Kultur und Entwicklung : "Linie 1“ als Sammeltaxi

Auf unterhaltsame Weise sollen kulturelle Austauschprojekte Grenzen überwinden. Jugendliche stehen dabei im Mittelpunkt.

Patrick Wildermann
Namibia_Theater
Kunst auf der Straße. Frank Dornbrach von ''Avalon Event'' -Foto: Avalon Event

Windhoek ist eine höchst mobile Stadt. Was es jedoch nicht gibt, ist eine U-Bahn. Und trotzdem soll dort ausgerechnet das Musical „Linie 1“ auf die Bühne gehievt werden. Wird man also auf Windhoeks Hauptstraße bald das Lied „Wilmersdorfer Witwen“ pfeifen?

Nein, erzählt Frank Dornbrach im E-Mail-Interview zwischen Windhoek und Berlin, es werde eine „namibian adaptation“ des Stückes geben, eine komplett neue, namibische Version. Nur die Grundidee von „Linie 1“, dieses öffentliche Unterwegssein, die behalte man bei. Dornbrach ist Manager und Kopf von „Avalon Event“, einer Produktionsfirma in Windhoek, die sich verschiedensten Kunstformen widmet, die Kinder- und Straßentheater ebenso produziert wie große Bühnendramen. Und die auf diesem Feld Pioniergeist beweist. Dornbrach selbst stellt seit fast 30 Jahren internationale Film- und Theater-Events auf die Beine. Das Musical „Linie 1“ wird in der namibischen Version in einem „Shared Taxis“ spielen, einem dieser Gemeinschaftsgefährte, die vorwiegend die townships mit den Geschäftsvierteln verbinden und keinen festen Routen folgen.

Angeregt hat diese Produktion, für man derzeit in Namibia noch professionelle Schauspieler und Sänger castet, die Kulturaustauschorganisation p.art.ners. Zusammen mit zwei „originalen“ Grips-Darstellern aus Berlin werden sie auf der Bühne stehen. Es ist ein ambitioniertes Projekt, das erste seiner Art in Windhoek. „Edutainment“ nennt Dornbrach sein Theater, ein unterhaltsames Voneinander-Lernen.

Volker Eisenach geht es nicht darum, Stars zu schaffen oder auch nur Tänzer-Nachwuchs. Ihm geht um den Tanz. Der Berliner Choreograf und Gründer der Reinickendorfer Faster-Than-LightDance-Company, hat eine klare Philosophie, und die lautet: Tanz ist für alle da. Eisenach wird eine Begegnung zwischen namibischen und deutschen Jugendlichen betreuen und mit ihnen ein Tanzstück erarbeiten, das dann in beiden Ländern gezeigt werden soll. Das Thema der Aufführung, erzählt Eisenach, werde sich dann finden. Wichtig sei zunächst einmal das Gemeinschaftserlebnis des Tanzes, das auf Respekt und Vertrauen gründe und das Grenzen überwinde.

Zunächst reisen etwa 15 jugendliche Namibier nach Deutschland. Sie sollen auch Land und Leute kennen lernen. Im Folgejahr fliegen die Deutschen nach Windhoek. Ob die Südafrikaner, die nach Berlin kommen, Amateure oder Profis auf dem Parkett sein werden, das weiß Eisenach noch nicht. „Aber uns ist egal, ob sie klein oder groß, dick oder dünn sind, ob sie Vorerfahrung besitzen. Hauptsache, sie sind mit Spaß dabei“, sagt er. Und betont, dass keine Audition, kein Casting stattfindet. Von diesem Austauschprojekt, das p.art.ners gerade anschiebt, soll sich jeder Jugendliche angesprochen fühlen. Die Besetzung auf deutscher Seite werde später dann auf die Gäste abgestimmt.

Auch die Faster-Than-Light-Dance Company versteht Volker Eisenach als offene Gruppe. In dieser mit derzeit 70 Mitgliedern, die im Märkischen Viertel beheimatet ist und momentan eine moderne Version von „Schwanensee“ probt, sind Jugendliche, die Musicaldarsteller werden wollen, ebenso zu finden wie solche, die eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker planen. „Jeder Schultyp ist vertreten, jeder Bezirk.“ Als „Problemjugendlichen“ würde er nie einen seiner Tänzer bezeichnen. „Schließlich“, sagt er, „gibt es keinen Menschen ohne Probleme“.

Eisenach, der auch in London ausgebildet wurde, verbindet ein lange Arbeitsfreundschaft mit dem Choreografen Maldoom. Sie folgen der gleichen Tanzidee: Am Ende soll eine Aufführung stehen, auf die man stolz sein kann – vor allem als Darsteller. Und nach den schönsten Aspekten seiner Arbeit gefragt, antwortet Eisenach: „Die Gesichter der Jugendlichen nach einer Aufführung zu sehen.“

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