Kunstreisen : Nie ohne Tuschkasten

Jens Hübner hat die Welt beradelt – und ist zum Künstler geworden.

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Bloß kein Sandkorn aufs Papier. In der Wüste zeichnet’s sich schwierig. Foto: privat
Bloß kein Sandkorn aufs Papier. In der Wüste zeichnet’s sich schwierig. Foto: privat

In der Hektik der Großstadt mal innehalten und die Umgebung intensiv wahrnehmen? Ein ungewöhnliches Unterfangen. Doch Jens Hübner beweist: Es funktioniert. Seit einigen Jahren füllt der 47-Jährige Wahlberliner mit seinen Ideen zur Entschleunigung eine Marktnische. Als Zeichendozent und Tourguide will er Menschen beibringen, wie man die Zeit „anhalten“ und zu sich selbst finden kann.

Die Inspiration für seine nachhaltige Tätigkeit hat der Industriedesigner bei einer Reise rund um den Globus gefunden. „Ich wollte die Welt auf meine Art erleben und das Fremde mit allen Sinnen wahrnehmen. Die Eindrücke bewusst festhalten, statt wild mit der Digitalkamera herumzufuchteln.“ Um fremde Kulturen, Menschen und Landschaften hautnah wahrzunehmen, war Hübner zwei Jahre mit seinem Fahrrad unterwegs. Bei ägyptischen Passatwinden, äthiopischer Hitze und thailändischen Monsunen durchquerte er 42 Länder auf fünf Kontinenten. 25 000 Kilometer legte er insgesamt zurück. Sein Gepäck? Recht spartanisch – auf seinem Mountainbike beförderte er Zelt und Aquarellkasten.

Den Wunsch, einmal rund um den Erdball zu reisen, hatte Jens Hübner früh. Schon während des Studiums in Berlin träumt der gebürtige Mecklenburger vom Ausbüxen. Nach dem Mauerfall entschließt er sich kurzerhand „über den großen Teich“ zu reisen, er studiert ein Jahr Kunst in Kanada. Schon als Kind habe er mit Hingabe gemalt, sagt er. Und zwar mit links, im wahrsten Sinne des Wortes.

Zurück in Berlin beendete Hübner sein Studium mit dem Diplom und gründete gemeinsam mit einem Freund eine Designeragentur. Er entwarf unter anderem eine zeigerlose Uhr für Swatch, Straßenlaternen für ein finnisches Unternehmen und einen MP3-Player für einen taiwanischen Konzern.

Nach zehn Jahren Erfolg sucht der Designer eine neue Herausforderung. Er kündigt seine Wohnung und macht sich auf die Suche nach authentischen Reiseerlebnissen. Auf die Frage, warum er sein gutgehendes Büro aufgegeben habe und loszog in Richtung nubische Wüste, antwortet Hübner knapp: „Ein kleines Einfamilienhaus mit Garten, das bin ich einfach nicht.“ Sich anders orientieren, den Dingen auf den Grund zu gehen, neue Möglichkeiten entdecken, das hat ihn angetrieben.

Während seines Rad-Abenteuers reift in Hübner als Parallele zur langsamen Fortbewegung eine individuelle Kunstform. Erlebnisse, Eindrücke und Begegnungen hält er in seinen Tagebüchern fest. Er schreibt nicht nur, er malt. Und klebt in seine Notizbücher, was ihm unterwegs so unterkommt: Einkaufszettel, skizzierte Wegbeschreibungen freundlicher Einheimischer, Reklameflyer. Auf Basis dieser Sammelsurien entstehen schließlich aussagekräftige, zarte Aquarelle.

Dem Künstler haben diese Arbeiten unterwegs viele Türen geöffnet. „Ich startete nicht mit der Absicht, meine Reise so zu dokumentieren“, sagt Hübner zu. Umso verblüffter reagierte der Globetrotter, als ihm ein indischer Seidenhändler aus Varanasi angeboten hatte, seine kleinen Kunstwerke auszustellen. „Nicht im Traum habe ich beim Start der Weltumrundung an diese Art der Präsentation meiner Reise gedacht“. Dadurch die weiteren Reisekosten zu decken, war ein überraschender Nebeneffekt. Ein Jahr, so hatte Hübner vorher ausgerechnet, würden seine Ersparnisse reichen. Nun wurde die Reisekasse – auch durch Verkäufe von Aquarellen – praktisch immer wieder aufgefüllt.

Nach der Ausstellung in Indien folgen weitere, unter anderem im südasiatischen Osttimor und später in Deutschland. Der Erfolg motiviert Hübner, das Reisen und Aquarellieren zu seinem Lebensinhalt zu machen. Heute leitet er in Zusammenarbeit mit deutschen Reiseveranstaltern auch Kunstreisen nach Afrika und Asien. Wer sich allerdings mit Schlafsack und Zeichenblock nicht auf die Reise entlang dem Nil traut, der kann mit Hübner auch am Ufer von Elbe und Saale radeln. Selbstverständlich mit einem Aquarellkasten im Gepäck.

Über seine Abenteuer „Mit Fahrrad, Zelt und Zeichenblock – der Nordsudan“ erzählt Jens Hübner am kommenden Dienstag in der Buch- und Kartenhandlung Schropp in der Hardenbergstraße 9a in Charlottenburg. Beginn: 20 Uhr, Eintritt: fünf Euro

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