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Sehnsucht nach Istanbul

Mit dem schönen, beinahe altmodischen Wort „Erkundungen“ sind diese Streifzüge von Ursula Priess treffend beschrieben. Auf der Suche nach der „Mitte der Welt“, so der Titel der Geschichtensammlung, hat die Tochter von Max Frisch eine literarische Hommage an die Metropole am Bosporus verfasst.

Die Autorin hat aber keinen Reiseführer über Istanbul geschrieben, keinen Stadtführer, auch wenn sie einige der Sehenswürdigkeiten nennt. Ursula Priess hat auch kein historisches Sachbuch verfasst, auch wenn sie sich in der Geschichte auskennt und unbekannte Facetten erwähnt. Die Autorin erweckt die verheißungsvolle Stadt am Bosporus durch Menschengeschichten zum Leben, Begegnungen mit Frauen, Begegnungen mit Männern, Begegnungen mit der Liebe.

Wie ein Patchwork habe sie diese Geschichten aus den 90er Jahren angeordnet, nicht chronologisch, sondern frei gemischt, einer inneren Melodie gehorchend. In einem Hamam erfährt die Autorin etwas über eine armenische Familiengeschichte und die Nachwirkungen des zerbrochenen riesigen Osmanischen Reiches; in Teerunden bekommt sie etwas von der Gastfreundschaft in der Türkei vermittelt und der Offenheit von Frauen; und in Orhan Pamuks Krämerladen in Nisantasi stöbert sie in Geschichten der Literatur.

Ursula Priess hat ein Sehnsuchtsbuch vorgelegt. Sie nimmt die Leser mit auf eine Reise, um eine fremde Welt zu erkunden, eine Atmosphäre zu veranschaulichen, Stadtsilhouetten zu zeichnen, eigene Fantasien und Sehnsüchte kenntlich zu machen. Es ist ein leises, gegen Ende immer wehmütiger werdendes Buch, das neugierig macht und Brücken in eine fremde, geheimnisvolle Welt baut. Aber ein Abschied ist dieses Buch auch. Stefan Berkholz









— U
rsula Priess: Mitte der Welt. Erkundungen in Istanbul. btb, München 2011. 224 Seiten, 19,99 Euro

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