Reise : Leise raschelt das Schilf

Fortsetzung von Seite R1

Geheimtipps in Reiseführern darf man getrost misstrauen. Aber von Fahrradvermieter Dieter Schröder in Zingst wollen wir es schon wissen: „Wo ist Ihr Lieblingsort auf dem Darß?“ „Da fahre ich nicht hin“, sagt er, „ich bleibe meist auf dem Zingst.“ Und bedauert, dass die unwissenden Binnenländer die Halbinselkette Fischland-Darß-Zingst immer wieder fälschlich einfach nur Darß nennen. Dabei sei es doch nur ein paar Jahrhunderte her, als die drei Landschaftsteile noch durch Wasserarme getrennt waren. Man kommt nicht drauf, weil es mit dem Rad von Zingst ins benachbarte Prerow auf dem Darß, immer auf dem Deich entlang, doch nur rund zehn gemütliche Kilometer sind. Nicht mal eine Brücke muss man überqueren.

„Prerow“ sagt Dieter Schröder ein wenig abfällig, mit den Prerowern hätten die Zingster wenig am Hut. Die hätten damals, als es den Leuchtturm Darßer Ort noch nicht gab, die Kapitäne mit ihren Lichtern verwirrt und die daraufhin gestrandeten Schiffe ausgeraubt. Und dann, jetzt hebt Schröder die Stimme, „ alles den Zingstern in die Schuhe geschoben“. Wir geloben, nicht nach Prerow zu fahren. Nach Wieck am Bodden aber wollen wir unbedingt. „Die Wiecker sind Gauner“, warnt Schröder schmunzelnd. Und wünscht gute Fahrt.

Kurz vor Prerow biegen wir links ab, und kurz darauf sind wir auf einer Märchenroute. Zwischen Wiesen und Feldern führt sie hindurch, meilenweit ist kein Haus zu sehen. Was stand hier irgendwo auf einer Tafel? „An de Ostsee ruuschen schön de Wellen, schöns hett ok dat Binnenland tau mellen.“ Ein paar Schwäne stehen im Gras, irgendwo liegt ein Fuchs auf der Lauer. Unter dem Gebälk einer hölzernen Aussichtsplattform bauen zwei Schwalben eifrig an ihren Nestern. Eine Blindschleiche kreuzt, zwei Zitronenfalter tanzen umeinander.

Der kleine Ort Wieck hat sich der stillen Landschaft angepasst. So viele schöne reetgedeckte Häuser mit Gärten voll prunkender Blumenpracht. In einem warnt ein großes Schild unter dem Briefkasten: „Bitte nichts in die Zeitungsröhre stecken. Vogelnest!“ So sensible Zeitgenossen sollen Gauner sein? Gemächlich kurven wir durchs beschauliche Wieck, und wäre es ein Museumsdorf, wir würden einen Preis verleihen. Nur die „Arche“, ein Informationszentrum des Nationalparks, ist enttäuschend. Wie soll man sich auf den Text der Schautafeln konzentrieren, wenn die erklärende Stimme zum sicher sehenswerten Naturfilm im selben Raum alles übertönt und sich noch Hörspielgeplapper mit hineinmischt? „Verwirrend“, kommentiert ein Besucher.

Lieber wieder raus aufs Rad und dem eben gelesenen Slogan folgen: „Beobachte, ohne zu stören.“ Der Weg zum Dörfchen Born führt am Bodden entlang. Viele Kilometer lang raschelt neben uns leise das Schilf. Ende der 90er Jahre war Born die Adresse für Feinschmecker auf dem Darß. Im Restaurant „Zum Weißen Hirschen“ wurde von Ralf Hiener regionale Gourmetküche zelebriert. Lange her. Nun ist eine Pizzeria in das alte Bauernhaus gezogen. „Fahren Sie zum Hafen“, rät eine Passantin, „dort können Sie gut essen.“ Gut ist untertrieben bei diesem Hafenbistro. Eine weißhaarige Dame steht an Töpfen und Pfannen und hat alles prima im Griff. Das heutige Tagesangebot: Schollenfilet nebst Bratkartoffeln und Gurkensalat für 6,80 Euro. Köstlich ist der Fisch, knusprig sind die Kartoffeln.

Gerade sind wir gestärkt und zufrieden wieder losgeradelt, da wartet schon die nächste Verlockung. Schön restauriert – hellblaue Fassade, braunrote Fensterläden – präsentiert sich das ehrwürdige „Capitänshaus v. Petersson“ am Bäckergang. Nebenan ist ein uriges Hofcafé, das hausgebackenen Kuchen preist. Nein, nicht schon wieder absteigen.

Zurück in Richtung Prerow nehmen wir den schnurgeraden Weg durch den Darßwald. Beinahe minütlich ändert sich das Bild. Mal rankt Farn rechts und links, mal stehen Kiefern da, dann wieder uralte, seltsam verknorpelte Buchen. Bisweilen surren Mücken um die Ohren, es ist sumpfig ringsherum. Ein Frosch hüpft zur Seite, nur zehn Meter vor uns überquert gemächlich ein Riesenvogel den Weg. Kein Zweifel, ein Kranich. Was hat er um diese Jahreszeit hier verloren?

