Reise : Lago Maggiore

Pia quasselt sich einen Wolf. „Pia, wie viele Stationen sind es noch bis St. Maria Maggiore?“ Pia holt kurz Luft. „Allora“, sagt Pia und hält dann einen zehnminütigen Vortrag über die Eisenbahn zwischen Locarno am Lago Maggiore und Domodossola in den Bergen über dem Lago. Eine spektakuläre Bahn ist das die Ferrovia Vigezzina sie fährt von Locarno über den Monte Comino weiter nach Malesco und Craveggia bis nach Domodossola das sind 55 Kilometer allora sie fährt über Schluchten insgesamt sind das 83 Brücken und Viadukte und die maximale Steigung ist 60 Prozent und allora in Zeiten der Hautevolee war sie auch schon da und sie ist auch schon einmal überschwemmt worden das war im Jahr… „Pia, wie viele Stationen sind es noch bis St. Maria Maggiore?“ „Nein“, sagt die Schöne aus dem Münsterland, „die Antwort ist auf Pias Platte nicht drauf.“

Pia ist sehr nett, wirklich sehr nett. Es ist halt ihr Job, dieser Reisegruppe das Wandergebiet um den und oberhalb des Lago Maggiore nahezubringen. Dazu hat sie jeden Meter erkundet, jeden Grashalm besichtigt, alle Steine befragt und jeden Tag seit der alpidischen Gebirgsbildung zwischen dem Jura und dem Pleistozän auswendig gelernt.

Die Reisegruppe: Die Schöne aus dem Münsterland wurde schon erwähnt. Dann ist da noch Rita aus Berlin, die erst einmal schweigt zu den angekündigten Höhenmetern, der erforderlichen Kondition, den Stunden auf Pfaden. Rita, so viel vorab, wird keinen Schweißtropfen vergießen in den Stunden auf steilen Pfaden. Und die Kleinunternehmerin, aus dem Norden kommend. Sie stellt Wanderreisen zusammen, bietet sie an, trekkingerfahren seit vielen, vielen Jahren, wie sie sagt. Gepäck hat sie dabei für viele, viele Jahre. Wanderschuhe, Trekkingschuhe, hohe Schuhe, halbhohe Schuhe, Abendschuhe. Aber dann, sagt sie, trat ihr beim ersten leichten Abstieg „ein Elefant“ auf die Füße. Zumindest sehe ihr Fuß so aus. Nun kann die Unternehmerin nach der Begegnung mit dem Problemelefanten nicht mehr gehen, was hinderlich ist bei einer Wanderreise. Dann ist noch ein älterer Herr aus Österreich dabei, von dem nicht recht klar wird, warum er sich für die Tour angemeldet hat. Ausdrücklich war gebeten worden, Kondition mitzubringen. Schließlich der Berichterstatter.

Der leichte, aber schnelle Abstieg war nötig geworden, weil der leichte Anstieg von Piancavallo zum Monte Morissolino etwas beschwerlich war für den Österreicher und wohl auch da schon Elefanten im Weg standen. Ein breiter Forstweg, sanft ansteigend, führt hinauf und rechter Hand hat man einen wunderbaren Blick auf den Lago. Festungsanlagen liegen am Weg, alte Gefechtsstellungen aus dem Ersten Weltkrieg, von denen aus die Italiener ihren Lago und die Zufahrtstraßen verteidigten. Man kann von Pia darüber alles erfahren: das Kanonenkaliber, die Mannschaftsstärke und auch die Mühen, die es gekostet hat, das schwere Gerät auf den Berg zu wuchten. Oder aber man schaltet die Ohren aus und genießt die Aussicht. Außerdem wartete unten auf dem See das Tragflügelboot, mit dem die Gruppe nach Locarno gebracht werden sollte. Aber daraus soll nichts werden, trotz leichten, schnellen Abstiegs – es sind einfach zu viele Elefanten auf dem Weg, das Boot hat schon ablegen müssen.

Der Lago Maggiore. Gemeinhin fährt man dort hin, um mondän zu baden, gepflegt vor sich hin zu dümpeln, kultiviert zu genießen. Aber zum Wandern und Klettern auf Berge? Das muss sich ändern, haben sich ein paar Gemeinden der Region gedacht, sich zusammengetan und eine Pilotreise organisiert. Aus Anlass dieser Premiere wird entsprechend geklotzt und nicht gekleckert, am Ende dieses Tages und der Zugfahrt, die wirklich lohnend ist, steht am kleinen Bahnhof von Santa Maria Maggiore eine Trachtengruppe und bringt zur Begrüßung ein Ständchen zum Vortrag. Dabei ist Klotzen gar nicht nötig. Das Gebiet hat alles, was man zum Wandern braucht. Und zwar in allen Abstufungen. Leichte Spaziergänge, schweißtreibende Anstiege, hochalpine Klettertouren, Wildnis, alle Wege gut markiert – und vor allen Dingen: Stille, Einsamkeit, Menschenleere. Man kann stundenlang gehen. Am zweiten Tag zum Beispiel von Piana di Vigezzo in 1700 Meter Höhe rund ums Melezzotal, vier Stunden, kaum mühsam, aber mit Blick auf den Monte Rosa, auf Bergseen, auf Murmeltiere. Und man begegnet keinem Mensch.

