Kreuzfahrt : In St. Petersburg ist Bildung hochprozentig

Dinner im Smoking, Sternekoch am Herd: Auf der „Deutschland“ ist alles vom Feinsten. Nur Landausflüge dürfen robust sein.

Stefan Quante
Kein Heckmeck. Der Blick vom Liegestuhl aus aufs schier endlose Meer, das das Schiff durchpflügt, trägt immer dazu bei, dass Ruhe bei den Sehleuten eintritt.
Kein Heckmeck. Der Blick vom Liegestuhl aus aufs schier endlose Meer, das das Schiff durchpflügt, trägt immer dazu bei, dass Ruhe...Foto: Deilmann/Holger Leue

Mein Gesprächspartner auf dem Lidodeck macht einen hellwachen Eindruck. Seine 91 Jahre merkt man dem Charakterkopf nicht an. Wir genießen die milde Luft und plaudern über die Vorteile des Kreuzfahrens, die Schönheiten des Baltikums und die Vorfreude auf das Dinner im Gourmetrestaurant Vier Jahreszeiten der „Deutschland“. Beim Abschied bekomme ich noch einen strengen Rat mit auf den Weg: „Sie ziehen sich ja sicher vor dem Essen noch um!“ Keine Sorge, ohne Sakko und Krawatte hätte ich mich wirklich unwohl gefühlt. Denn hier an Bord stimmt die Etikette noch. Beim Captain’s Dinner ist die Smokingdichte erstaunlich hoch, und an normalen Tagen sitzt so mancher Gast auch schon um 17 Uhr abendfein an der Bordbar.

Der Durchschnittsgast auf dem „Traumschiff“ von Gnaden des ZDF hat seine Ansprüche und Gewohnheiten. Schon beim ersten Frühstück fällt auf, dass Ehepaare oder alte Freundinnen sich nicht gegenüber, sondern nebeneinander (meist in Fahrtrichtung und dem Rücken zur Wand) setzen. Und sie sitzen früh da, damit ihnen die besten Plätze sicher sind. Neue Gesichter schaut man sich zunächst etwas kritisch an; der Gruß eines Fremden wird auch schon mal souverän ignoriert. Denn man ist unter sich. Die Zahl der Stammgäste – auf Neuhochdeutsch Repeater genannt – liegt im hohen zweistelligen Bereich.

Er lag früher allerdings noch höher, bei 90 Prozent. Aber die Erfolgsrezepte von Reedereigründer Peter Deilmann, der 2003 mit 67 Jahren starb und dessen Fußstapfen für seine beiden Töchter wohl zu groß waren, bedürfen dringend einer Auffrischung. Unter der Ägide des neuen Eigentümers, der Aurelius AG und ihres Vorstandsvorsitzenden Dirk Markus, soll die ein wenig aus der Zeit gefallen wirkende „Deutschland“ behutsam in neues Fahrwasser geleitet werden. Vor allem die neu und pfiffig konzipierten Landausflüge sollen dabei helfen, jüngeres und aufgeschlossenes Publikum anzulocken, ohne die Stammklientel zu vergrätzen.

In Riga hat sich eine kleine Gruppe modisch abenteuerlustiger Damen zum Ausflug „Mode und Jugendstil" angemeldet. Im kleinen Atelier von Anna Led schwelgen sie in lettischer Haute Couture. Und gleich im Anschluss bei Zofa erleben sie Schuhmode, die dank mutiger Form- und Farbgebung doch eine gewisse Kaufzurückhaltung auslöst – Einzelstücke allesamt. Elina Dobele, die Chefdesignerin, ist gelernte Architektin. Vor drei Jahren entdeckte sie ihre Liebe zur kleinen Form und macht nun „Häuschen für die Füße“ in einem Ladengeschäft, das so originell gestaltet ist, dass es auch in Paris oder London liegen könnte.

Oder am nächsten Morgen in Tallinn. Natürlich gibt es auch noch die geführte Tour zu den zahlreichen Sehenswürdigkeiten der tausendjährigen Handelsstadt. Doch es geht auch origineller. Wir haben einen Ausflug auf den kleinen örtlichen Fischmarkt gebucht. Expeditionsleiter ist Küchenchef Erik Brack. An Land hatte er es zuletzt in Husum 2004 zu einem Michelin-Stern gebracht. Seit sechs Jahren auf See hat er sich vorgenommen, das Niveau dort allen Widrigkeiten zum Trotz (hohe Wellen, schwierige Logistik, wenig aufgeschlossene Gäste) so weit wie möglich zu halten.

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