Reise : Kunst braucht keinen Kabeljau

Auf Fogo Island vor Neufundlands Küste lebt kaum noch jemand vom Fischfang. Doch es gibt neue Ideen.

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„The Squish“ hinter dem Ort Tilting ist ein anderes der vier neuen Künstlerstudios.
„The Squish“ hinter dem Ort Tilting ist ein anderes der vier neuen Künstlerstudios.

Wie der blendend weiße Zacken eines abgesplitterten Stück Eises ragt eine spitze Fassade zwischen grauen Felsen empor – nicht unähnlich dem Eisberg, der draußen im Nordatlantik vorüberzieht. „The Squish“ hinter dem Ort Tilting ist eines der vier neuen Künstlerstudios, die Fogo Island wie moderne Ausrufezeichen zieren. „The Bridge“ über Deep Bay ragt auf Stelzen über einen See, „The Tower“ bei dem kleinen Ort Barr’d Islands erinnert an eine Navigations-Landmarke, „The long Studio“ erstreckt sich bei Joe Batt’s Arm als etwas überdimensionierte Schachtel über rötlich leuchtenden Fels. Das Inselchen im äußersten Osten Kanadas ist neuerdings gespickt mit außergewöhnlichem Häuser-Design.

Entworfen hat die wahren Kunstwerke der Architekt Todd Saunders, in weißem und schwarzem Holz, und mit einer stets unterschiedlichen Silhouette, je nachdem, woher der Betrachter sich nähert. Und alle signalisieren sie: Es tut sich was auf Fogo Island, es geht voran!

Die Insel vor der Nordostküste der kanadischen Provinz Neufundland und Labrador ist 25 Kilometer lang und 14 Kilometer breit. Sie wurde im 18. Jahrhundert von Engländern und Iren besiedelt und hat elf Dörfer mit 2700 Einwohnern. Die Wirtschaft ruhte komfortabel auf drei Standbeinen: Fisch, Fisch und Fisch. Dann kam vor 20 Jahren das böse Erwachen – das Meer war nahezu leergeräumt. Angesichts des Raubbaus an der Natur, zu dem auch Fangflotten aus europäischen Ländern ihr gerüttelt Maß beigetragen hatten, erließ die kanadische Regierung ein Fangverbot für Kabeljau, die Hauptbeute der gierigen Trawler. In der Folge brach 1992 das wirtschaftliche Fundament Neufundlands zusammen. Familien, die seit Generationen vom Meer gelebt hatten, versanken in der Arbeitslosigkeit. Neufundland, bis 1907 britische Kolonie und bis 1949 offiziell britisches Herrschaftsgebiet, wurde zum Armenhaus Kanadas. Zum allgemeinen Spott des Landes – „Newfies“ gelten als hinterwäldlerisch, als die Ostfriesen Kanadas – nun auch noch der soziale Absturz. Die Not war groß. Zwar haben sich die Fischbestände ein wenig erholt, doch an eine Zukunft für die Fischer glaubt hier niemand mehr. Tourismus könnte zu einem neuen Standbein werden, dachten einige.

Und hier kommt Zita Cobb ins Spiel. Im Jahre 2007 gründete die heute 53-Jährige gemeinsam mit ihrem Bruder die Shorefast-Stiftung. Sie war 1979 der intellektuellen Enge des Inselchens und der Provinz entflohen, um anderswo ihr Glück zu schmieden. Als Managerin in der Glasfaserindustrie in Kalifornien verdiente sie schließlich ein Vermögen von umgerechnet 46 Millionen Euro und beschloss, mit einem Teil davon ihrer Heimatinsel zu neuer Blüte zu verhelfen. „Wir vergeben Geld – aber keine Geschenke“, sagt sie breit lachend. Es fällt nicht schwer, in der energischen schlanken Frau mit den rotblonden Fransen das schlaksige Mädchen auszumachen, das so verblüffend gut rechnen konnte und den anderen immer schon eine Nasenlänge voraus war – wie auch jetzt.

Sechs Millionen kanadische Dollar, umgerechnet etwa vier Millionen Euro, hat sie bisher eingesetzt, je fünf kamen von der kanadischen und der neufundländischen Regierung dazu. Es sind Investitionen in die Vision einer Zukunft, in der die traditionelle Kultur ihren Platz hat und die Menschen auf der Basis verschiedener wirtschaftlicher Fundamente ein Auskommen finden. Dafür vergibt die Stiftung Kleinkredite an Existenzgründer und unterstützt Bemühungen um nachhaltige Fischerei, die sich jedoch nur in einem engen Rahmen entwickeln kann. Sie hält auch die schon fast verschwundene Kunst des Baus von hölzernen Ruderbooten am Leben und veranstaltet alljährlich eine umjubelte Ruderregatta, acht Kilometer quer übers offene Meer und zurück.

Vor allem aber spielen Kunst und Tourismus in diesem Drehbuch des Wandels eine wichtige Rolle: Fogo Island soll zum Reiseziel einer so aufgeschlossenen wie spendierfreudigen internationalen Klientel werden.

Staksig und ausladend ragt an der Küste ein Ensemble aus Eisenpfeilern, Betonträgern und Glasflächen empor. Zwischen flechtenüberzogenen Felsen und duftenden, wild wachsenden Rhododendren („Labrador Tea“) entsteht hier mit 4000 Quadratmetern Fläche, was im Auftrag der Shorefast Foundation nach seiner Eröffnung im Herbst kommenden Jahres das touristische Flaggschiff der Insel werden soll: „The Fogo Island Inn“.

