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Einst träumten sie in Istanbul

Soeben noch war der Taksim-Platz in Istanbul ein Symbol für die Hoffnung und für einen Aufbruch in der Türkei. Da erschreckt einen der Zürcher Unionsverlag mit einem Roman von 1978. Yasar Kemal, der bald 90-jährige türkische Volksschriftsteller, lässt den Taksim-Platz darin zum Schauplatz für den Niedergang der Menschheit und den Verrat alter Bräuche werden.

Drei Gassenjungen haben es sich in den Kopf gesetzt, mit dem Fangen von Vögeln und deren Verkauf zu überleben, ohne stehlen zu müssen. Sie berufen sich auf eine alte Tradition, einen Brauch seit den Tagen des alten Byzanz. Damals wurden Vögel gekauft und dann von ihren neuen Besitzern freigelassen, um an der Pforte des Paradieses für gute Stimmung zu sorgen. So sollten alle Sünden vergessen sein. In der Neuzeit will davon kaum einer mehr etwas wissen.

Der 60-jährige Mahmut, der das nicht glauben will und den Kindern beim Verkauf ihrer Vögel hilft, möchte die Stadt auf die Probe stellen: „Mahmut sagt, dass die Menschlichkeit niemals ausstirbt. Er wird nachforschen, ob sie in der Stadt Istanbul gestorben ist oder nicht. Er wird Istanbul den Puls fühlen.“

Am Ende kommt die türkische Metropole tatsächlich schlecht weg. Die Zeiten haben sich gewandelt – und wie. Hässliche Wohnhäuser aus Beton haben sich aufgetürmt, heißt es. Der Fortschritt bestimmt die Menschen, Hast und Hektik, die neue Zeit eben. Skepsis hat die Gläubigkeit ersetzt, Habgier die Freude am Leben.

„Auch die Vögel sind fort“, heißt der schmale Roman von Yasar Kemal. Wieder bezaubern Kemals Naturbeschreibungen; wieder beeindrucken seine Menschen; wieder besticht der klare, unprätentiöse Stil. Zudem charakterisiert der Schriftsteller verschiedene Stadtviertel: Für Dolapdere schreibt er eine Liebeserklärung. Als „Zauberstadt“ bezeichnet Kemal das Viertel voller „Gescheiterter und Pechvögel aus aller Herren Länder“.

Und der Verlag hat das Büchlein wie ein kleines Schmuckstück gestaltet, mit einer stimmungsvollen Stadtsilhouette des Fotochronisten Istanbuls, Ara Güler, versehen. Doch Yasar Kemal verzaubert ein großes Lesepublikum gerade mit seinen zuversichtlichen Märchen und Traumlandschaften.

Davon jedoch ist hier, am Ende jedenfalls, wenig zu spüren. Die armen Jungen haben es aufgegeben, die Menschen zu bekehren. Vor den Toren der Stadt haben sie ein grausiges Denkmal aus toten Vögeln errichtet – ein „Denkmal der Stadt Istanbul, Mahnmal seiner Niederlage“.Der Roman klingt zornig wie der Abgesang auf jede Einsicht des Menschen, wie eine Abrechnung mit dem neuen, traditionsvergessenen Istanbul. Insofern wirkt das Buch sehr aktuell.

— Yasar Kemal: Auch die Vögel sind fort.

Roman. Aus dem Türkischen von Cornelius Bischoff. Unionsverlag, Zürich 2013,

160 Seiten, 12,95 Euro

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