Der Vorteil dieser Region ist der Nachteil für einen boomenden Tourismus: Es gibt kaum Erleichterungen für den etwas weniger ambitionierten Wanderer. Die Anstiege sind allein zu Fuß zu bewältigen, und nur selten in der Gondel. Und oben angekommen, wartet keine Jause mit Speckknödel und Hefeweizen. Es wartet nur Natur, die Einkehrutensilien sind mitzuschleppen. Dafür darf man am Ende der Wanderung ums Melezzotal die möglicherweise längste Treppe der Welt hinabsteigen, ein Hirtenpfad, mit Steinplatten ausgelegt, etwa vier Kilometer lang und dabei rund 900 Höhenmeter überwindend. Das geht recht flott, es schmerzen nur nachher ein wenig die Knie.

Am Fuß der Treppe gelangt man nach Craveggia, das gemeinsam mit Santa Maria Maggiore, Toceno und Malesco eine Art Zentrum der Lago-Alpen bildet. Und wo sie alles zusammengetragen haben, was irgendwie erwähnenswert erscheint. Die Wandergruppe muss ein Museum anschauen, in dem Kölnischwasser ausgestellt wird. Das stammt nämlich von hier. Es folgen das Specksteinmuseum, mehrere Kirchen, noch mehr Kirchen. Und ein Museum für Gian Maria Salati, „Der erste Mann der überquerte den Ärmelkanal zu Schwimmen“, wie am Eingang steht. Das Kaminkehrermuseum besucht die Wandergruppe natürlich auch. Wobei das Haus eine interessante Geschichte aus der Region erzählt, aus dunkler Vergangenheit. Baumaterial in dem Gebiet ist der Stein, grober Naturstein, der kunstfertig zu Mauern aufgebaut wurde und zu Dächern geschichtet. Kamine waren in den Bergen nicht nötig, der Rauch zog einfach durch die Ritzen ab.Aber das Leben in den Bergen war karg. Die Menschen zogen ins Tal, wo die natürliche Abzugshaube nicht mehr funktionierte. Kamine mussten her, sie waren zudem Zeichen bescheidenen Wohlstands, jeder Kamin auf dem Dach stand für ein beheizbares Zimmer. Und weil diese Kamine enge Schlote waren, wurden Kinder zur Reinigung gezwungen: fern des Elternhauses, kaum entlohnt und schlecht versorgt. In Craveggia sind die kaminreichen Häuser zu bestaunen, und alle Jahre findet hier das fröhliche Treffen der glücksbringenden Kaminkehrer statt. Eine erstaunliche Umdeutung der Historie.

Der Höhepunkt der Wanderreise: die Durchquerung des Valle Grande. Eine schweißtreibende Angelegenheit. Anstrengend, doch großartig. Nur gut, dass zwei Hemmschuhe der Gruppe ein Alternativprogramm im Tal vorziehen. Seit den sechziger Jahren, als der letzte Hirte das Tal verließ, wird der Park renaturiert. Offiziell ist eine Wanderung durch das Tal ohne Führung verboten. Daran hält sich jedoch niemand, und die, die sich der Tortur stellen, sind erfahrene Wanderer. Dennoch müssen jedes Jahr Forstverwaltung und Bergwacht raus zur Lebensrettung, weil sich wieder jemand verirrt hat.

In diesem Waldgebiet treffen wir Gianfrey. Er verläuft sich nicht, er lebt hier. 52 Jahre alt ist er, vor zehn Jahren hat er seine Jobs als Animator in einem Ferienclub, als DJ und als Kinderbetreuer in Mailand aufgegeben, um fortan als Waldmensch von Beeren, Kräutern und Geschenken der Wanderer zu leben. Er tut dies barfuß, ganzjährig, meistens nackt, halbjährig, im Winter, so erzählt er, bedeckt er immerhin den Oberkörper. Gianfrey wird geduldet von der Forstverwaltung, mehr nicht.

Nach sehr, sehr frischem Bad im Bach setzt sich die Wandergruppe zu Tisch. Nicht vergeblich sollen all die Lebensmittel mitgeschleppt worden sein. Das Biwak ist dann eine wildromantische Angelegenheit: drei Steinhäuser mit einem Ofen drin und einem Tisch, sonst nichts. Nur ein schützendes Dach über dem Kopf. Das Badezimmer ist der Bach, die Toilette der Wald, das Fernsehen der Mond und die Sterne. Polenta ist da, Pasta al pepe, Salami, Käse, Brot und Tomaten gibt’s, Trauben, Pasteten, Weine, Weine, Grappa, Weine. Ein Biwak mit Büfett. Und Pia hat längst eingesehen, dass sie das Wandergebiet oberhalb des Lago Maggiore, das Valle Vigezzo, das Val Grande, den Naturpark Alpe Devero, all die Schönheiten ihrer Heimat nicht wortreich anpreisen muss. Sie sprechen für sich. Allora, sagt Pia, und schweigt.

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