Verantwortlich auch hier der weltläufige Architekt Todd Saunders, ein Neufundländer, der in Norwegen sein Leben eingerichtet und nicht nur dort bereits für zahlreiche Paukenschläge in Sachen Hausdesign gesorgt hat.

Die 29 Zimmer im „Inn“ werden Fenster haben, die man zur See hin öffnen kann, wo im Sommer die Wale Fontänen in die Luft blasen. Vorgesehen sind eine Kunstgalerie und eine Sauna auf dem Dach. Außerdem ist eine Bibliothek geplant mit Büchern aus der Privatsammlung des 2008 verstorbenen Leslie Harris, früher Präsident der Memorial University in St. John’s und, natürlich auch, Neufundländer. Das Skript für „The Inn“ geht sogar soweit, dass die Möbel und Bettwäsche ausschließlich auf Fogo Island entworfen und gefertigt werden. In Handarbeit, versteht sich. Und während die Gäste hinter der Glasfront des Restaurants vermutlich nicht nur traditionelle Fischerkost wie „Jiggs Dinner“ (eingelegtes Rindfleisch mit Gemüse) oder „Fish & Brewies“ (Eintopf aus Kabeljau, Zwieback oder Brotstücken und Speckgrieben) genießen werden, donnert der Nordatlantik über die schwarzglänzenden Felsen heran. Wer auch nur einen Tropfen Salzwasser im Blut hat, neidet den wenigen Glücklichen schon jetzt diese Abende. Doch auch das sei gesagt: Zu Schnäppchenpreisen wird man hier nicht übernachten können.

Darüberhinaus werden ihnen Landschaft, Fischerkultur, zeitgenössische Kunst und originelle Küche versprochen – sowie jene warmherzige, etwas bärbeißige Gastfreundschaft, die „in uns Neufundländern quasi genetisch verankert ist“, wie Zita Cobb meint, und die dem Gast immer wieder begegnet.

An diesem Sonnabend treffen sich abends im Bootsschuppen in Tilting Einwohner zum Singen und Erzählen. Die Geschichten handeln von dem Kind, das man im Winter 1937 nicht begraben konnte, von Helden zur See und den großen Fängen, die nie mehr wiederkommen. Und dann stampfen drei Dutzend Insulaner und Besucher gemeinsam das Seemannslied „I’se The B’y“. Und das Bedauern, dass die Gäste um Mitternacht „jetzt schon“ gehen müssen, ist absolut echt.

Die Schönheit der Landschaft lässt jeden verstummen. Am Meer und der zerschrammten Küste führt der Wind sein ewiges Regiment und könnte den Wanderer, wenn er wollte, mühelos vom markanten Brimstone Head blasen – einem der vier Eckpunkte der flachen Erde übrigens, ist man geneigt, der „Flat Earth Society“ zu glauben, die die Erde für eine Scheibe hält. Im Inneren der Insel leuchten Moore, über die Karibus, graubraune Rentiere, ziehen. Kümmerliche Birken stemmen sich in den Himmel, und in Tümpeln spiegelt sich mal schmutziges Grau, dann wieder ein Blau, so dunkel, dass es keinen Grund zu finden scheint.

Auch die modernen Künstler sind schon zu Gast. Sie haben gezeichnet, mit ungewöhnlichen, immer verschiedenen Tönen experimentiert und dokumentiert, mit welcher Akribie die Einheimischen jeden winzigen Felsen ihrer Küste zu beschreiben wissen. Sie wohnen in den Gemeinden in adrett restaurierten Fischerhäusern und gehören für zwei, drei Monate zu den Menschen dort. Die halten mit ihrer Meinung in Sachen Kunst nicht hinter dem Berg: „Warum haben wir eigentlich all diese schönen, großen Fenster eingebaut?“, fragte ein Arbeiter. „Jetzt malt ja doch keiner von denen auch nur ein Landschaftsbild.“

Es ist nur zu verständlich, dass all die geplanten Umwälzungen keine ungeteilte Zustimmung finden. Den einen ist die Architektur zu aufdringlich, die anderen sehen das viele Geld an der falschen Stelle investiert. Auch Zita Cobb nimmt die Sorge ernst, dass die Insel unter einem Ansturm von Touristen ihr Gesicht verändern könnte. Dass Kultur zur Folklore wird, ein „Tim Horton“ mit seinen Doughnuts den „Island Bake Shop“ verdrängt und der Zug zum schnellen Dollar die gelassene Gastfreundschaft der Insulaner erstickt.

Ob der Spagat tatsächlich gelingt? Ob tatsächlich genügend wohlhabende Salzwasser-Enthusiasten in diesen abgelegenen Winkel der Erde finden werden, um getrocknete Lodden zu kosten, unter Quilts zu schlafen, die nach altem Vorbild neu entworfen wurden, und spektakulären Sonnenuntergängen entgegenzuwandern?

„Woran erkennt man einen Neufundländer im Himmel?“, fragt Zita Cobb und lacht wieder einmal fröhlich. „Er ist der einzige, der jammert und seufzt – weil er unbedingt nach Hause will.“ Sie macht eine kleine Pause, holt tief Luft und sagt dann: „Wenn dieses Projekt schiefgeht, verliere ich nicht nur ein paar Millionen. Dann kann ich mich auf Fogo Island auch nicht mehr blicken lassen.“ Und das ist wohl das Schlimmste, was einem Mädchen von der Insel widerfahren könnte.

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