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Reisebücher zu Israel und Palästina

Igal Avidan

Mit dem Ende der zweiten Intifada kehren die Touristen nach Israel zurück. Allein aus Deutschland werden es bis Jahresende rund 180 000 sein, die höchste Zahl seit 2002. Vier neue Reiseführer versuchen, ihnen die komplizierte politische Situation dort zu erläutern, sie aber zugleich für die Reise zu begeistern. Diesen Spagat führen sie mit Political Correctness aus. Alle Bücher informieren über Israel und Palästina, als ob diese zwei unabhängige Staaten wären. In den großen Landkarten verschleiern sie zugleich, wo Israel endet und Palästina beginnt.

Baedeker lockt gleich zu Beginn mit den 15 Top-Reisezielen auf einer Landkarte, auf der weder Israel noch Palästina markiert werden, nur das Westjordanland, der Gazastreifen und die Golanhöhen, die wie Regionen des Heiligen Landes wirken. Die Reiseziele werden alphabetisch geordnet, nicht politisch: Eilat, Gaza, Golan, Haifa und Hebron. Verborgen im Kapitel „Fakten“ entdeckt man ganz klein die voneinander getrennten palästinensischen Gebiete und die annektierten Golanhöhen. Die jüdischen Siedlungen fehlen, dafür wird die israelische Negev-Wüste als besetztes Gebiet markiert. Vergeblich sucht man auf der Jerusalemkarte nach der Mauer oder den arabischen Stadtteilen. Hier ist Jerusalem vereinigt, in den Fakten werden jedoch die Juden in Ost-Jerusalem als Siedler in der von den Palästinensern beanspruchten Hauptstadt dargestellt. Die politischen Gegensätze führen gelegentlich zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, erklärt Baedeker und empfiehlt, in „unruhigen Zeiten“ die Palästinensergebiete zu meiden. Als Ersatz wird die „Friedensoase“ des binationalen Dorfes Neve Shalom / Wahat al Salam empfohlen.

Etwas mutiger und detaillierter geht Dumonts „Richtig Reisen“ mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt um, trotz vernebelter Landkarten. Die Zerstückelung des Westjordanlandes durch israelische Zäune, Checkpoints und getrennte Straßensysteme wird hier thematisiert, Jerusalem als „von der Staatengemeinschaft nicht anerkannten Hauptstadt Israels“ dargestellt und die Übeltäter angeprangert: die jüdischen Siedler (auch in Jerusalem), die israelische Armee und nur am Rande die militanten Hamas-Terroristen. Das „autonome Palästina“ wird hier in einem eigenen Kapitel behandelt. Wer dort hinreist, solle demonstrativ ein Palästinensertuch um die Schulter tragen und keinerlei Verständnis für Israel äußern, rät Dumont.

Ganz alternativ, äußerst informativ und kritisch mit der israelischen Politik geht Reise-Know-How vor. Leider sucht man Israel und Palästina auch auf dessen Landkarten vergeblich. Im Vorwort wagt Co-Autor Wil Tondok einen Spagat zwischen den schrecklichen Bildern in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, der Mordlust der „stets überlegenen Israelis“, der Ablehnung der Mauer und der Feststellung, dass diese „die Sicherheitslage stabilisierte, auch für Touristen“. Hier kann man sich gründlich über den Verlauf der Sperranlage im Westjordanland und die Benachteiligung der arabischen Israelis informieren, die irreführend manchmal auch „Palästinenser“ heißen. Interessant ist die Eingliederung der jüdischen Siedlungen in das Kapitel „künftiger Staat Palästina“, in dem nicht einmal die neue Sauna eines mondänen Hotels in Jenin fehlt. Die Autoren hoffen, dass ihre Leser bald auch den Gazastreifen besuchen können, denen sie für den Besuch „sehr viel menschlich Deprimierendes“ bieten – und gleich drei komfortable Hotels.

Lonely Planets „Israel und Palästina“ ist eine deutsche Übersetzung des erfolgreichen australischen Reiseführers, wo man auch Reisen ins jordanische Petra und in den ägyptischen Sinai findet. Es ist faktenreich und sehr lesbar und empfiehlt gleich zu Beginn Begegnungen mit Einheimischen – Israelis wie Palästinenser – als den besten Weg, die komplexe Realität kennenzulernen. Drei der zehn „verborgene(n) Schätze“ befinden sich in den Palästinensergebieten. Jerusalem wird als umstrittene Hauptstadt dargestellt, aber auf der Landkarte fehlt die Markierung der von Israelis beziehungsweise Palästinensern bewohnten Gebiete. Die Markierung der Sperranlage ist veraltet und nur einzelne Siedlungen werden exemplarisch aufgeführt, die hier „Kolonien“ heißen. Israel ist nicht nur kompliziert, sondern auch launisch und faszinierend, erfährt man, aber vor allem sicher, das Westjordanland generell auch, solange man dort als Tourist unterwegs ist, nicht als Aktivist. Igal Avidan



— Martin Be
ck: Israel Palästina. Verlag Karl Baedeker. 435 Seiten, 22,95 Euro.

— Michel Rauch: Israel Palästina Sinai. DuMont Reiseverlag. 424 Seiten, 22,95 Euro.

— Wil Tondok, Burghard Bock: Israel und Palästina. Reise Know-How Verlag. 480 Seiten, 21,50 Euro.

— Amelia Thomas, Michael Kohn, Miriam Raphael u. a.: Israel & Palästina. Deutsche Ausgabe, Lonely Planet Publications. 488 Seiten, 22,95 Euro.

Diese Reiseführer sind alle in diesem Jahr erschienen.

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