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Reisebücher & Reiseführer

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— Regina Bucher:

Mit Hermann Hesse durchs Tessin. Ein Reisebegleiter. Insel Taschenbuch, 290 Seiten, Berlin 2010,

zwölf Euro

Tessiner Lebenswelten Kaum ist der Lack ab vom Herbst, sehnt sich der Mensch hin zum Frühling. Dazwischen steht noch Weihnachten, und vielleicht liegt auf dem Gabentisch das handliche Taschenbuch mit den kleinen Fotografien, in dem die sympathische und rührige Direktorin des Hermann-Hesse-Museums Regina Bucher im schweizerischen Montagnola neun poetische Spaziergänge auf den Spuren des Schriftstellers und Malers liebevoll ausgearbeitet hat. Dort, wo Hermann Hesse bis zu seinem Tod 1962 lebte, ist Start und Endpunkt aller Unternehmungen, vielleicht ins zauberhafte Gandria am Luganer See, nach Lugano selbst oder nach Bigogno. Im Museum in Montagnola dann kann man in Hesses Briefen und wunderschönen Bildern lesen. Ein Ort zum Wiederkehren und ein Reisebegleitbuch zum genussvollen Ausschweifen in Hesses vergangene Tessiner Lebenswelten. Inge Ahrens





Patagonien ohne Pathos
Es gibt Reiseliteratur, die diesen Namen verdient. Sabine Küchler ist nach Argentinien gefahren. Die Schrifstellerein folgte einer Einladung zu einer Expedition, um im Wald nach Göttern zu suchen. Gemeinsam mit einer argentinischen Fotografin und einem Philosophen aus Patagonien paddelt sie auf einem Fluss, erkundet eine Kleinstadt und geht in den Wald. Küchler ist eine unerfahrene, aber kluge Reisende. Sie weiß, dass zwar das Gepäck verloren gehen kann, nicht aber das eigene Ich, das immer mitreist. Dieses beobachtet sie so genau wie das fremde Land. Mitnichten gibt der Wald immer das zurück, was man in ihn hineinträgt, vor allem, wenn dies hohe Erwartungen sind. Küchler geht der Frage nach, ob man als Deutsche, in der Nachfolge der Romantiker, so etwas wie eine natürliche Kompetenz für den Wald habe.

Das Schreiben fällt ihr unterwegs schwer, sie „scheffelt Argwohn gegen alles“, was ihr sonst die Arbeit angenehm machte: glattes Papier, ein Füllfederhalter. Was sie dann schreibt, ist journalistisch genau, gleichwohl poetisch in der Sprache, unprätentiös und selbstironisch.

Zu diesem Stil passen die Fotos am Schluss des Buches, die der Leser selbst wie Paninibildchen ins Album kleben darf. Sätze, aus denen andere kostbare Lyrik zwirbeln würden, streut Küchler en passant in ihre Beobachtungen ein. Sie gibt sich unwissend, ohne kokett zu sein, hat aber doch viel über den Wald und über Argentinien gelesen. Sie bewahrt sich einen neuen, frischen Blick auf alles, nicht zuletzt auf sich selbst. Und erinnert sich, an den Wald zu Hause, an sich selbst zu Hause. Eine der schönsten Geschichten, die sie nebenbei erzählt: wie sie als Kind mit einem rot karierten Puppenkoffer auf Reisen ging – einen Tag lang auf den Spuren der Mutter durch die Wohnung.

Im argentinischen Wald freundet sie sich mit der Fotografin an, den Philosophen hassen beide herzlich. Wobei Küchler ihn um seine Gabe, glücklich zu sein, und um seine „Lizenz für erhabene Sätze“ beneidet. Wo die Autorin den Wald beschreibt, und das tut sie ausführlich, verhält sie sich in respektvoller Distanz. Sie maßt sich nicht an, den Wald zu kennen. Dafür erkennt sie, weder Wald noch Fluss brauchen die Menschen. Braucht sie den Wald? Sabine Küchler schrieb ihren Reiseroman als pathosfreie Zone, gekrönt vom lapidaren Schlussatz: „Ich war in Argentinien und habe den Wald gesehen.“ Barbara Schaefer

— Sabine Küchler: Was ich im Wald in Argentinien sah (Ein Album). Verlag Arche Paradies, 2010, zahlreiche bunte Klebebilder, 173 Seiten, gebunden, 18 Euro

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