Kurschatten : Heitere Ausschweifungen

Bade-Bekanntschaften: Warum der Kurschatten nie aus der Mode kommen wird.

Walter Schmidt
Versteckt. Skulpturen von Jürgen Goertz sind am Kurpark von Bad Pyrmont aufgestellt. Das Kind auf der Weltkugel hält - so Lästermäuler - den Kurschatten hinter seinem Rücken.
Versteckt. Skulpturen von Jürgen Goertz sind am Kurpark von Bad Pyrmont aufgestellt. Das Kind auf der Weltkugel hält - so...Foto: picture-alliance/ dpa

Kaum jemand, der heute eine mehrwöchige stationäre Heilbehandlung antritt, hört nicht schon im Vorfeld die süffisanten Ratschläge von Bekannten oder Freunden, sich aber „bloß keinen Kurschatten anzulachen“. Zurückbleibende Lebensgefährten machen darüber schon deutlich seltener Witze. Zwar heißen die Kuraufenthalte inzwischen recht schnöde „ambulante und stationäre Vorsorge-“ oder auch „Rehabilitationsmaßnahme“. Doch sind die Kurschatten-Witze bislang nicht von solchen über „Reha-Schatten“ abgelöst worden. Und auch die Verlockung während der Auszeit vom Alltag, unter den Mitpatienten nach einem Flirt Ausschau zu halten, ist im Wesentlichen gleich geblieben. Die Liebe fällt auch während eines Kuraufenthalts, wohin sie will. Und manchmal darf sie dort auch liegenbleiben.

Der Kurschatten - schon im Mittelalter eine beliebte Abwechslung

Der Ruf des Kurschattens sei „legendär, er hat Einsamen den Aufenthalt versüßt, er ist der Grund für Witze, Dichter haben über ihn geschrieben und Künstler ihn verewigt, er hat Ehen gestiftet, aber auch zerstört, alle reden über ihn, doch kaum einer gibt zu, ihn gekannt zu haben“. So ist dem Text über eine mobile Ausstellung zum Thema „Kurschatten“ zu entnehmen, die das Bad Schwalbacher Kur-, Stadt- und Apothekenmuseum seit 2006 anbietet. Konzipiert hat das Lehrstück auf Stellwänden und Litfaßsäulen die Museumsleiterin Martina Bleymehl- Eiler gemeinsam mit fünf Mainzer Studenten. Seitdem tourt es durch Deutschland und ist noch bis Ende Oktober in Bad Salzuflen zu sehen – in der Wandelhalle des Kurparks, für eine Wanderausstellung wohl der ideale Ort.

Der unterhaltsame Ausflug durch die Geschichte der Kurbekanntschaften beginnt im Mittelalter, „einer Zeit, in der es in den Badeorten gesellig und zwanglos zuging“, wie die promovierte Historikerin Bleymehl-Eiler sagt. „Mit einem heiter-ausschweifenden Bad nahm sich mancher Badegast eine Auszeit von der Ehe.“ In den folgenden Jahrhunderten habe sich die „Kluft zwischen heimlicher Begierde und dem, was die Öffentlichkeit moralisch duldete“, allerdings vertieft. Im 19. Jahrhundert schließlich wurden die Bade-Bekanntschaften verschwiegen, so gut es eben ging. Geändert an den Kurschattenspielen hat sich seither aber wenig.

Mitte des 20. Jahrhunderts gab es in Kurbädern Benimmratgeber

„Kurbekanntschaften gibt es, seit es Badeorte gibt“, sagt Martina Bleymehl-Eiler. „Man verbringt Zeit zusammen, und Gelegenheit macht Liebe.“ Eines aber ist nicht mehr wie früher: „Vor fünfzig oder sechzig Jahren flanierten Kurgäste gerne in feiner Kleidung durch den Kurpark und saßen abends geschniegelt und gebügelt beim Kurkonzert.“ Verglichen mit diesem Aufwand, sich schön herauszuputzen, ist die zur Schau getragene Mode heutiger Reha-Patienten schon eine etwas andere, lässigere, um es einmal milde zu formulieren.

Doch auch Mitte des 20. Jahrhunderts gab es in Kurbädern durchaus Ratgeber, die – bisweilen in Reimen – vorgaben, „wie die Leute sich während einer Kur zu benehmen hatten“, merkt die Bad Schwalbacher Museumsleiterin an. Die Richtlinien erinnerten auch daran, „dass man die Folgen des Flirtens mit anderen Kurgästen für die zu Hause wartende Familie bedenken sollte“.

Als umgangssprachlicher Begriff kam der Kurschatten „erst in den 1950er und 1960er Jahren so richtig in Mode, nachdem jeder Bundesbürger ein Anrecht auf eine vorbeugende Kur zur Erhaltung der Gesundheit erworben hatte“, sagt Martina Bleymehl-Eiler. Ab 1957, als die Gesetze zur Rentenreform in Kraft traten, habe es deshalb „plötzlich sehr viele Kurgäste gegeben“.

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