Kuba : Salsa auf der Veranda (1)

Touristen auf Kuba können auch privat wohnen. Dort erleben sie viele Tücken des Systems – und die pfiffigen Ideen der Einheimischen.

Michael Würfel
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Die Losungen der Partei prägen das Bild der Zuckerinsel. -Foto: dpa

Aus dem Lautsprecher an der Bar erklingt kreolischer Son. Der Rum fließt in Strömen. Die Preise im schlichten, aber schmucken Hotel „La Libertad“ im Zentrum von Santiago im Osten der Zuckerinsel sind moderat. Eine Brünette in den Vierzigern, deren Spanisch einen süddeutschen Akzent verrät, schaut einem Kubaner mit weißem Hemd und brauner Haut verliebt in die Augen. Später begibt sich das Paar in das Zimmer der Frau. Die beiden kennen sich schon drei Jahre, wie sie einen Tag später erzählen. Beide sind glücklich, dass sie nun im Hotel ganz legal zusammenleben dürfen während der Urlaubszeit der Deutschen. Auch der Botschafter Deutschlands hat einen Vorteil durch das neue Gesetz, das seit April Kubanern die Buchung und Übernachtung in Hotels mit harter Währung (CUC) erlaubt. Denn nun können Botschaften für Fahrten über die Insel dem kubanischen Fahrer ein Zimmer im Hotel des Chefs buchen.

Das „La Libertad“ im Kolonialstil, in dem ein Doppelzimmer mit Frühstück umgerechnet 30 Euro kostet, ist eine echte Alternative zum Privatquartier, Casa particular genannt, wo seit Mitte der 90er Jahre Ausländer wohnen dürfen. Ganz Preisbewusste nächtigen in solch einer „Casa“ ab 20 CUC (konvertible Pesos), umgerechnet gut 15 Euro. Da ist das Duschwasser nicht immer ganz heiß, das Zimmer sehr schlicht und meist sehr sauber. Familienkontakt und Gastfreundschaft sind in der Regel riesig. Das gilt auch für die „Casa“ in der Calle Diego Palacios in Santiago, nur zehn Fußminuten entfernt vom zentralen Parque Céspedes mit Kathedrale und Hotel „Casa Grande“, in dem Gruppen und Individualreisende nächtigen.

In der „Casa“ gibt es einen Eingang für alle. Der Weg zum eigenen Bett führt durchs Wohnzimmer der Familie. Es ist kurz vor 22 Uhr. Alle schauen gebannt auf die Mattscheibe. Die Telenovela, eine Art Latinosoap läuft. Der Hausherr lädt zum Kaffee. Die zwölfjährige Maria möchte vom Ausländer ein paar englische Vokabeln lernen. Morgen will ihre Mutter einkaufen. Der Gast kann mit. Der merkt dann schnell, dass die „Libreta“, die Lebensmittelkarte mit staatlich subventionierten Preisen für Brot, Eier oder Öl, nicht für einen Monat reicht, sondern höchstens noch für zehn Tage. Das hat Fidel Castro schon vor etlichen Jahren offiziell eingeräumt.

Nach der Telenovela ist das Angebot wieder einheitlich. Die fünf oder sechs TV-Programme weisen generell in eine Richtung: Sozialismus à la Kuba. CNN und andere Kanäle sind nur in den Touristenhotels der oberen Klasse zu sehen. Unter der Führung von Fidel-Nachfolger Raúl Castro gibt es außer der Hotelbelegung noch andere Neuerungen. Bauern dürfen Saatgut kaufen, ohne auf Zuteilung zu warten, Kubaner Handys, Computer und DVD-Player erwerben. Wer aber nicht Filmstar, Spitzensportler oder politische Führungskraft ist und auch keine Verwandtschaft in den USA hat, für den ist das Gesetz nur ein Stück Papier. Bei einem Monatsgehalt von 480 „weichen“ Peso (CUP) – das sind gewechselt 20 „harte“ Peso (CUC), bleibt ein Computer wohl eine Illusion. Auch das lernen Individualtouristen im täglichen kubanischen Leben. Logis in einer Familie bedeutet „ungefiltertes Kuba“.

Die Zahl der Privatquartiere ist nach Angaben des Tourismusministeriums auf heute gut 10 000 gestiegen. Einige Lizenzen wurden entzogen, viele neue gewährt. Hinzu kommen knapp 50 000 Hotelzimmer in großen Ferienanlagen wie in Varadero, auf Cayo Largo oder Cayo Coco und anderen Regionen für All-inclusive-Urlauber. In Orten mit touristischen Highlights wie Santiago, Havanna, Pinar del Río, Viñales, Trinidad, Holguín und Baracoa kann der Gast auch ausreichend zwischen Privatquartieren und Zwei- und Drei-Sterne-Hotels wählen. Natürlich fließen auch diese Erlöse in die Staatskasse, und auch etwa die Hälfte aus den Einnahmen der Privatquartiere. Der alte Fidel- Castro-Slogan „Seid nett zu Touristen“ gilt weiter auch für Gäste, die Kuba hautnah erleben wollen. Und manche von denen geben für das generell auf Kuba recht teure Mietauto, für Rad- und Wandertouren, Segeltörns, Spanisch- und Tanzkurse mehr Geld aus als Pauschalurlauber.

