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Der beste Ober

Ist es nicht lästig, dass man als Gast in Restaurants auch dann zahlen muss, wenn es einem nicht wirklich geschmeckt hat? Schlimmer noch: In den USA wird man auch noch zu einem Trinkgeld genötigt. Einer, der gewissermaßen auf der anderen Seite des Tisches so seine Erfahrungen gemacht hat, als Ober nämlich, hat da naturgemäß eine leicht abweichende Sichtweise. Er muss das Gemecker oder eisiges Nicht-Lob ertragen, freundlich bleiben und vor allem sehen, dass er zu seinem Geld kommt. „Herr Ober“ (der Autor möchte anonym bleiben) hat jahrelang in Restaurants von New York City gejobbt. Also kann er nicht nur wertvolle Tipps geben, wie der Gast zumindest in den USA ein gutes Restaurant erkennen kann. Er hat auch für sich die Fähigkeit entwickelt, den Gast in wenigen Augenblicken zu taxieren. Und amüsant darüber zu schreiben. Etwa im Kapitel „Trinkgeld“, wenn ihn bei überbordendem Lob eines Pärchens, das soeben Speis’ und Trank jenseits der 200-Dollar-Grenze vernichtet hat, ein ausgesprochen ungutes Gefühl beschleicht. Die Schwärmerei über Koch und „den besten Ober seit Jahren“ jagt ihm schließlich Schauer über den Rücken. Nicht, dass er kein Lob vertragen könnte. Ganz im Gegenteil. Doch die Erfahrung hat ihn viel gelehrt, er weiß, was kommt: kein Trinkgeld. Oder zumindest nur ein Obolus, der der Rede (und Mühe) nicht wert ist. Natürlich hat er recht. „Lobhudler sind mein Untergang“, resümiert er.

„Herr Ober“ beschreibt auch, wie er während seiner Kellnerzeit im Internet über seine Arbeit, seine Kollegen, sein „Bistro“ (das natürlich anders heißt) und vor allem über seine Gäste plaudert. Nicht immer schmeichelhaft aus der Perspektive des Obers und deshalb auch sehr zum Missvergnügen seines Chefs, der ständig fürchtet, dass die Identität seines Lokals enthüllt wird und ihm all die schrägen Geschichten und Tricks seiner Angestellten auf die Füße fallen, er seinen Laden schließen kann. Also, für Restaurantbesucher ist diese Lektüre unterhaltsam, für Bedienungen Pflicht. gws



Herr Ober: „Die Rechnung, bitte!“ Bekenntnisse eines Kellners. Aus dem Amerikanischen von Susanne Schädlich. Knaur Taschenbuch Verlag, München 2010, 350 Seiten, 8,95 Euro

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