Lassaner Winkel : Ein Tupfer Violett

Vorpommern, kreativ: verblüffende Entdeckungen im Lassaner Winkel

Marlies Gilsa

Noch etwas Dunkelrot? Oder vielleicht ein Tupfer Violett? Die Farbe der Blumen könnte etwas intensiver werden. Aber ansonsten sieht das Bild schon ganz gut aus – die Komposition aus blühenden Sträuchern, Apfelbaum und einem weißen Holzstuhl, auf dem eine Vase mit Rosen steht, ist durchaus gelungen. Mehr als zwei Stunden hat die junge Frau an ihr gearbeitet. Immer wieder hat sie ihren Blick über den Garten schweifen lassen und dabei mit Acryl- und Pastellfarben experimentiert, um die gewünschten Farbnuancen hinzubekommen. Nun fehlen nur noch ein paar Pinselstriche, um das Werk zu vollenden.

Dabei steht ihr Ulrike Seidenschnur zur Seite. Ganz behutsam macht die Malerin und Kunstpädagogin ihre Kursteilnehmer auf das eine oder andere Detail aufmerksam, ermuntert sie, sich von der vorher angefertigten Bleistiftskizze zu lösen und mutig mit den Farben umzugehen. Aber wie genau man zum Beispiel den Himmel malt, erklärt sie nicht. „Ich möchte so wenig wie möglich vorgeben“, meint sie. „Jeder soll seinen eigenen Weg finden.“ Und sich natürlich auch von der Umgebung inspirieren lassen. Deretwegen kommen schließlich die meisten zum Pleinair-Malen nach Lassan, wo Ulrike Seidenschnur Kunst und Logis anbietet.

Schon der Garten steckt voller Motive: Zwischen Obstbäumen, Rosensträuchern und andere Blumen verteilen sich locker ein paar Sitzgruppen, hier hängt ein altes Steinrelief an der Wand des Gartenhauses, dort wird ein Frauentorso von Blättern umrankt. Aber wenn es das Wetter zulässt, zieht die Künstlerin mit ihren Schülern noch weiter raus: in die sanfte Hügellandschaft Ostvorpommerns, an den Schilfgürtel am Achterwasser oder in die Straßen von Lassan. Dabei ist das Städtchen, das knapp zwanzig Kilometer nordöstlich von Anklam liegt, keins von denen, die man unbedingt als malerisch bezeichnen würde. Die Lange Straße, die zum Hafen hinunter führt, wirkt eher nüchtern. Zwar hat das eine oder andere Haus inzwischen etwas Farbe abbekommen, einige Fassaden sind sogar quietschgelb oder knallgrün, hier und da hängen auch schon ein paar Geranien aus den Fenstern oder springt eine der typischen prachtvollen Kastentüren ins Auge. Doch harrt noch manches graue Gebäude der Sanierung. Der aufgeräumte Marktplatz schreit geradezu nach einem Café, die Läden lassen sich an zwei Händen abzählen, überhaupt könnte mehr Leben auf den Straßen sein. Wäre da nicht die stolze Kirche St. Johannis aus dem 13. Jahrhundert, deren 57 Meter hoher Turm mit seinem historischen Uhrwerk die niedrigen Häuser überstrahlt – viele würden gleich wieder ins Auto oder aufs Segelboot steigen.

Andere wiederum reizt der spröde Charme des Orts. Künstler und Kunsthandwerker wie Regina Lösch, die einen kleinen Laden mit Keramik, Web- und Filzsachen in der Langen Straße unterhält. Oder auch Poeten wie Wolf Biermann. „Am Peenestrom, am Peenestrom / Da liegt ein Wrack aus Holz und Stein / Seit fünf mal hundert Jahrn / die alte Stadt Lassan / Die Stadt liegt da auf Grund und träumt / Und kommt nie los und wird nicht flott / Und möchte gern auf die Ostsee fahrn …“, heißt es in der „Ballade von der alten Stadt Lassan“. Es ist schon ein paar Jahrzehnte her, dass der Liedermacher mit seinem Boot von Usedom hierherkam, um sich den Kahn von einem Schiffbauer aufmöbeln zu lassen. Aber sein Gedicht scheint heute aktueller denn je. Noch immer ist die alte Stadt nicht richtig flott geworden. Arbeitslosigkeit und massive Abwanderung haben ihr seit der Wende zu schaffen gemacht. Von einstmals etwa 3000 Einwohnern ist nur noch die Hälfte da geblieben, gerade musste die Realschule geschlossen werden. Das ist der Nährboden für eine rechte Szene, die der NPD schon mal dreißig Prozent eingebracht hat. Und einige Anwohner müssen sich gewaltig anstrengen, um etwas dagegenzusetzen.

