Las Vegas : Happy im Dirndl

Im Hofbräuhaus von Las Vegas schäumt die Stimmung. Täglich wird hier bayerisches Brauchtum inszeniert. Bier im Maßkrug gibt’s und Brezn auch.

Tom Noga
Hofbräu Las Vegas
Im Hofbräuhaus von Las Vegas ist mehr Stimmung als in München, sagten Experten. -Picture-Alliance/Schroewig

Echt sieht es aus, mit dem roten Ziegeldach und dem halbrunden Erker. Jedenfalls von weitem. Gut, die Umgebung muss man sich wegdenken. Dieses Hofbräuhaus steht an einer viel befahrenen Kreuzung und nicht am „Platzl“ in Münchens Altstadt. Und die beleuchteten Fenster im ersten und zweiten Stock entpuppen sich bei näherem Hinsehen als reine Fassade. „Aber die Proportionen stimmen“, sagt der Sinzger Toni, ein kleiner Mann mit eisgrauen Haaren. Auch in der Schwemme, dem Biersaal. Sinzger deutet auf einen Schrank aus Eichenholz. Darin lagern die Maßkrüge – wie im Münchner Original. Und die Decke mit dem Stuckdekor und den naiven Malereien – wie in der Mutter aller Bierhäuser.

Las Vegas und das Hofbräuhaus, das passt, findet der Sinzger Toni. So hat der ehemalige Münchner Kriminalpolizist das schon gesehen, als seine drei Partner vor gut fünf Jahren mit dieser Idee an ihn herantraten. Vegas ist die Stadt der Illusionen: Eiffelturm und Brooklyn Bridge, Comer See und Markusplatz, antikes Rom und der Fantasienachbau von Schloss Neuschwanstein – das alles ist jeweils nur einen Katzensprung voneinander entfernt.

Sinzger geht durch einen Rundbogen, darüber steht „Durst ist schlimmer als Heimweh“. Dahinter der Biergarten mit seltsam winzigen Kastanienbäumen. „Die Stämme sind aus Holz“, sagt Sinzger, „und die Blätter aus Plastik. Wir haben sehr viel Wert auf Authentizität gelegt.“ Dumm nur, dass man in diesem Biergarten nicht im Freien sitzt und der schöne blaue, bayerische Himmel unter der Decke nur gemalt ist. Klar, in Las Vegas würde im Sommer kein Gast bei 45 Grad im Schatten draußen sitzen wollen.

Auf der Bühne in der Schwemme bereitet sich die Band auf ihren Auftritt vor, vier Mann, alle in Tracht: knielange Lederhosen, Bergstiefel, weiße Hemden und rote Pullunder mit Tiroler Adler. Die Trenkwalder, benannt nach ihrem Sänger und Ziehharmonikaspieler Hubert Trenkwalder. Die Trenkwalder sind Veteranen im Hofbräuhaus Las Vegas. Kurz nach der Eröffnung, im April 2004 haben sie zum ersten Mal hier gespielt. Dies ist ihr fünftes Engagement. Einen Monat lang, jeden Abend von fünf bis elf, am Wochenende von sechs bis Mitternacht. In der Alten Welt spielen sie rockige Heimatlieder. Dem Publikum in Las Vegas dürfen sie mit so etwas nur in homöopathischen Dosen kommen. „Dass wir einmal den Ententanz spielen würden ...“, Hubert Trenkwalder schüttelt den Kopf, „aber wenn du siehst, wie glücklich du die Leute damit machst, ist aller Frust verflogen. Hier sind wir halt weniger Musiker als Dienstleister.“

Es ist kurz vor sechs, die Tische sind zur Hälfte besetzt – Zeit für den Auftritt. Eine Kellnerin im Dirndl bringt vier Maßkrüge auf die Bühne. Die „steins“, wie sie hier heißen, sind gerade mal zu einem Viertel voll. „Ich hoffe, Sie mögen Polka und Volksmusik“, begrüßt Hubsi das Publikum. Das erste Lied heißt „Griaß Gott“. Und weil das hier niemand versteht, schiebt er eine Erklärung nach: „Das heißt so viel wie ,hello folks‘.“

Es geht leise los. „Bergvagabunden“, „Grüne Tannen“ – Klassiker der Volksmusik. Das Schlagzeug dezent getupft, Gitarre und Bass nur gestrichen. Sechs Uhr abends ist Essenszeit in Amerika, da soll die Musik nicht stören. Auf der Speisekarte stehen Leberkäs, Weißwurst und Brez’n – wie in München. Dann das erste Prosit. Die Trenkwalder heben ihre „steins“. „Das ist eine deutsche Tradition“, reicht Hubsi erneut eine Erklärung fürs Publikum nach. Ein Tusch und die Aufforderung „Everybody raise your steins“. Dann auf Deutsch: „Die Krüge hoch“, sollen die Zuschauer antworten. Es folgen die einschlägig bekannten Mitgrölrefrains aus Après-Ski-Hölle und Ballermann-Bestiarium: „Prost du Sack – Prost ihr Säcke“, „Hasta la vista – olé“. Und ein dreifaches „Zickezacke – hoi hoi hoi“. Erstaunte Gesichter im Publikum – aber dann machen alle mit.

Im Hofbräuhaus Las Vegas wird bayerisches Brauchtum nicht gelebt, sondern inszeniert. Da stört es auch nicht, dass die meisten Bands wie die Trenkwalder aus Tirol sind. „Die Auswahl ist einfach größer“, sagt Hubsi, „auf eine bayerische Volksmusikgruppe kommen mindestens 20 Tiroler.“ Außerdem ist der Unterschied akademisch: Was Tracht trägt, gilt jenseits des Atlantiks eh als bayerisch.

