Kreuzfahrten : Gute Noten

Lernen an Bord macht immer mehr Passagieren Spaß. Besonders wenn es ein Zertifikat gibt.

Dagmar Zurek

Bei den einen heißt es „Oxford Experience“, bei den anderen „University on Sea“; „Creative Learning“ preist die eine Reederei an, die nächste ein „Visions Enrichment“. Alle Anbieter des internationalen Kreuzfahrtmarkts aber wissen genau: Irgendwelche besonderen Anreize muss ihr jeweiliges Bordprogramm schon aufweisen, um den potenziellen Kunden dazu zu bringen, genau auf ihr Schiff zu gehen. Sie müssen mit ihrem Bordprogramm denjenigen ebenso ansprechen, der nur seine Lieblingsbeschäftigung intensivieren will, wie den Passagier, der nach seiner Reise wirklich einen Erkenntnisgewinn mit nach Hause tragen will, etwas ganz Neues erlernt haben möchte auf „seinem“ Schiff. Und womöglich auch noch etwas Zusätzliches für die Gesundheit getan hat, was über all die Yoga- und Pilates-Übungen hinausgeht, die eigentlich inzwischen zum Standard einer jeden Kreuzfahrt gehören.

Realitätsnah und nützlich sind etwa die Kurse, wie sie jüngst auf einer Indienreise der „Deutschland“ für Passagiere angeboten wurden, für die ein Langstreckenflug nach Hause anstand: Die Fitnesstrainerin des Schiffs bereitete die Gäste auf ihren Neunstundenflug vor, zeigte effektive Übungen wie „Fußpumpen“ und „Schulterkreisel“, durch die die gefürchteten Embolien vermieden werden können.

Zum Bordprogramm der „Deutschland“ gehört auf manchen Reisen auch die tägliche Chorprobe des „Passagierchores“. Jeder weiß, singen ist gesund, tut gut, und so mancher Passagier, der sich nachmittags im Kinosaal des Schiffes zum Mozart-Kanon oder Seemanns- Shanty einfand, könnte zu Hause vielleicht ernsthaft erwägen, endlich mal in einen Chor einzutreten ...

Dass man auf deutschen Schiffen Vorträge eines Finanzjournalisten zur Lage auf den internationalen Geldmärkten hört, ist eher selten, wird aber auf der „Deutschland“ auch angeboten.

Sehr beliebt beim vorwiegend amerikanischen Publikum der Sechs-Sterne- Schiffe von Crystal Cruises sind Vorträge wie: „Was unterschreibst du da?“, „Financial Fitness“, „Alles über Fondsanalysen“ oder „Steuerworkshops“. Doch auch schlichtere Lifestyle-Kurse wie „Kerzenmachen“, „Kreuzstich“, „Sushi-Rollen“ oder „Kalligrafie“ finden ihr Publikum. Ein Hit: „Yamaha’s Passport to Music“ – ein Kurs, der die Absolventen befähigt, zumindest Beethovens „Ode an die Freude“ in Keyboardversion zu spielen. Durch ein Zertifikat belegt. So wie auch jeder Teilnehmer der Sprachkurse ein Berlitz-„Zeugnis“ bekommt. Nicht länger nur Spanisch wollen die amerikanischen Gäste auf ihren Lieblingsschiffen lernen, auch Chinesisch beziehungsweise Mandarin-, Hebräisch- oder Russischkurse werden von ihnen besucht.

Auf den ausgemacht luxuriösen Schiffen von Silverseas Cruises dagegen setzt man vor allem auf Kulinarik. Bei Kochdemonstrationen kooperiert die Reederei mit den Hotels von Relais & Chateau, bietet deshalb auch schon mal Themen- Kreuzfahrten als „Culinary Arts Enrichment Voyages“ an. Eher normal sind dann schon wieder Golf-Reisen, auf denen man auf 35 der „weltweit wichtigsten“ Golfplätze sehen kann, ob sich die Übungen am bordeigenen Simulator auch wirklich bezahlt machen. Auf speziellen „Smithonian Journeys“ von Crystal Cruises referieren andererseits Dozenten des renommierten Smithonian-Instituts über Kunst, Politik oder Wirtschaftsthemen.

