Küstenschiff-Museum : Eng ist die Matrosenkammer

Kaum jemand kennt Wischhafen an der Elbe. Dabei gibt’s hier ein Küstenschiff-Museum, und bald wird „Iris-Jörg“ flottgemacht.

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Gut vertäut. Irgendwann soll die „Iris-Jörg“ wieder ablegen. Aber die Restaurierung eines historischen Schiffes braucht Zeit.
Gut vertäut. Irgendwann soll die „Iris-Jörg“ wieder ablegen. Aber die Restaurierung eines historischen Schiffes braucht Zeit.Foto: Bernd Ellerbrock

Im Grunde liegt Wischhafen ideal. Nur ein paar Meter sind es von der Bundesstraße zum Traditionsort an der Elbe. Aber trotzdem kommen kaum Urlauber hin, die meisten fahren einfach an Wischhafen vorbei. Von Bargen kennt das Dilemma. Er ist hier der Hafenmeister. Und hat einen Traum. Er will das Küstenmotorschiff „Iris-Jörg“ wieder fahrtüchtig machen. Zu besichtigen ist es natürlich, genauso wie das Kehdinger Küstenschiffahrts-Museum. Von Bargen leitet das Haus. Und er hofft. „Vielleicht werden es in diesem Jahr ein paar Interessierte mehr, die in längst vergangene Zeiten der Küstenschifffahrt eintauchen wollen, denn unser Museum und der Hafen feiern ein doppeltes Jubiläum.“ Der 69-Jährige ist Mittelpunkt, Macher und Motor in einem – ein „Mister Kümo“ sozusagen.

Die Küstenschifffahrt war eine wichtige Lebensader für die Unterelberegion, bis Containerlogistik und Lkw diesen kleinteiligen Frachtverkehr verdrängten. Das Museum dokumentiert anschaulich mit einer in Jahrzehnten gewachsenen Sammlung die harte Arbeitswelt und die wechselhafte Geschichte dieser Branche. So sind im Teil „Leben an Bord“ Kombüse, Messe und Matrosenkammer, ein Ruderhaus mit Funkecke und ein Maschinenraum zu besichtigen. Eine Schiffszimmerei und eine Werkstatt, in der noch genietet wurde, versetzt Besucher zurück in die 30er Jahre. Hinzu kommen etliche Schiffsmodelle, Gemälde, Karten, Fotografien, Seefahrt-Utensilien und eine Präsenzbibliothek – alles zwar nicht nach museumspädagogischen Maßstäben, jedoch liebevoll auf zwei Etagen arrangiert: ein Museum zum Anfassen und Entdecken.

Volker von Bargen, Macher und Motor
Volker von Bargen, Macher und MotorFoto: Bernd Ellerbrock

Eine Fotoausstellung „Häfen, Schiffe und Werften in Kehdingen“ war vor 20 Jahren Initialzündung zur Gründung eines gemeinnützigen Trägervereins für dieses maritime Kleinod, das sich ausschließlich dem Thema Küstenschifffahrt widmet und in einem historischen Getreidespeicher ganz idyllisch direkt hinterm Deich untergebracht ist. Der typisch norddeutsche Backsteinbau mit grün gestrichenen Türen und Fenstern sowie einem Kranbalken unterm Giebel steht ebenso unter Denkmalschutz wie der 175 Jahre alte Gemeindehafen an Moorkanal und Süderelbe, in dem einst Lastensegler Bauholz und Heizmaterial anlandeten, Torf, Kartoffeln, Heu und Stroh mitnahmen – und der heute mit einigen Museumsschiffen und Sportbooten im Schlick zu versinken droht. Zum authentischen Ensemble unweit des Rad-Fernwanderweg „Elbe“ gehören noch eine Werft am Eingang des Hafens, ein funktionstüchtiges Leuchtfeuer und schließlich die Rarität „Iris-Jörg“, Stolz und größtes Sorgenkind der Wischhafener Kümo-Fangemeinde.

Die Restaurierung eines historischen Schiffes ist mühsam

In Gläsern abgefüllt kann man im Museumsshop „Iris-Jörg-Eisenoxid“ erwerben – als rostiges Mitbringsel. Rund 1500 Stunden nämlich musste der Oldtimer vom Rost befreit werden, nachdem sie als eines der letzten erhaltenen Exemplare der „Rhein-See-Motorschiffe“ 2002 erworben und als schwimmendes Exponat dem Küstenschifffahrtsmuseum übergeben wurde. Nun ist das Kümo als anerkanntes „bewegliches Kulturdenkmal“ im Zustand des Jahres 1960, als es noch Grubenholz von Skandinavien bis zu den Bergwerken ins Ruhrgebiet transportierte, zu restaurieren und soll auch wieder fahrtüchtig gemacht werden.

Aber das dauert! Wann kann das Schiff denn nun das erste Mal ablegen? Von Bargen zuckt mit den Schultern: „Die einen sagen: in zwei Jahren. Die anderen sagen: nie!“ Die Restaurierung eines historischen Schiffes ist aber auch mühsam. So fehlten für das Mannschaftslogis vier Kojenlampen, die nicht aufzutreiben waren. Erst als Tauschgeschenk wurden von einer Cuxhavener Werft gebrauchte Lampen aus einem Fischtrawler organisiert, von 110 Volt Gleichstrom auf 230 Volt umgebaut und eingebaut. Immerhin ist der Laderaum mittlerweile für Veranstaltungen hergerichtet: Zünftige Hochzeiten wurden schon gefeiert, Vorträge gehalten und als Dorfkino wird er auch gerne genutzt.

Zur Uraufführung des Dokumentarfilms „Die letzten Kümos“ konnte von Bargen unlängst fast 200 Interessierte begrüßen, um in Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit zu schwelgen. Den exklusiven Vertrieb der DVD hat er auch gleich übernommen. Denn gebraucht wird jeder Euro, gilt es doch, mal die Heizung zu sanieren, mal einen Raum für die Museumspädagogik herzurichten, mal eine weitere Anschaffung zu tätigen. Und die „Iris-Jörg“ muss dringend auf eine Werft. Bargen kümmert sich um Spenden, Zuschüsse und staatliche Gelder, Wechselausstellungen und die Vereinspostille, steht im Austausch mit anderen Schifffahrtsmuseen, treibt die Forschungsarbeit voran, jagt Exponaten hinterher und erwirkte sogar die Registrierung des Museums. „Wir erfüllen die Standards des Deutschen Museumsbundes. Das ist nur ganz wenigen ehrenamtlich geführten Museen in Niedersachsen gelungen.“ Da schwingt Stolz über das in Jahrzehnten Erreichte mit, auch wenn ein „Leinen los“ für die „Iris-Jörg“ längst nicht in Sicht ist und um die Zertifizierung just im Jubiläumsjahr (20 Jahre Museum, 175 Jahre Hafen) neu gerungen werden muss.

Auskunft: Kehdinger Küstenschifffahrts-Museum, Wischhafen; Telefonnummer: 047 70 / 71 79; geöffnet bis Mitte November; Hafenfest: vom 22. bis 24. August

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