Kreuzfahrten : Treffpunkt Glitzertreppe

Die "Splendida" bietet viel auf dem Mittelmeer. Aber täglich muss man das Schiff verlassen. Denn faszinierende Hafenstädte locken.

22 Uhr auf dem Mittelmeer, irgendwo zwischen Barcelona und Tunis. Zeit für einen späten Espresso auf der MSC Splendida, das Abendessen war üppig. Nur, wie kommt man jetzt in die edel mit karamellfarbenem Onyxmarmor ausgelegte Kaffeebar? Eine der beiden elegant geschwungenen Treppen müsste man nehmen, aber die haben schon Italienerinnen besetzt. Nirgendwo sonst könnten sie so filmreif bella figura machen wie auf diesen gläsernen Stufen, unter denen hunderttausende goldfarbene Swarowskikristalle funkeln. Anmutig drehen sich die Damen, mal nach links, mal nach rechts. Unten drängeln, eifrig fotografierend, Ehemänner, Freunde, Väter.

Mit den Treppen haben die Designer der „MSC Splendida“ einen Coup gelandet. Und sie haben sich auch sonst bemüht, auf dem 333 Meter langen Schiff mit seinen 18 Decks ungewöhnliche Akzente zu setzen. Die Jazzbar ist im poppigen Stil der 60er Jahre gehalten, die Piano Bar wurde mit runden, krokodilfarbenen Sofas ausgestattet, der Boden schimmert in tiefgrünem Marmor.

Die Splendida wurde im vergangenen Jahr als zehntes Schiff der italienischen MSC-Kreuzfahrten-Flotte getauft. „Rundum gelungen“, lobt das Ehepaar Hahn aus Rheinland-Pfalz ihr schwimmendes Hotel. Aber das Schönste sei doch die Fahrt auf dem Mittelmeer. „Jeden Tag ein anderer Hafen“, schwärmt Rosemarie Hahn. Nach vierzig Jahren Ehe holen die beiden hier ihre Hochzeitsreise nach. „Damals hat unser Geld nur für den Schwarzwald gereicht“, sagen sie lächelnd.

Dort war es vermutlich idyllischer als auf einem Schiff, das knapp 4000 Passagiere aufnehmen kann. „Das verläuft sich“, sagt das Ehepaar und gibt gleich einen Tipp. „Gehen Sie zum Frühstück nicht ins Selbstbedienungsrestaurant Bora Bora, da drängeln sich zu viele am Büfett.“ Besser sei das Restaurant Villa Verde, wo auch das Abendessen serviert wird. „Da wird Ihnen das Bestellte an den Tisch gebracht“, resümiert das Paar zufrieden.

Es gibt auch nörgelnde Gäste. „Gestern Abend hatten wir ein deutsches Ehepaar am Nachbartisch, das sich über die vielen Kinder beschwert hat“, berichtet Frau Hahn. Dabei sind Kinder auf der „MSC Splendida“ sonst äußerst willkommen. Bis zum Alter von 17 Jahren übernachten zwei Kinder in der Kabine der Eltern kostenlos. Ein Angebot, das Familien gern nutzen, auch wenn es durch die zusätzlichen, heruntergeklappten Betten in den Kabinen dann eng wird.

Das Schiff erreicht den Hafen von Tunis. „Wie ist die Stadt?“ – „Keine Ahnung“, sagt die italienische Kellnerin Maria. „Wir haben hier schon oft angelegt, aber ich bin nie von Bord gegangen. Die Kultur ist mir zu fremd.“ Manche Passagiere haben einen Landausflug gebucht, auf Individualisten warten gelbe Taxen. 40 Euro beträgt der Fixpreis für eine Stadtfahrt und retour. Ein stolzer Preis für die überschaubare Strecke.

Außerhalb des Hafengebiets müsste ein Handel möglich sein. „Zehn Euro in die Stadt“, bieten wir. „Bitte einsteigen“, sagt Monsieur Adan, der Fahrer, und treibt den Preis nach fünf Minuten Fahrtzeit auf 30 Euro hoch. „Zu viel“, sagen wir. „Ach, reden wir nicht über Geld. Wenn Sie zufrieden sind, zahlen Sie 30 Euro, wenn nicht, eben weniger“, sagt der Tunesier nonchalant. Zehn Minuten später parken wir an der Kathedrale. „Geradeaus durchs Tor kommen Sie in die Medina, die Altstadt“, sagt Monsieur Adan. In drei Stunden wird er uns hier wieder erwarten.

Hinter dem Tor verbirgt sich ein buntes Gassenlabyrinth. Kaum bleibt man vor einer Auslage stehen, eilt der Besitzer herbei. „Kommen Sie herein, nur schauen, Madame, „un plaisir des yeux“, sagt einer. Ein „Vergnügen für die Augen“ sind sie schon, diese ulkigen Marionetten, die an einem Ständer baumeln. „Handarbeit“, lockt der Händler, „nicht teuer“. Später, später. Das Gedränge ist beängstigend. Doch je tiefer man in den Bauch der Medina taucht, umso mehr verschwinden die Souvenirartikel. Keine Touristen mehr in den Obstgassen, bei Töpfen und Pfannen oder dort, wo geschlachtete Hühner liegen. Weiße Häuser säumen die Gassen, Türen und Fensterläden sind blau. Etliche scheinen unbewohnt, auf Balkonen wächst Gras. Tunis ist verwirrend. Überhaupt, wie findet man zurück zu Monsieur Adan?

