urlaubsschiff“ schon seit Jahren. Nachdem es mit dem Bau eines eigenen Kreuzers nicht so klappte, kauft der Volkseigene Betrieb (VEB) Deutsche Seereederei 1960 schließlich die „Stockholm“ von Svenska Amerika Linien. Der FDGB, Dachverband der Einzelgewerkschaften, als Betreiber taufte das Schiff nicht nur neu, sondern selbstverständlich wurde es zum Ein-Klassenschiff für 568 Passagiere auch umgemodelt.

Damals war’s. Als erstes DDR-Urlauberschiff schipperte die „Völkerfreundschaft“ – hier 1973 im Hafen von Warnemünde – durch die Ostsee und bis nach Kuba.
Damals war’s. Als erstes DDR-Urlauberschiff schipperte die „Völkerfreundschaft“ – hier 1973 im Hafen von Warnemünde – durch die...Foto: imago/Ulrich Häßler

Auf der „Völkerfreundschaft“ – Heimathafen nunmehr Rostock – gaben sich fortan sogenannte verdiente Werktätige ein Stelldichein. Sie durften als Belohnung für unermüdliches Basteln am Arbeiter- und Bauernstaat Ferien auf den Weltmeeren machen, um so dem Klassenfeind die Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren. Die DDR hatte ihr „Traumschiff“. Bis ins befreundete Kuba schipperten die Genossen, was bei einer Gelegenheit nicht einer gewissen Brisanz entbehrte, als die „Völkerfreundschaft“ während der Kuba-Krise im Oktober 1962 die US-amerikanische Blockade durchbrach, jedoch unbehelligt die Zuckerinsel erreichte.

Mitte der 1980er Jahre schickte Ost-Berlin die „Völkerfreundschaft“ schließlich in Rente. Das bedeutet keineswegs das Ende der Kreuzfahrtherrlichkeit für verdiente Genossen. Vielmehr übernahm der VEB Deutfracht/Seereederei Rostock (DSR) die 1980 in Hamburg gebaute „Astor“, die 1983/84 als erstes ZDF-„Traumschiff“ unterwegs war. Sie wurde unter dem Namen „Arkona“ für den Feriendienst des FDGB in Dienst gestellt und war noch 1990 Drehort der DFF-Fernsehserie „Luv und Lee“. Mittlerweile kreuzt die einstige „Arkona“ unter dem Namen „Saga Pearl II“ unter der Flagge Maltas hauptsächlich für britische Kunden auf den Weltmeeren.

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