Skandinavien : Karaoke bei den Schären

Ökologisch korrekt unterwegs auf der „Viking Grace“: Eine Tagesfahrt von Stockholm nach Helsinki zeigt Skandinaviens Werte.

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Alles sauber an Bord. Servicekraft an Deck der „Viking Grace“.
Alles sauber an Bord. Servicekraft an Deck der „Viking Grace“.Foto: Hella Kaiser

Acht Uhr morgens. Arglos spaziert der Gast ins Restaurant Aurora – und staunt. Du lieber Himmel, was haben sie da alles aus dem Meer gefischt? Hering in zahlreichen Varianten, Krabben, Garnelen, Kaviar und jede Menge Lachs, alles appetitlich angerichtet auf dem langen Büfett. Den Teller mit Ausgesuchtem zu einem Fenstertisch getragen, dann kann das Frühstücksfestmahl beginnen. Leider kann man sich nicht darauf konzentrieren. Denn wir gleiten gemächlich an reizenden Inselchen vorbei, mal rundlich, mal gezackt, dann wieder ellipsenförmig oder dreieckig. Einige sind bewaldet, andere felsenkahl. Die Schären sind eine Wunderwelt und sie will gar kein Ende nehmen. Fast 30 000 der Mini-Eilande beklecksen die Ostsee noch weit hinter Stockholm.

Dort sind wir in aller Frühe an Bord der „Viking Grace“ gegangen. Mit lauter Ohrwürmern vom Vortag im Kopf. „Waterloo“, „Take a Chance on me“, „Super Trouper“, das ganze Abba-Programm. Denn als hätte Stockholm nicht schon genug zu bieten, locken sie ja inzwischen auch mit einem Museum für die schwedische Kultband. Außerdem spazierten wir unter alten Ahornbäumen auf der Insel Djurgarden und waren hin und weg von der entzückenden Gärtnerei Rosendals trädgard. Blumen und Kräuter verkaufen sie dort, aber eben auch Organic-Kaffee und Ökokuchen. Das Open-Air-Café hat viel Platz auf einer Streuobstwiese.

Seit 2010 kann sich Stockholm mit dem Titel „Umwelthauptstadt Europas“ schmücken. In Stadtteil Hammarby Sjöstad zeigen die Schweden, wie man ein altes Industriegelände nachhaltig bebauen kann. Energieeffiziente Häuser und Apartments für 25 000 Menschen sind am Wasser entstanden. Vor allem junge Familien mit Kindern wohnen hier, zu für Stockholmer Verhältnisse eher moderaten Preisen. Was umwelttechnisch möglich ist, wird hier praktiziert. Müll wird durch Vakuumtechnik in unterirdischen Röhren entsorgt und in einem ausgeklügelten System recycelt.

Keine Rauchschwaden, kein Motorengedröhn

Jeder Bewohner macht mit. Es gibt zahlreiche Spielplätze für Kinder, aber kaum Raum für Autos. Nur 35 Wagen aus einem Carpool werden geduldet, und die fahren mit Biogas. Was sie sich noch alles ausgedacht haben im zukunftsweisenden Hammarby Sjöstad, wird im Infozentrum Glashus Ett am Ort erklärt. „Bürgermeister aus aller Welt sind schon dagewesen“, sagt ein Mitarbeiter stolz, praktikable Nachhaltigkeitskonzepte seien eben international gefragt.

Stockholm macht es Touristen leicht, die Stadt umweltbewusst zu entdecken. Zu Fuß, mit dem Fahrrad oder in Elektrobooten kommt man prima rum. Bis gestern also hatten wir ökologisch kaum Schaden angerichtet – aber nun sitzen wir auf einer großen Fähre nach Finnland. Und Schiffe blasen bekanntlich eine Menge Schadstoffe in die Luft. Dieses nicht. Die „Viking Grace“ braucht weder Schweröl noch Diesel, sondern wird mit Flüssiggas angetrieben. Der CO2-Ausstoß reduziert sich erheblich, die Schwefelemissionen sinken auf Werte von nahezu null.