Wuselig ist der Verkehr in der Avenue Bab Ojechio. Die heruntergekommenen Hotels in den Seitenstraßen mit Namen wie Bab Djedid, Sahraoun oder Sabra dürften kaum europäische Gäste haben. „Bitte, wo ist die Kathedrale?“ fragt man eine Frau auf Französisch. Sie schüttelt lachend den Kopf und sagt etwas auf Arabisch. Ihr kleiner Sohn bietet einen Keks an, Umstehende lächeln freundlich. Tunis fängt an, Spaß zu machen. Doch da liegt ein Schiff im Hafen. Und: Es wartet nicht. Hektische Minuten, dann Aufatmen: Da steht Monsieur Adan und winkt.

Am Abend ist ein Tisch im Gourmetrestaurant L’Olivio reserviert. Jeder wählt, was er mag. Die Vorspeisen sind gut, die Paella Valenciana hätte ein Spanier unversehens zurückgewiesen. Tischnachbarn, die Spaghetti mit Tintenfisch gewählt haben, rühmen die Qualität. Vielleicht sollte man auf einem italienischen Schiff nicht zu viele Experimente wagen.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker früh. La Valletta. Die Einfahrt in die Stadt mit ihren faszinierenden Festungsmauern und den drei Häfen darf nicht verschlafen werden. Praktisch ist die maltesische Hauptstadt. Zwar geht es steile Treppen hinauf, aber binnen 20 Fußminuten ist man im Zentrum. La Valletta ist Unesco-Weltkulturerbe. Nur sieht man nicht so viel davon, weil sich Touristenmassen durchs Stadttor drängeln, zur verkehrsberuhigten Hauptstraße Repubblica. Silberne Malteserkreuze in allen Größen liegen aus, sonst unglaublich viel Billigramsch, feine Boutiquen fehlen.

In den Nebenstraßen indes ist maltesischer Alltag ist zu beobachten. Hier und da baumeln Körbe und Einkaufstaschen aus den Fenstern. Eine bequeme Art, einzukaufen. Ware hinein, Geld heraus, und schon kann der Lieferant weiterfahren. Im winzigen Café Camillera in der Merchant Street setzt man sich für einen Cappuccino an den Straßenrand. Zwei Tischchen mit Stühlen stehen da, rechts und links flankiert von großen Blumenkübeln. Jetzt noch zu Caravaggio in der Kathedrale. Am Eingang eine lange Schlange. In zwei Stunden will die „MSC Splendida“ auslaufen. Da muss eine Postkarte vom gemalten Meisterwerk reichen.

Die späte Nachmittagssonne taucht La Valletta in warmes Licht. Von der Reling aus wird eifrig fotografiert. Viele Passagiere aber sitzen ungerührt in den Whirlpools, bald ein Dutzend gibt es auf dem Sonnendeck. Tagsüber läuft hier mitunter ein anstrengend lautes Animationsprogramm, aber dem kann man ausweichen. Am Heck des Schiffes, im sogenannten Zen-Bereich, säuseln nur Meditationsklänge. Kinder haben hier keinen Zutritt.

1600 Plätze bietet das Theater The Strand. In den Shows wird professionell gezaubert, jongliert, gesungen – und getanzt. Wer sich gern selbst zu Musik bewegt, geht später zu den Latin Angels auf die Piazetta. Oder nach Mitternacht – zu härteren Rhythmen – in die Club 33 Disco mit schrägen hohen Glasfenstern. Unten schimmert das angestrahlte Meer.

Messina nähert sich im Morgengrauen. Einfahrt in den großen Hafen. Noch im Bett liegend sieht man die große Jesusfigur mit neonblauem Heiligenschein am hohen Balkonfenster vorbeigleiten. Schnell an Deck. Es ist überraschend leer, als das Schiff anlegt. „Unglaublich“, sagt Monsieur Romain aus der Auvergne und meint nicht den Blick auf die Stadt. „Haben Sie das gesehen? Der Kapitän hat das Schiff hier im Hafen komplett gedreht, eine tolle Leistung.“ In das Schiff ist Monsieur sowieso vernarrt. Er schwärmt von all dem Marmor und den kleinteiligen Mosaiken rund um die Pools, „formidable“.

Der Hafen von Messina liegt direkt an der Stadt. Man muss nur zwei, drei Straßen überqueren, schon ist man im Zentrum. Weder Fußgänger noch Autofahrer kümmern sich um rote Ampeln. Willkommen auf Sizilien. „Sicilia, one Euro“, rufen fliegende Händler und halten Kopftücher mit Bildern der Bauwerke Siziliens hoch. Die weiblichen Passagiere der „MSC Splendida“ eilen zum Boulevard. Endlich lustvoll shoppen. Das Bordangebot ist leider sehr mager. Italien aber zeigt, was es hat. Schuhe, Taschen, Gürtel, elegante Kleider, glitzernde Tops, weiche Schals in herrlichsten Farben. Fünf vor zwölf, schnell zur Piazza. Der goldene Löwe an der Turmfassade schüttelt seine Mähne und brüllt, dazu scheppert laute Musik aus defekten Lautsprechern.

Man sehnt sich nach den feinen Klängen in der Purple-Jazzbar. Minuten später schon zupft Mercedes an einem herum – eine balinesische Massage ist gebucht. Man könnte entspannen, aber jetzt meldet sich der sonst so schweigsame italienische Kapitän über Lautsprecher. „In 20 Minuten erreichen wir Stromboli, verpassen Sie das nicht.“ Unter dem Vulkan liegen bunte Boote auf schwarzem Sand. „Oh, wie schön, dass wir das sehen dürfen“, sagt Senora Martinez aus Teneriffa. Und ruft laut: „Gracias, gracias, capitano!“

Die Italienerinnen kleiden sich schon wieder um. Die Glitzertreppen warten. „Die MSC Splendida bringt mehr Glanz ins Kreuzfahren als je zuvor“, heißt es im Prospekt. Im Grunde hat die durchgestylte schwimmende Kleinstadt nur einen Makel. Sie legt täglich wieder an.

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