"Bad Tölz - Ich mag dich!"

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Künstler Franz Wanner im Interview : „Die Wandelhalle war ein Tempel der Kur“

Wenn man sich das anhört, was Sie in Braunschweig erzählen, könnte man Bad Tölz für die Stadt des Grauens halten: Bombenanschläge, Spionage, SS-Junkerschule, Rüstungsindustrie für den Eurofighter ...
Mir ging es nicht allein um Tölz, sondern um das Exemplarische. Vieles dort, auch der Umgang mit der Vergangenheit, ist gar nicht so spezifisch, sondern symptomatisch für Deutschland. Die Kleinstadt als Mikrokosmos, in dem sich bestimmte mentale Strukturen prägnant abbilden lassen. Außerdem wollte ich ein Gegenbild zum Klischee zeigen, das eh jeder kennt. Als Einheimischer konnte ich mir eine größere Schonungslosigkeit erlauben, ich bin ja auf eine Art immer selbst mit gemeint.

Und deswegen haben Sie unter die echten Geschichten auch ein paar erfundene geschummelt?
Die fiktionalen Elemente, also erfundene Personen und Begebenheiten, stehen in meiner Erzählung gleichwertig neben recherchierten und faktischen Anteilen. Erst die Wechselwirkung dieser beiden Ebenen erzeugt eine Perspektive, die die Alltagsinszenierungen durchdringt. Mich interessiert Geschichtsschreibung: Wie entsteht Geschichte? Auch: Wie wird sie erfunden? Der Betrachter der Ausstellung kann dann selbst entscheiden, was er für glaubwürdig hält. Die Sachen, die total fantastisch klingen, sind oft echt.

Was hat Ihnen eigentlich der arme Thomas Mann getan?! Der saß doch nur in seinem „Herrensitzchen“, wie er seine Jugendstil-Villa nannte, und dichtete. Aber als Jugendlicher in der Band sangen Sie: „Thomas Mann, Du hast mein Leben zerstört!“
Das ist eine Anspielung auf den Song von Tocotronic, „Michael Ende, Du hast mein Leben zerstört“. Ich habe erst später die Bücher gelesen, an denen Mann in Tölz geschrieben hat – „Der Tod in Venedig“ und „Zauberberg“, den hat er hier angefangen. Das sind ja auch Geschichten von Krankheit und Heilung, vom genussvollen Dahinsiechen. Trotzdem ist mein Verhältnis ambivalent: Sprachlich haben mich die Texte beeindruckt – gleichzeitig stößt mich diese Steifheit von Thomas Mann, die auch Tölz verkörpert, eher ab.

Im Moment wird auch nicht Thomas Mann gefeiert, sondern Gabriel von Seidl, der Architekt, der etliche Villen in Bad Tölz, aber auch das Münchener Lenbachhaus und das Deutsche Museum entworfen hat, dessen 100. Todestag sich 2013 jährt. Neben einer Ausstellung gibt es auch ein Gabriel-von-Seidl-Helles aus einer neuen Tölzer Brauerei, eine Gabriel-von Seidl-Rohrnudel …
Ja, der wurde jetzt ausgegraben, zu meiner Zeit war er gar nicht so präsent. Inzwischen wurde sogar das Gymnasium nach ihm benannt. Das hieß damals einfach Bad Tölz. Den leistet man sich jetzt als Vorbild: Das ist schon lange her, die Häuser sehen ganz gut aus. Das ist schon okay, man könnte sich einen Schlimmeren vorstellen.

Wenn einen sonst schon keiner lobt, muss man es selber machen: „Bad Tölz – Ich mag dich!“ heißt der Spruch, mit dem die Stadt für sich wirbt. Fühlen Sie sich gemeint?
Der Slogan soll wohl so ein heimeliges Gefühl erzeugen, aber da schimmert schon durch, dass es nicht mehr so gut läuft. Das hat fast was Verzweifeltes. Die Suche nach einem neuen Wirkstoff ist ein großes Thema in Tölz, da herrscht eine gewisse Ratlosigkeit. Neulich hat der Bürgermeister sogar die Bürger in der Zeitung aufgerufen, Ideen einzureichen.

Und, was glauben Sie, was könnte das sein?
Bildende Kunst! So wie Burghausen sich als Jazzstadt neu erfunden hat. Die Wandelhalle wird ja schon für Ausstellungen genutzt. Bei unserer Eröffnung waren allerdings viel mehr Münchener, sogar Berliner als Tölzer da. Die waren wahrscheinlich alle gerade auf dem Käsefestival.

Franz Wanner, 1975 in Bad Tölz geboren, studierte an der Akademie der Bildenden Künste München. Heute ist er als freier Künstler tätig. Mit ihm sprach Susanne Kippenberger

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