2013 wurde das 240 Millionen teure Schiff in Dienst gestellt. 2800 Personen finden darauf Platz, 880 Kabinen können gebucht werden. „Man hat extrem leichte Materialien verbaut und auf eine hydrodynamische Linienführung geachtet“, erklärt Kapitän Magnus Thörnroos. Kurz, die „Viking Grace“ sieht ziemlich schnittig aus. Sie gilt als „sauberstes und leisestes Fährschiff der Welt“. Das kann man an Deck nachprüfen. Keine Rauchschwaden, kein Motorengedröhn.

Prompt hat die „Viking Grace“ im vergangenen Jahr den Shippax Award gewonnen, mit dem innovative neue Schiffe ausgezeichnet werden. Die auf der Strecke Stockholm–Turku eingesetzte Fähre konnte auch mit ihrem Design punkten. Für die Innenausstattung der sieben Restaurants und Bars zeichnet dSign Vertti Kivi& Co verantwortlich, Finnlands renommiertestes Innendesignbüro. Kühle Lila- und Blautöne kontrastieren mit warmem Gelb und Orange, das Mobiliar ist skandinavisch funktional, alles wirkt licht und luftig, bodentiefe Panoramafenster geben den Blick aufs Meer frei.

Auf Kickbikes durch Helsinki

Auf unserer elfstündigen Tagesfahrt sind überwiegend finnische Passagiere an Bord. Und die haben weniger Interesse am Seeblick denn am Duty-Free-Shop. „Es ist der größte auf dem baltischen Meer“, behauptet die Reederei Viking Line. Viel Hochprozentiges ist im Angebot, aber auch interessante schwedische und finnische Design-Labels liegen aus.

Auf der „Viking Grace“ gibt es keine Plastikflaschen, und der Biowein wird in formschönen Gläsern ausgeschenkt. Finnen trinken anscheinend lieber Bier. Abends und nachts wird der Club Vogue, der sich spiegelnd über zwei Etagen erstreckt, zum groovenden Hot Spot. Jetzt, am Nachmittag, versammeln sich etliche Passagiere im „Retro“, einer Bar im Stil der siebziger Jahre. Karaoke-Time. Während die internationalen Besucher im Abba-Museum gestern eher schüchtern vor den vielen Mikrofonen standen, geben die Finnen auf der Fähre alles. Jeder noch so schräge Singversuch wird übermütig beklatscht.

Wer nicht zuhören oder mitmachen will, hat viele Alternativen an Bord. Es gibt gemütliche Lounges, Cafés – und natürlich das Deck mit besten Aussichten. „Von den rund elf Stunden Überfahrt bis Turku sehen Sie nur zwei Stunden lang die offene See ohne Inseln“, sagte Kapitän Magnus Thörnroos. Spätnachmittags schippern wir durch den finnischen Schärengarten und erreichen gegen Abend Turku. Weiter geht’s mit dem Bus – es gibt auch sehr gute Zugverbindungen – ins knapp 170 Kilometer entfernte Helsinki.

Auch die finnische Metropole setzt Zeichen in puncto Nachhaltigkeit. Im gemütlichen Szeneviertel Kallio machen sie aus Altem interessantes Neues. „Wir versuchen, möglichst coole Dinge herzustellen“, sagt Jon Sundell, der hier sein kleines Unternehmen „Made in Kallio“ gegründet hat. Cool ist in jedem Fall das Kickbike, das Hannu Vierikko erfunden hat. Eine Art Tretroller, bei dem das vordere Rad viel größer ist als das hintere. Erst zaghaft, dann immer mutiger rollern wir zum Botanischen Garten. Natürlich nicht so schnell wie Hannu, der bergrunter auf 80 Stundenkilometer kommt.

Dann hinauf – das gibt Muskelkater! – zu einem Ausguck über der Töölö-Bucht (Töölölathi). „Die Finnen sind ein sportliches Outdoor-Volk“, sagt eine deutsche Touristin. Hannu schaut irritiert. „Finnen sitzen am liebsten einfach irgendwo rum und trinken was“, sagt er. Das kann fabelhaft nachhaltig sein.

Auskunft: Die einfache Fährpassage auf der „Viking Grace“ von Stockholm nach Turku kostet ab 17 Euro. Mit dem Auto ab 33 Euro. Buchung im Internet unter vikinggrace.com

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