Leipzig : Antike am laufenden Meter

Im Panometer Leipzig wird die 360-Grad-Panoramaschau „Rom 312“ bald zerstört. Danach zieht das Projekt „Amazonien“ ein

Den dicken Wintermantel sollte man anbehalten, wenn man in diesen Tagen das antike Rom besichtigt. Denn dieses Ziel liegt überraschend nah, in der mitteleuropäischen Kältezone, in Leipzig. Doch Geschichtsinteressierte müssen sich beeilen. Nur noch bis zum 1. Februar ist der faszinierende Ausflug in die Antike möglich. Dann wird „Rom 312“ zerstört und muss „Amazonien“ weichen. Der Berliner Architekt und Künstler Yadegar Asisi macht es möglich. Im Panometer Leipzig, einem umgewandelten ehemaligen Gasspeicher der Leipziger Stadtwerke, hat er „Rom 312“ geschaffen, eine Ausstellung, deren Herzstück ein Panoramagemälde ist, das als das derzeit größte 360-Grad-Panoramabild der Welt gilt. Am 28. März entführt Asisi das Publikum dann auf ähnliche Weise nach „Amazonien“, in die grüne Lebenswelt nahe dem Äquator.

Der Besucher ist auf der Plattform im Inneren des Leipziger Industriedenkmals zunächst einmal sprachlos. Platt. Einfach überwältigt. Im Maßstab 1:1 entfaltet sich vor und über ihm sowie ganz um ihn herum eine Darstellung des antiken Roms. Er erlebt gewissermaßen live den feierlichen Einzug des Kaisers Konstantin mit seinen Soldaten am 29. Oktober 312 nach der Schlacht an der Milvischen Brücke. Rundherum von dem 106 Meter langen und 31 Meter hohen Panoramagemälde umgeben, wird der Betrachter gar selbst zu einem Teil der Inszenierung, er wird über die antike Metropole buchstäblich ins Bild gesetzt. Tempel und Thermen, Mietskasernen und Märkte sind zum Greifen nah, ja, am Horizont sind gar die Albaner Berge auszumachen. Geschäftiges Treiben herrscht in der Metropole, alles scheint auf den Beinen – der siegreiche Kaiser will schließlich gebührend empfangen sein. Für den Besucher verschwimmt für Minuten die Grenze zwischen Wirklichkeit und der im Panorama dargestellten Szene.

Yadegar Asisi und sein Team wollen den Besuchern des Panometers die „Lust am Sehen zurückgeben“. Das gelingt, man kann sich gar nicht sattsehen. Spezielle Licht- und Toneffekte verstärken die sinnliche Erfahrung. Dafür sorgt auch die weltweit erste Rekonstruktion im Maßstab 1:1 der Kolossalstatue Kaiser Konstantins: Die mit Sockel rund 15 Meter hohe räumliche Simulation erweckt beim Betrachter den Eindruck, als ob sie vollplastisch mitten in der Rahmenausstellung zu „Rom 312“ stünde.

Bislang war es eine Art geheime Kommandosache, doch seit vergangener Woche ist klar: Die Darstellung wird am 1. Februar zerstört. Besucher sind aufgerufen, mit Farbpistolen auf die mit dem Panorama bedruckte Leinwand zu schießen. Anschließend wird das Bild in einer spektakulären Aktion zerschnitten. Asisi habe sich dazu entschieden, weil das Panorama einzigartig sei und nicht weiter vermarktet werden solle, heißt es.

Vom 28. März an ist dann Asisis monumentales Panoramaprojekt „Amazonien – Zauberbild der Natur“ zu sehen. Der an der TFH Berlin lehrende Asisi wird in diesem neuen 360-Grad-Panoramagemälde die Tier- und Pflanzenwelt des brasilianischen Regenwaldes zeigen. Um die Schönheit und den Detailreichtum der Region für die Besucher emotional erlebbar zu machen, hat er für die Erstellung seines 30 Meter hohen Bildes rund 25 000 Fotografien und unzählige Handskizzen in Brasilien angefertigt. Das „Zauberbild der Natur“ will der Meister zum Humboldtjahr als Hommage an den Entdecker des südamerikanischen Kontinents, den physikalischen Geografen Alexander von Humboldt verstanden wissen.

Ergänzend zum Panoramabild wird eine Ausstellung präsentiert, die den Besuchern die Charakteristik der Amazonas region nahebringen soll. Mit Tafeln, Illustrationen und Originalexponaten der Tropen werden in Installationen – zum Beispiel prasselnde Wassermassen in der Regenzeit – simuliert. Den Mantel wird man dann zu Hause lassen können. gws

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