Wenn Kubaner reisen, kann es eng werden. Im heißen Osten um Santiago, wo mancherorts nur Gestrüpp und Kakteen wachsen, ist der Pritschen-Lkw oft das einzige motorisierte Vehikel. Aufsteigen, reinquetschen, das Fahrgeld, umgerechnet meist keine 30 Euro-Cents, abgezählt in der Hand halten. Ein Bauernstiefel drückt auf meine Zehe, ein großer Busen reibt an meinem Rücken. Der Schweiß strömt. Es ist unglaublich eng in der „Camionetta“. Meine Gastgeberfamilie guckt mich stolz an. „Geschafft, Gringo“, sagt der Vater, wobei für ihn „Gringo“ ein freundliches Wort ist. Zum Strand sind es nur noch zehn Fußminuten.

Auch in Santiago wird restauriert, aber nicht so viel wie in Havannas Weltkulturerbe-Altstadt. Dafür bröckelt und zerfällt das Drumherum in Kubas östlicher Metropole nicht so schnell wie in der 900 Kilometer entfernten Hauptstadt im Westen. Plätze, Straßen, Restaurants und Discos sind ab 21 Uhr inzwischen in Santiago und Havanna meist leerer als noch vor fünf Jahren. Das gilt nicht für Touristenbars und -restaurants. Aber Kubaner feiern nun eher in den eigenen vier Wänden, erzählen viele Insulaner. „Das ist billiger. Und es gibt heute auch mehr Polizeikontrollen an vielen Straßenecken, neuerdings leider auch in Santiago“, sagt Daniel. Der 50-Jährige hat einen Beruf, den es eigentlich gar nicht gibt. Er ist Taxifahrer mit nur einem Passagier. Der passt hinten auf das alte Krad, oft eine MZ. Nach der Wende landeten die meisten dieser robusten Bikes aus dem sächsischen Zschopau auf der Müllhalde. In Santiago, wo besonders viele Kubaner mit DDR-Erfahrung leben, ist so ein gepflegtes und blank poliertes Motorrad noch umgerechnet 1500 Euro wert.

Die Polizei drückt bei diesen „Taxis“ ein Auge zu, selbst meist dann, wenn ein Ausländer hinten draufsitzt. Daniel liefert seinen Rucksack-Sozius am „Viazul“- Bahnhof ab. Von hier fahren die klimatisierten Busse mit verstellbaren Sitzen und WC für gut 50 CUC in gut zwölf Stunden nach Havanna und für 15 CUC (also knapp 12 Euro) ins fünf Stunden entfernte Baracoa. „Wir halten unseren Fahrplan ein“, sagt Busbegleiter Ramón stolz. Der junge Mann hat recht. Der Bus kommt am nächsten Morgen pünktlich in Havanna an, obwohl das Fahrerteam zuvor drei Extrastopps einlegte. Erst lockten Bauern am Straßenrand mit Käse und Früchten zu günstigen Landpreisen. Dann standen Freunde bereit am Straßenrand zu nächtlicher Stunde, um auf den letzten freien Plätzen für ein Trinkgeld mitzureisen. „Invento“ (Erfindung) nennen das viele Kubaner, pfiffig ein Zubrot zu verdienen oder eine besonders günstig einen Service zu bekommen.

Wer ein separates Quartier mit eigener Küche, Bad und Eingang will, muss – ob im Internet oder spontan vor Ort – auch für Havanna länger suchen als beim Zimmer mit Familienanschluss. Das Angebot ist knapper, der Preis liegt zwischen 25 und 35 CUC. Mancher Urlauber hat auf Kuba, so in Havannas Stadtteilen Vedado und Miramar, auch schon größere Partys veranstaltet und Insulaner in „seine“ Villa eingeladen. Dazu gehören dann meist auch eine Veranda oder ein Gärtchen. Solche Häuser sind für vier Personen oder weniger für eine Tagesmiete ab 60 CUC zu haben. Wer ein Woche und länger bleibt und wieder kommt, erhält oft Rabatt.

In Havanna ist die Auswahl an Bars, Restaurants, historischen Kirchen, Museen und Festungen, Hotels und Privatquartieren am größten, aber auch an Mojitos, Fassbier, Billigrasur, Maniküre, Fußpflege, Kino, Boxturnier. Außer der Übernachtung ist alles auch in „weichen“ Pesos (CUP) zu bekommen, zumindest für den, der Zeit, Geduld, Ideen und ein wenig Erfahrung hat. Mindestens 100 Worte in Spanisch sind hilfreich. Die Sitze beim Friseur nahe der Küstenstraße Malecón sind schäbig, die Spiegel uralt, aber die drei Herren verstehen ihr Handwerk. Rasur und Haarschnitt kosten zusammen zehn kubanische Peso (CUP), etwa 0,40 Euro.

Im großen Sportkomplex Richtung Flughafen spielen die Damen Kubas gegen Puerto Rico Basketball, etliche mit Olympiaerfahrung. Eintritt zwei Peso, das Brötchen mit Käse ist für fünf, die Limo für zwei zu haben, das Softeis für drei. Insgesamt ist da noch nicht mal ein Euro weg. Die Einheimischen rechnen ganz anders, müssen mit ihrem Verdienten sehr sparsam umgehen und „Inventos“ kreieren.

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