Ein älteres Ehepaar kommt herein, die Effenhauers, David und Lynn. Er ist groß, hager, weißhaarig, sie klein und rundlich mit viel zu großer Brille. Das Paar wird an einen Tisch direkt vor der Bühne geleitet, wo ein schmiedeeiserner Aschenbecher mit der Aufschrift Stammtisch steht. Die Trenkwalder legen einen Zahn zu. Mit dem „Lumberjack March“, vulgo: „Die lustigen Holzhackerbuam“. Dazu stapfen sie im Rhythmus von einem Ende der Bühne zur anderen. „Sie verdienen sich ihr Geld wirklich im Schweiße ihres Angesichts“, lobt David Effenhauer. Er hat als Controller in einem internationalen Konzern mit Sitz in Brüssel gearbeitet. Von dort haben Lynn und er Europa erkundet und sich in Bayern verliebt.

Am Stammtisch sind bald alle Plätze belegt. Die Jähnigs trudeln ein, Siglinde im Dirndl, Frank in Tracht. Eigentlich kommen sie aus Hannover, aber im Grunde ihres Herzens sehen sie sich als Bayern. Sie haben Beth im Schlepptau, eine Frau in den Zwanzigern, ebenfalls im Dirndl, die blonden Haare hat sie sich zu Korkenzieherlocken gedreht. Beth ist deutscher Abstammung, aber mit dem Land ihrer Großeltern hatte sie nie viel zu tun. Bis sie vor zwei Jahren nach Las Vegas zog und das Hofbräuhaus entdecke.

Dann sind da zwei Männer in kurzen Lederhosen, Haferlschuhen und Wadenstrümpfen. Beide haben ihre eigenen Bierkrüge mitgebracht. Rainer ist drahtig, trägt Raspelschnitt und Vollbart. Ein ehemaliger Berufssoldat und passionierter Jäger. Vor fünfzehn Jahren hat er sich in Las Vegas zur Ruhe gesetzt. Seitdem ist er nicht mehr in seiner bayerischen Heimat gewesen. Er will sie so in Erinnerung behalten, wie er sie verlassen hat. Der andere heißt Mark und kommt aus Henderson, einer Schlafstadt bei Las Vegas. Er ist groß und hager, mit grau melierten Haaren und einer gewaltigen Nase. Er legt einen Zettel auf den Tisch, darauf steht „Schnitzeljagd“, sein „word of the day“. So lernt er Deutsch: jeden Tag ein anderes Wort. Bis heute kann er nicht recht fassen, dass einer wie er, der Deutschland und Bayern nur aus der Ferne kennt, hier am Stammtisch sitzen darf.

Hubsi stimmt auf der Trompete die amerikanische Nationalhymne an. Der Auftakt zur Party. Es folgt ein wildes Potpourri aus Ländlern, Märschen und Polkas. Der Schlagzeuger drischt auf die Felle, Bassist und Gitarrist greifen stärker in die Saiten. Und Hubsi fegt wie ein Irrwisch über die Bühne. In der Schwemme stehen alle auf den Bänken, johlen, tanzen und feiern. Zu Stimmungskrachern wie „Viva Colonia“ oder – immer wieder gern genommen in den USA – : „Sweet Home Alabama“.

Beth beugt sich herüber. Im vergangenen Jahr war sie zum ersten Mal in Deutschland, natürlich auch in München und dort im Hofbräuhaus. „Es war ähnlich und doch ganz anders – irgendwie verrückt. Das Essen war super, wie hier. Aber die Band hat immer nur kurz gespielt und dann endlose Pausen gemacht. Hier ist es besser, mehr Stimmung. Seltsam auch, dass dort Männer sitzen und Karten spielen.“

„Ach ja, München.“ Siglinde Jähnig seufzt. Die Seen, die verschneiten Berge ... In Deutschland war sie Verwaltungsangestellte und Frank, ihr Mann, freiberuflicher Journalist. Vor zehn Jahren haben sie beschlossen, neu anzufangen. An einem neuen Ort, in Las Vegas eben. Und mit einer neuen Geschäftsidee, einem Heiratsservice, dem einzigen hier in deutscher Sprache. Ein bisschen Nostalgie war mit im Spiel, schließlich hatten sie selbst sich in Las Vegas das Jawort gegeben. Das Geschäft läuft gut, das Wetter hier in Vegas ist einmalig , die Sonne scheint oft. Und trotzdem ... wann immer die Jähnigs können, gehen sie ins Hofbräuhaus. In „unsere kleine Kneipe an der Ecke“, wie Siglinde Jähnig sagt, „auch wenn sie etwas groß ausgefallen ist. Aber in Las Vegas ist halt alles ein bisschen größer.“ Diese Stadt sei sehr anonym, aber im Hofbräuhaus treffe man immer auf bekannte Gesichter ...

Kurz vor Mitternacht, das letzte Lied. Zwanzig, dreißig Zuschauer harren noch aus. Beth ist längst nach Hause gefahren. Die Effenhauers und Jähnigs verabschieden sich. Auch Mark und Toni machen sich schließlich auf, nicht mehr ganz stabil auf den Beinen.

Verschwitzt und erschöpft verstauen die Trenkwalder ihre Instrumente. Morgen um sechs werden sie wieder auf der Bühne stehen. Vor einem neuen Publikum. „Nur am Stammtisch werden dieselben Leute sitzen“, sagt Hubert Trenkwalder.

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