Zierliche Pflanzen mit kleinen weißen Blüten stecken ihre Köpfe aus dem Tümpel, gelbe Wasserlilien recken sich. Das wäre ein Foto. Aber wie belichtet man die Szenerie? Wie kommt man mit Licht und Schatten zurecht?

Beim Fotoworkshop in Zingst hätten wir das lernen können. Seit ein paar Jahren ist das Seebad zum „Seh-Ort“ geworden. Mögen die Maler in Ahrenshoop bleiben, Zingst ist das Eldorado der Kamerakunst. Der international renommierte Fotograf Heinz Teufel hat alles ins Rollen gebracht. Nun gibt es in Zingst schon vier Fotogalerien, in denen preisgekrönte Bilder zu sehen sind. „Wir wollen nur das Beste zeigen“, heißt es. Für Hobbyfotografen aber gibt es Schulungen an der Kamera.

Für das Thema „Bäume“ begeben sich die Kursteilnehmer dann in den Darßwald. Nicht, um einfach nur zu knipsen. „Wir machen mit ,M‘“, sagt Teufel. „M“, das heißt manuell. „Talent kann man nicht lernen“, erklärt der Experte, aber die Basis, sich auszudrücken. Beim Fotografieren sei es doch wie beim Schreiben. Erst lerne man das ABC, dann ganze Wörter und irgendwann schaffe man einen Aufsatz. So funktioniere es eben auch bei mit der Kamera. In den richtigen Winkel gerückt, werden Bäume zu Skulpturen. Und wenn es regnet? „Herrlich“, sagt Teufel. „Dann reflektieren die Tropfen das Licht, und beste Ergebnisse kommen raus.“

Jetzt scheint die Sonne. Am Strand westlich vom Leuchtturm Darßer Ort sind die Sandkörnchen fein und weiß wie gesiebtes Mehl. Rechts runter, links runter, viele Kilometer unverbaute Küste. Das Meer hier soll die Ostsee sein? Es leuchtet karibisch blau. Sogar unten bei Dierhagen auf Fischland ist das noch so, wo die Halbinselkette beginnt. Dierhagen ist ein bisschen zerfleddert, fünf Ortsteile gehören dazu. Was besichtigt man hier? „Unser Museum ist die Natur“, sagt die Frau vom örtlichen Fremdenverkehrsverein. Und diese Natur hat sich wieder prächtig rausgemacht seit der Wende.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der seit 1895 in Dierhagen propagierte Tourismus für wohlhabende Bürger geächtet, das neue Bauerntum wurde gestärkt. In einer DDR-Broschüre aus dem Jahre 1986 heißt es: „Während noch 1945 morgens und abends die Kühe über die Dorfstraßen und die gemeinsamen Weiden getrieben wurden, künden heute dem Besucher schon von Ferne die Silos der Kälberaufzuchtanlage von dem Vorteil sozialistischer Landwirtschaft.“

Von den fünfziger Jahren an durften sich auch wieder Urlauber erholen, viele Urlauber. Das herrschaftliche „Kurheim Gustav Adolf“, 1907 gleich hinter den Dünen entstanden, wurde zum hässlich-großen FDGB-Heim umgebaut. In unmittelbarer Nachbarschaft entstanden Baracken für Sommerfrischler. Das FDGB-Heim wurde nach der Wende noch bis vor zwei Jahren als Hotel „An de Se“ weitergeführt. Nun hat es einem weißen Neubau Platz gemacht, der am 1. Juli unter dem Namen „Dünenmeer“ eröffnen wird. Mit fünf Stockwerken ist das Gebäude nicht eben zierlich ausgefallen, auch wenn es immerhin ein paar Meter von den Dünen weggerückt ist. Die alten Baracken wurden durch verschiedenfarbige reetgedeckte Häuser ersetzt, deren Ferienapartments zu mieten sind. Wer hier wohnt, kann die Angebote des Hotels – von Frühstücksbuffet bis Pool – gegen Aufpreis nutzen. Eine clevere Resortidee.

„Viereinhalb Sterne“ wünscht sich Hoteldirektorin Sabine Waske fürs „Dünenmeer“. Ein raffiniertes Spa wird es haben, eine Birkensauna, regionale, gesunde Küche, eine eigene Patisserie … Zum Strand sind es nicht mal fünf Minuten.

Gleich hinter der Anlage aber beginnen die Wunder des Hinterlandes. Über einen sorgsam angelegten Knüppelpfad kann man zum Beispiel eine halbstündige Runde durchs Neuhäuser Moor drehen. Zu Fuß, versteht sich. Bis Ende der vierziger Jahre wurde hier noch Torf gestochen, nun ist es ein stilles, verwunschenes Biotop. Nicht nur Kreuzottern sollen hier leben, sondern auch die vom Aussterben bedrohte Schlingnatter. Wir nehmen mal an, dass sie nicht gefährlich ist. Auch seltener Königsfarn, so steht auf einer Infotafel, sei hier zu bestaunen.

Bleibt am Ende die Frage: Fischland, Darß oder Zingst? Für Fahrradvermieter Schröder ist die Sache klar. Wir sind hin und her gerissen.

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