Barrierefreie Kreuzfahrt : Im Lift zur Aussicht

Auch für Rollstuhlfahrer kann ein Kreuzfahrtschiff ein kommodes Zuhause auf Zeit sein.

von
Der Horizont ist für alle da. Rollstuhlfahrer sollten jedoch auch vorausschauend buchen, damit ihre besonderen Anforderungen erfüllt werden.
Der Horizont ist für alle da. Rollstuhlfahrer sollten jedoch auch vorausschauend buchen, damit ihre besonderen Anforderungen...Foto: promo

Siegfried Schäfer* ist beidseitig beinamputiert und im täglichen Leben auf einen Rollstuhl angewiesen. Doch abgesehen von dieser körperlichen Beeinträchtigung ist er fit, und der Ruheständler aus Berlin-Charlottenburg hätte nichts dagegen, sich auch weiterhin etwas von der Welt anzuschauen. Allein schon seiner Frau zuliebe. „Ich fände ja eine Schiffsreise ganz toll und denke, auch für meinen Mann wäre eine Kreuzfahrt eigentlich eine prima Sache“, sagt Sigrid Schäfer – doch sie ist sich unsicher, ob diese Art des Reisens für sie beide überhaupt praktisch machbar ist.

Wie klappt das an Bord mit einem Rollstuhl? Bietet die Kabine genügend Raum? Und wie sieht es im Bad aus? Sie hat gehört, auf Schiffen seien Nasszellen besonders klein. Blieben ihrem Mann bestimmte Bereiche an Bord vorenthalten, weil sie nicht barrierefrei sind? „Dass bei bestimmten Zielen ein Landgang zu schwierig für einen Rolli ist – klar. Doch man kann sich ja die passende Route heraussuchen, außerdem dürfte es keine Strafe sein, auch mal an Bord zu bleiben, um wirklich seine Ruhe zu haben.“

Die Aussicht auf eine Kreuzfahrt ist für jemanden mit einer erheblichen Gehbehinderung durchaus verlockend: Ein Schiff bietet eine entspannte Art zu reisen. Schließlich ist niemand gezwungen, jeden Klamauk an Bord mitzumachen – und auch außerhalb von Kabine und Balkon gibt es fast durchweg auf allen Kreuzfahrtschiffen ruhige Ecken, wo sich der Gast bestens aufhalten kann, ohne sich abgeschoben zu fühlen. Und man kommt halt rum, ohne sich bereits vor der Reise auf eine Unterkunft festlegen zu müssen, die den Anforderungen eines Rollstuhlfahrers gerecht wird. Wir haben bei für den deutschen Markt wichtigsten Reedereien nachgefragt, wie sie es mit der Barrierefreiheit halten.

Aida Cruises Alle Schiffe der Flotte verfügen über barrierefreie Kabinen, je nach Schiffstyp zwischen vier und elf. Die meisten Bars, Restaurants und Außendecks sind erreichbar. Gäste mit individuellem Handicap erwartet beim Einsteigen ein spezieller Schalter und am ersten Tag ein „Barrierefrei-Treff“, um Gäste zu Landgängen zu beraten. Faltrollstühle können an Bord geliehen werden, zehn Euro pro Tag. Ob das sinnvoll ist, wenn der Passagier auch bei An- und Abreise auf diese Hilfe angewiesen ist, sei dahingestellt. In jedem Fall gibt es eine Rufnummer, unter der mögliche Fragen beantwortet werden: 03 81 / 20 27 08 12

Costa Kreuzfahrten Alle 14 Costa-Schiffe weisen behindertengerechte Kabinen auf. Passagiere mit eingeschränkter Mobilität haben Vorrang beim Ein- und Ausschiffen. Passagier Rolf berichtet auf einer Online-Plattform: „Ich bewerte die ,Pacifica‘ als Rollstuhlfahrer. Es gab keinerlei Probleme bei der Ein- u. Ausschiffung. Das Schiff ist fast überall barrierefrei! Selbst bei Landausflügen gab es keine Probleme, auch nicht bei Tenderbooten. … Die Nasszelle ist fast barrierefrei, hat eine ebenerdige Dusche (Absatz nur ca. 4cm). Wir hatten eine Außenkabine mit 18 qm. Reicht vollkommen!“

Cunard Cruise Line Alle Cunard-Schiffe sind barrierefrei, per Lift sind alle öffentlichen Räume zugänglich. Auf der „Queen Mary 2“ gibt es 32 rollstuhlgerechte Kabinen, je 18 auf den Schiffen „Victoria“ und „Elizabeth“.

Hapag-Lloyd Kreuzfahrten Vier Schiffe der Flotte verfügen über Kabinen, die behindertengerecht eingerichtet sind („Europa“, „Europa 2“, „Hanseatic“, „Bremen“). Gäste, die auf einen Rollstuhl oder besondere Vorrichtungen in Kabine/Bad beziehungsweise auf dem Schiff angewiesen sind, sollten sich vor der Buchung erkundigen, ob ihre Anforderungen erfüllt werden können. Der Einstieg in Tenderboote ist durch eine Rampe gewährleistet. Gehbehinderte Menschen im Rollstuhl können selbst zu den Rettungsbooten gelangen.

MSC Kreuzfahrten Alle zwölf Schiffe sind barrierefrei, es stehen – je nach Bauart des Schiffes – bis zu 45 Kabinen für Passagiere „mit eingeschränkter Mobilität zur Verfügung“. Einige Landausflüge böten sich für Rollstuhlfahrer besonders an, heißt es. Bei Voranmeldung können entsprechende Ausflüge organisiert werden.


Norwegian Cruise Line Die gesamte Flotte ist rollstuhlgerecht ausgestattet und bietet spezielle Kabinen für körperlich beeinträchtigte Passagiere. Die Zahl dieser Kabinen variiert: zwischen 5 und 42, je nach Bauart des Schiffes. Der Zugang zu allen öffentlichen Räumen ist barrierefrei. Der Pool ist per Lift erreichbar. Für Rollstuhlfahrer besonders geeignete Ausflüge werden speziell gekennzeichnet.

Tui Cruises Alle Schiffe sind mit barrierefreien Kabinen (zwischen sieben und zehn) ausgestattet und haben Fahrstühle, die den Zugang zu nahezu allen öffentlichen Bereichen ermöglichen. Bei Landausflügen sollten Gäste auf den Vermerk „Extra leicht“ achten, da diese Angebote auch für Rollstuhlfahrer geeignet sind.

Manche Einschränkungen gelten für alle Schiffe: Generell sollte ein körperbehinderter Gast mit einer Begleitperson reisen, die ihm behilflich sein kann. Und: Der Rollstuhl sollte „Normalmaße“ aufweisen. Von Landgängen, die nur mittels Tenderbooten möglich sind, bleiben Rollstuhlfahrer oft ausgeschlossen, obwohl in manchen Online-Foren darüber berichtet wird, auch das sei kein Problem. Die Frage lässt sich jedoch oft bereits im beratenden Reisebüro klären. Auch gibt es auf manchen Schiffen schon mal kleinere Decks, die nur über eine steile Treppe zugänglich sind. Aufschläge für behindertengerechte Kabinen gibt es nicht. Und noch etwas ist bei allen Reedereien zu hören: Die Nachfrage ist groß, sehr rechtzeitiges Buchen wird empfohlen. Das haben die Schäfers auch schon gehört – und wollen sich jetzt kümmern. Nicht nur ihnen sei jedoch ein Reisebüro empfohlen, das sich schwerpunktmäßig mit Seereisen befasst.

*Namen von der Redaktion geändert

0 Kommentare

Neuester Kommentar