Kreuzfahrtschiffe : Die Werte der Riesen

Neue Schiffe warten gern mit Superlativen auf. Aber: Pure Größe sagt nichts über den Komfort.

Franz Joseph Neumeier
Schwimmender Koloss. Die „Norwegian Epic“ ist nicht das größte Schiff der Welt. Dabei finden 4100 Passagiere Platz an Bord. Auf der „Oasis of the Seas“ aber sind es 5400. Foto: promo
Schwimmender Koloss. Die „Norwegian Epic“ ist nicht das größte Schiff der Welt. Dabei finden 4100 Passagiere Platz an Bord. Auf...

Die „Oasis of the Seas“ ist das größte Kreuzfahrtschiff der Welt. Aber welches Schiff ist das zweitgrößte? Neue Schiffe warten gern mit Superlativen auf. Nicht immer allerdings sind die Angaben der Reedereien sinnvoll, auch wenn die Zahlen formell stimmen. Je nach Sichtweise ist mal das eine, mal das andere Schiff größer, besser, toller.

Die „Oasis of the Seas“ übertrifft alle anderen Kreuzfahrtschiff in Bezug auf Passagierzahl (5400), Anzahl der Passagierdecks (16), Länge und Breite (361 bzw. 60 Meter). Lediglich die „Queen Mary 2“ kann die „Oasis“ in zwei Punkten übertreffen – da sie als Transatlantik-Liner konzipiert ist, erreicht sie mit 30 Knoten eine deutlich höhere Geschwindigkeit als die anderen Schiffe, deren Speed rund 22 Knoten beträgt. Und dem Luxusanspruch des Cunard-Liners entsprechend übertrifft die „Queen Mary 2“ die übrigen Megaschiffe auch beim Verhältnis Crew/Passagiere deutlich (1254 Crew bei 2612 Passagieren ergibt einen Quotienten von 0,48). Die „Queen Mary 2“ ist also das schnellste, komfortabelste und zweitlängste (345 Meter) unter den Megaschiffen, aber eben nicht insgesamt das größte.

Platz zwei der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt hinter der „Oasis“ ist nicht so zweifelsfrei zu vergeben. Sowohl für die „Norwegian Epic“ und Royal Caribbeans Freedom Class („Liberty“, „Freedom“ und „Independence of the Seas“) als auch für die „Queen Mary 2“ lassen sich Argumente finden. Kommt im Januar die „Disney Dream“ hinzu, wird sie sich ebenfalls in diesen Regionen einordnen.

Die „Norwegian Epic“ schafft es allerdings nur bei der Gesamtkapazität, also Passagiere plus Crew, an der Freedom Class vorbeizuziehen, und damit logischerweise auch beim Crew-/Passagierverhältnis. Nach Länge und Passagierzahl ist die Freedom Class dagegen etwas größer als die „Epic“. Für die „Queen Mary 2“ auf Platz zwei spricht die Länge des Schiffs, die nur knapp hinter der „Oasis“, aber vor der Freedom Class und der „Epic“ liegt. Die „Disney Dream“ ist mit 340 Metern immerhin minimal länger als die Freedom Class, bleibt aber wohl in der Passagierzahl (4000) hinter der „Epic“ (4100).

Foto: dpa
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Geht man nach der Brutto-Raum-Zahl (BRZ, oder Englisch: gross tonnage, GT), dann ist die Rangfolge eindeutig: „Oasis“, Freedom Class, „Epic“, „Queen Mary 2“. Zwar ist die 1982 eingeführte BRZ ein standardisierter und präziser Wert im Vergleich zu dem inzwischen veralteten Bruttoregistertonnen-Wert, der sich wegen der komplizierten Berechnungsmethode fast nach Belieben manipulieren ließ. Der Nachteil ist aber, dass sich unter der BRZ nur Experten etwas vorstellen können und der Wert damit kaum mit den wesentlich plastischeren Werten wie Länge oder Passagierzahl mithalten kann. Letztlich eignet sich die BRZ eben doch mehr für den Zweck, für den sie geschaffen wurde: als international einheitliche Berechnungsgrundlage für Hafen-, Lotsen- und Schleusengebühren sowie als Grundlage für Sicherheits- und Besatzungsvorschriften.

Im nächsten Schritt kann man nun trefflich darüber streiten, ob die Schiffe einer Klasse als Einheit oder jeweils einzeln zählen. Belegen also die drei Freedom-Class-Schiffe und (ab Dezember) die beiden Oasis-Class-Schiffe drei beziehungsweise zwei Plätze in der Rangliste oder jeweils nur einen? Für die „Epic“ würde das in der Rangfolge nach Passagierzahlen den Unterschied zwischen Platz drei und sechs bedeuten, was natürlich psychologisch und marketingtechnisch einen gewissen Unterschied macht. Damit ist jetzt indirekt auch schon offenbar, welche Zählweise Cruisetricks.de bevorzugt: die Passagierzahl bei Doppelbelegung (Einzelbelegung der Studiokabinen der „Epic“). Einzig gegenüber der „Queen Mary 2“ ist diese Variante ziemlich unfair, weil sich hier durch die Luxusausrichtung auf einem sehr großen Schiff deutlich weniger Passagiere drängeln. Größe sagt in dieser Wertung eben nicht zwingend etwas über den Komfort an Bord aus.

Zum Vergleich noch ein paar Zahlen von historischen Megaschiffen, exemplarisch herausgegriffen: Die Titanic war immerhin 269 Meter lang, hatte neun Decks und fuhr mit bis zu 2687 Passagieren und 860 Crew. Die SS „United States“, ist sogar 302 Meter lang, hatte mit 1928 Passagieren und 900 Crew eine vergleichsweise geringe Kapazität, fuhr aber bis zu unglaublichen 38 Knoten schnell (andere Quellen sprechen von bis zu 44 Knoten).

Mehr Interessantes gibt es bei: www.cruisetricks.de

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