Doch ist das Grund genug, Lassan links liegen zu lassen, wie es die meisten tun, die auf der B 110 von Anklam nach Usedom fahren? Der Lassaner Winkel, der gegenüber von der Insel am Achterwasser liegt, mag unspektakulärer und verschlafener sein als die prominenten Kaiserbäder. Aber ein toter Winkel ist er nicht. Im Gegenteil. Wer genau hinsieht, kann in Lassan und den umliegenden Dörfern überall neu aufkeimendes Leben entdecken. Nicht nur Ulrike Seidenschnur, auch viele andere Künstler haben sich hier angesiedelt. Angelockt von der verträumten Landschaft am Peenestrom, der Ruhe und den erschwinglichen Grundstücken, haben sie anderen Orten den Rücken gekehrt, um hier konzentriert zu arbeiten und sich zum Teil auch ins Leben der Provinz einzumischen. In Kolzow arbeitet die Bildhauerin Cornelia Lorenz und veranstaltet Keramikkurse, in Pulow die Webmeisterin Iris Schöne, im Herrenhaus Libnow bei Murchin, einem etwa 150 Jahre alten Backsteinbau im Tudorstil, ist neben einer Rahmenmanufaktur und stilvollen Gästezimmern die Galerie Arte Deposito untergekommen. Man muss nur mal zu Pfingsten übers Land fahren, wenn unter dem Motto „Kunst:offen“ unzählige Ateliers, Galerien und Kirchen ihre Pforten öffnen, um sich vom kreativen Potenzial des Landstrichs zu überzeugen.

Besonderer Besuchermagnet ist die Lassaner Kirche, die bis in den Herbst hinein anspruchsvolle Ausstellungen regionaler und überregionaler Künstler veranstaltet. Für Pfarrer Philip Graffam ist es eine Selbstverständlichkeit, den schönen Sakralbau zur Verfügung zu stellen. „Wir wollen damit auch den sozialen Problemen der Stadt etwas entgegensetzen“, erklärt er. Die Kunstausstellungen sind für ihn ebenso wichtig wie die intensive Jugendarbeit und seine Theatergruppe Sinnflut. Im Übrigen ist er davon überzeugt, dass die Chance der Region im sanften Tourismus liegt. Die Gegend sei schließlich ideal für Menschen, die Ruhe suchen, wandern oder sich kreativ betätigen wollen.

Inzwischen werden überall Mal-, Filz-, Web- oder Spinnkurse angeboten, Tanz-, Musik- und sogar Trommelbauworkshops veranstaltet. Am umfassendsten ist das Angebot der Europäischen Akademie der Heilenden Künste, die sich 1997 in Klein Jasedow etabliert hat. Mal finden im neu entstandenen „Klanghaus am See“ Kurzfilmtage, mal Konzerte oder Seminare für Schauspieler, Tänzer und Musiker statt. Im Nachbarort Papendorf ergänzt ein Duft- und Tastgarten mit Gewürzpflanzen, Barfußweg und „pommerschem Labyrinth“ das Programm. Motor der touristischen Vermarktung ist aber vor allem die Ackerbürgerei in Lassan. Die aus Essen stammenden Besitzer haben es nicht nur geschafft, aus dem alten Ackerbürgerhaus und einer Fischerkate eine Pension mit wohnlichen Zimmern, Ferienwohnungen und guter regionaler Küche zu machen. Sie verstehen sich auch als Land-und-Leute-Information und locken immer mehr Gäste mit Kräuterwochenenden, Yoga, Segel- oder Paddeltouren in den Lassaner Winkel. Stück für Stück ist mit vereinten Kräften aus dem vergessenen ein quicklebendiger kreativer Winkel geworden.

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