Kurpark-Juwel in NRW : Wo man das Schlendern lernen kann

Bad Oeynhausen, im Osten von Westfalen, besitzt einen der schönsten Kurparks in Deutschland – barocke Bauten inklusive.

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Ein Sprudeln und Sprühen, überall. Der Kurpark von Bad Oeynhausen verzückt seine Besucher. Im Hintergrund steht das neobarocke Kaiserpalais.
Ein Sprudeln und Sprühen, überall. Der Kurpark von Bad Oeynhausen verzückt seine Besucher. Im Hintergrund steht das neobarocke...Foto: Hella Kaiser

Kein Jogger weit und breit. Gut so. Der Kurpark von Bad Oeynhausen wurde zum Schlendern geschaffen. Geschwungene Wege führen durchs Grün, in dem hier und da bunte Blumen zu Inseln gepflanzt sind. Ein paar der von Peter Joseph Lenné, dem preußischen Gartenarchitekten, um 1850 realisierten Sichtachsen sind noch vorhanden, einige alte Kastanien und Eichen halten sich wacker.

Dass ausgerechnet hier in der Ravensberger Mulde so ein Idyll entstehen konnte, war purer Zufall. Man hatte nach Salz gebohrt, um den preußischen Staat von Importen des „Weißen Goldes“ unabhängig zu machen. 25 mal soll der angesehene Berghauptmann Karl von Oeynhausen (1795 – 1865) tief in der Erde danach gefahndet haben. Aber was fand er am Ende in fast 700 Meter Tiefe? Eine Thermalquelle. Kaum hatte König Friedrich Wilhelm IV. davon erfahren, verfügte er an eben diesem Ort die Gründung eines Heilbades.

Stadt und Bad entwickelten sich noch im 19. Jahrhundert im Eiltempo. Für den Bau des Badehauses I wurde Carl Ferdinand Busse, ein Schüler Schinkels, gewonnen. Die beiden Kirchen wurden nach Plänen von Friedrich August Stüler gefertigt. Um den Kurpark herum entstanden stilvolle Häuser eines gehobenen Bürgertums. Diese Logierhäuser und Villen aus der Zeit des Historismus, sowie die unterschiedlichen Baustile im Kurpark trugen der Stadt später die Bezeichnung als „Architekturmuseum des 19. Jahrhunderts“ ein.

Deutsche durften den Kurpark nur noch mit Passierschein betreten

Ins königliche „Weltbad“ kam, was Rang und Namen hatte. Und bewunderte, was heute noch vorhanden ist: Vor dem ausladenden neobarocken Kaiserpalais sprühen gewaltige Fontänen, schneeweiß präsentieren sich klassizistische Badehäuser, neckische Statuen überraschen hier und da, und selbstverständlich existiert eine gediegene Wandelhalle. In seinem „Reiseverführer“ schrieb Werner Bergengruen 1932: „Hier gibt es, wenigstens dem Augenschein nach, keine Gebäude, die quälen wollen, also weder Gymnasien noch Finanzbehörden, weder Landgerichte noch Telefonämter oder Gefängnisse, vielmehr Gebäude, die dem Menschen wohltun möchten, nämlich Badehäuser, Kurhaus, Brunnenhaus, Wandelgänge, Pavillons und Konditoreien.“

Mehr als ein Jahrzehnt später versank Bad Oeynhausen in der Bedeutungslosigkeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es zum Hauptquartier der Britischen Rheinarmee. Deutsche durften den Kurpark nur noch mit Passierschein betreten. Das Kurhaus blieb ihnen ganz verschlossen. Es kam vor, dass bei fröhlichen Soldatenfesten der ein oder anderen Putte ein Loch in den Kopf geschossen oder Verzierungen abgerissen wurden. 1954 gaben die Briten die Stadt wieder frei, der Kurbetrieb konnte wieder aufgenommen werden.

Noch immer kann Stadtführer Christian Barnbeck schöne alte Villen zeigen, aber eben auch beklagenswerte Entwicklungen. Das Hotel Königshof am Kurpark etwa, „Tradition seit 1917“, hat innen viel Ambiente. Außen aber wurde es mit einer hässlichen 60er Jahre Fassade verkleidet. Besonders in der Fußgängerzone, der Klosterstraße, wurde viel „entdekoriert“ wie Barnbeck sagt. Statt der Kurlichtspiele „mit fantastischem Kinosaal“ gibt es jetzt „Mäc-Geiz“, Belle Epoque-Bauten wie in Paris oder Mailand verschwanden ganz oder blieben lediglich als äußere Hülle stehen, hinter denen sich nun Drogeriemarkt oder Asia-Imbiss befinden.

Das ist schade – aber zu verschmerzen. Denn egal, wo man sich in Bad Oeynhausen befindet, man ist binnen fünf Minuten im Park. Er bildet das grüne Herz der Stadt, ein tägliches Ziel der Kurgäste. Zehn Kliniken, darunter das renommierte Herz- und Diabetes Zentrum, sind heute am Ort. Man wirbt mit Prävention und Rehabilitation.

"Und zack ist man wieder in der Kindheit"

Um dem Alltag vollends zu entrinnen, können Urlauber in der Welt der Fantasie versinken. Das Deutsche Märchen- & Wesersagenmuseum ist reich bestückt mit Fabelwesen aller Art und blättert die Geschichte von Fabeln und Legenden auf. „26 000 Objekte haben wir im Haus“, sagt Erika Czypulowski, die über den Schätzen wacht. Alles dreht sich um die Sammlungen von Hans-Christian Andersen, Wilhelm Hauff, Ludwig Bechstein oder den Brüdern Grimm. „ Die zertanzten Schuhe“ baumeln von der Decke, blitzblanke Kronen, glitschige Kröten, ein Rucksack nebst Wanderstab sind passend zu Texten und Büchern dekoriert. Ein Gästebuch liegt aus. „Und zack ist man wieder in der Kindheit“, hat jemand hineingeschrieben.

Weil Märchen so beliebt waren, wurde alles Mögliche mit ihnen beworben. In Anlehnung an „Hans im Glück“ dichtete die Werbung: „Den herrlichen, mit Reese Puddingpulver zubereiteten Pudding aber tausche ich nicht gegen ein Königreich.“ Eine andere Firma pries 1968: „Noch schöner als Schneewittchen – der Teppichboden aus Allyn 707 Nylon.“

Ein paar Schritte nur sind es vom Märchenmuseum bis zum nächsten Eiscafé. Ausreichend Konditoreien sind auch vorhanden – und in denen sitzen nicht nur Kurgäste. Auch viele Einheimische, knapp 49 000 wohnen im Ort, genießen die süßen Angebote. „Uns geht’s gut hier“, sagt Erika Czypulowski fröhlich und fügt hinzu: „Wir feiern ganz viele Feste.“ Die gute Laune der Einwohner ist ansteckend. Ganz selten nur sind die Bad Oeynhausener missgestimmt: wenn Borussia Dortmund verloren hat. Aber das kommt zum Glück ja selten vor.

Nordrhein-Westfalen in Halle 8.2

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