Reise : La Réunion: Das Schillern des Regenbogens

Fortsetzung von Seite R1

Der Mann macht Mut. Gut gelaunt verkündet der Sprecher im Fernsehen von La Réunion den Wetterbericht für die nächsten Tage. Strahlend schön soll es werden bei Temperaturen bis zu 27 Grad. Ideale Bedingungen für Wanderungen in die Bergwelt der französischen Insel, die sich 9000 Kilometer von Paris entfernt im Indischen Ozean verliert. Doch das Wetter hält sich nicht an die Prognose. Passatwinde treiben düstere Wolken heran, die sich an den Hängen abregnen.

Die Stimmung der Touristen in der Pension von Madame Yvette Boyer sinkt auf den Tiefpunkt. Tagelang sind sie schon durch den Regen marschiert, obwohl die feuchte Monsunzeit eigentlich längst vorüber ist. Nun wartet die Gruppe im Dörfchen Grand Ilet auf besseres Wetter. „Wenn man die Sonne im Herzen hat, ist sie auch am Himmel“, scherzt die Wirtin. „Der Vulkan ist schuld. Immer wenn er ausbricht, wird das Wetter schlecht“, glaubt dagegen ihre Besucherin Marie, die an der Küste lebt. Tatsächlich brodelt es seit einer Woche im Inneren des Piton de la Fournaise, der zu den aktivsten Vulkanen der Welt gehört.

Schon vor 12 000 Jahren erloschen ist der benachbarte Piton de Neiges, der mit 3070 Metern höher ist als die Zugspitze. Seither nagen Wasser und Wind an dem „Dach des Indischen Ozeans“. Durch eingestürzte Krater und Erosion entstanden drei gewaltige Talkessel (Cirques), die den Gipfel wie ein dreiblättriges Kleeblatt umschließen. Vor allem der Cirque de Mafate zieht Wanderer aus aller Welt in seinen Bann.

Wir wählen den kürzesten Einstieg in den Cirque über den 1940 Meter hohen Col des Boeufs, wo die Straße endet. Als wir den Kraterrand erreichen, herrscht dichter Nebel. Doch plötzlich bricht die Sonne durch und gewährt einen atemberaubenden Blick in die Tiefe. Bis zu 1200 Meter hohe, zum Teil senkrechte Felswände begrenzen den Kessel wie ein natürliches Bollwerk. Ein weiß gefiederter Tropenvogel durchstößt einen Regenbogen, der sich über die etwa 80 Quadratkilometer große Senke spannt.

Über einen glitschigen, mit Holzbohlen befestigten steilen Pfad geht es hinab. Wir durchqueren einen Märchenwald aus riesigen Farnen, Agaven, meterhohen Bambusrohren und mit Flechten überwucherten, knorrigen Tamarinden. Wir sind nicht allein unterwegs. Zahlreiche Wanderer schmettern uns ein fröhliches „Bonjour“ entgegen.

Hechelnd überholen uns asketische, mit Trinkflaschen behängte Läufer. Mit stierem Blick trainieren sie für den 125 Kilometer langen „Grand Raid“, eines der härtesten Crossrennen der Welt, das quer durch die Insel führt. Alljährlich beteiligen sich etwa 2000 Sportjunkies an dem organisierten Wahnsinn. Die Bestzeit liegt bei 16 Stunden, wer nach drei Tagen das Ziel nicht erreicht, wird disqualifiziert. Einige Läufer bisheriger Rennen überlebten die Tortur nicht. „Das sind Verrückte“, glaubt Gérard, der es gemächlicher angehen lässt. Er wohnt in La Réunions Hauptstadt Saint Denis und flieht immer wieder in die Einsamkeit der Berge.

Den Cirque Mafate muss man sich hart erarbeiten. Ebene Wege gibt es kaum, ständig geht es steil bergauf oder bergab. Die 15 Siedlungen mit zusammen rund 800 Einwohnern liegen weit verstreut auf fruchtbaren Plateaus, die durch tiefe Schluchten voneinander getrennt sind. Wegen ihrer isolierten Lage werden die Dörfer „Ilets“ (Inselchen) genannt und sind nur zu Fuß oder mit dem Hubschrauber zu erreichen. Obwohl der Kessel an der längsten Stelle nur zehn Kilometer misst, brauchen Wanderer zwei bis drei Tage, um von einem Ende ans andere zu gelangen.