Ob Windows-Management, Desktop- Navigation oder Adobe Photoshop: Computerkurse bieten fast alle Reedereien inzwischen an. Auf noch mehr Begeisterung treffen allerdings – wer hätte es gedacht? – Kochshows. Auf den Schiffen von Holland-Amerika tobt das Leben in den Culinary Arts Centers, im Stil eines Theaters gehaltene Eine-Million-Dollar-Schauküchen, in denen Sterneköche, Sommeliers und Kochbuch-Autoren Vorträge und Kurse anbieten.

Das Bordprogramm der sogenannten Partyschiffe wird hingegen oft unterschätzt. So gibt es durchaus Reisen wie etwa auf der „Aida Aura“, auf denen es in Vorträgen um wissenschaftliche Phänomene, Ozeanografie, Physik und Geologie geht. Hier verbrämt man Lerninhalte mit interaktiven Experimenten und erklärt die Welt in kleinen „Science Shows“ – und insbesondere die Naturschauspiele rund um die angesteuerten Ziele. Nur – bei Aida heißen solche Reisen dann eben „Eventreisen“.

„Palmieren“ , eine besondere Art des Sehtrainings, kann man dagegen auf Reisen mit Schiffen der Reederei Phoenix erlernen. Sehschulen werden neben Kommunikationsübungen, Finanzpower-Training und Gedächtniskursen vor allem auf langen Reisen eingesetzt. „Wir arbeiten eng mit dem Bundesverband für Gedächtnistraining zusammen“, erklärt Maggy Pfingsten- Brohm von Phoenix-Reisen. „Auf jeder Weltreise werden außerdem auch immer Computer- sowie Englischkurse angeboten. Auf kurzen Reisen lohnt sich das jedoch nicht. Da haben wir ,nur‘ einen Lektor für die landeskundlichen Vorträge an Bord.“

Hören, wie es früher dort war, wohin man fährt, ist dann auch meist das Thema aller Lectures oder Vorträge auf Kreuzfahrtschiffen. Wie allerdings die Zukunft der Welt aussehen wird, das ist das Thema eines sogenannten „Symposiums auf See“ auf den Transatlantikpassagen des Flaggschiffs von Hapag-Lloyd, der „Europa“, die Referenten aus Politik, Wirtschaft und Kultur eine beliebte Plattform für ihre Vorträge und Diskussionen bietet. Hapag-Lloyd darf überhaupt als Vorreiter der von Experten begleiteten Kreuzfahrten gelten. Vor allem die sogenannten Expeditionsschiffe wie „Columbus“ und „Hanseatic“ werden seit jeher von Geowissenschaftlern, Ornithologen, Meeresbiologen oder Arktisexperten begleitet.

Garten, Malen, Weltreligionen. All das steht heute schon auf der „Entertainment“-Angebotspalette der Kreuzfahrtschiffe. Ganze Themenreisen werden darum gestrickt.

Fraglich allerdings bleibt, ob Kunden eine Kreuzfahrt buchen, nur weil ein Ministerpräsident a. D. sein neues Buch vorstellen wird, ein ehemaliger ZDF- Nachrichtenchef über Australiens Politik referiert (derweil seine Frau Gedichte rezitiert). Eher nein. Promi-Namen an Bord sind es nicht, die dafür sorgen, dass eine bestimmte Gruppe von Menschen bestimmte Seereisen bucht, von denen sie den Eindruck haben, dass diese genau auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Wer eine Reise nach Kolumbien macht, will unter Umständen Smaragdschnäppchen machen. Viele Menschen aber buchen ihre Reise, weil sie wissen, es sind Experten, Lektoren an Bord, die sie genauestens informieren über die Destinationen – und ihnen genau das beibringen können, was man immer schon können wollte: im Internet surfen, kochen, Keyboardspielen.

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