Der Weg zwischen dem Col des Boeufs und dem Ort La Nouvelle gehört zu den einfacheren Abschnitten. Dennoch benötigen wir fast drei Stunden für die nur fünf Kilometer lange Strecke. Am Rande des Dorfes, das in 1400 Meter Höhe auf einer Hochebene liegt, weiden schwarzweiß gefleckte Kühe. Aus den Schornsteinen steigen hellgraue Rauchwolken auf. Weiße Girlanden aus Holz und Blech verzieren die bunten Dächer. Das feuchtwarme Klima lässt in den Gärten Bananenstauden, Pfirsiche, Trompetenbäume und Mispeln gedeihen, Geranien und Fuchsien prunken in der klaren Bergluft. Etwa 200 Menschen leben in dem Dorf, die meisten sind Kinder und Jugendliche. Es gibt sogar eine Schule.

Viele Mafatais sind Nachfahren entkommener Sklaven, die in den Bergen Zuflucht vor ihren Häschern suchten. Erst 1848 verbot die französische Regierung mit dem Pariser Edikt die Leibeigenschaft. In der Folgezeit siedelten sich auch verarmte weiße Pflanzer in den Bergen an und vermischten sich mit den Schwarzen.

Das abgeschiedene Leben prägt den Charakter der Menschen, die zumeist Bègue oder Horeau heißen und mehr oder weniger miteinander verwandt sind. Viele wirken zunächst verschlossen und zuweilen etwas schroff. Die professionelle Freundlichkeit in den komfortablen Hotels an der Küste von La Réunion ist ihnen fremd. „Wahrscheinlich haben sie den Weißen die Sklaverei bis heute nicht verziehen“, spekuliert Gérard.

Der Wandertourismus hat sich in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Broterwerb entwickelt und den Bewohnern einen bescheidenen Wohlstand gebracht. Von allen Dörfern bietet La Nouvelle das größte Angebot an Unterkünften. Hohe Ansprüche sollte man jedoch nicht stellen, zumeist werden nur enge Mehrbettzimmer angeboten.

Zu den Gewinnern des Tourismus zählt André Bègue. Gerne würden wir uns mit ihm unterhalten. Doch er hat keine Zeit. Gestresst wie ein Manager sitzt er in seinem muffigen Büro am Computer und koordiniert die Flüge seines Helikopters. Neben der Charterfirma betreibt er ein Restaurant und ein Lebensmittelgeschäft. Zudem vermietet er Zimmer und backt Brot. Da bleibt kein Raum mehr für einen kleinen Plausch.

Etwas gesprächiger zeigt sich dagegen Sylvie Bègue. Mit Blick auf die grandiose Bergwelt wartet sie vor ihrem kleinen Laden auf Kundschaft. Die junge Mutter liebt das beschauliche Leben in der Abgeschiedenheit. „Ich fühle mich sehr aufgehoben. Es ist so schön und ruhig hier“, schwärmt die Geschäftsfrau.

Das soll auch so blieben. Den Plänen, eine Straße nach La Nouvelle zu bauen, erteilten die Dorfbewohner eine klare Absage. „Jeder ist dagegen“, berichtet Sylvie. Eines ist sicher: La Réunions Wanderparadies würde durch eine Straße mehr verlieren als gewinnen. „Wir wollen keinen Autolärm“, sagt Madame Bègue bestimmt. Und mit dem gelegentlichen Geknatter des Hubschraubers kann sie gut leben. Der kommt mehrmals am Tag, um die Bewohner mit Waren zu versorgen. Auch der Arzt und der Dentist schweben regelmäßig mit dem Helikopter zur Visite ein. Im Notfall lassen sie Patienten ausfliegen. Nur zehn Minuten benötigt der Pilot bis hinunter ins Hospital von Saint Denis. Vier Tage braucht dagegen der Briefträger, um alle Dörfer abzuklappern. Auch der Pfarrer besucht seine Schäfchen zu Fuß.

Früh bricht die Nacht auf La Réunion herein. Kurz nach sechs ist es in La Nouvelle bereits stockfinster, dann gehört das Dorf den Hunden. Straßenlaternen gibt es ebenso wenig wie ein Nachtleben. Doch danach ist den meisten Wanderern nach den Anstrengungen des Tages ohnehin nicht zumute.

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