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Reisebücher & Reiseführer

Johannes Kaiser

Zum Windpark fahren

Sie sind neugierig, technikbegeistert und wollten schon immer mal ein Windrad erklimmen? Kein Problem, falls Sie gut zu Fuß sind. Nach rund 300 Stufen können Sie im ostfriesischen Windpark Holtriem in Westerholt und in Aachen im Euro-WindPark aus der Kuppel einer Windkraftanlage aus gut 60 Meter Höhe einen tollen Blick über die Gegend genießen. Oder Sie fahren mit Regionalbahn und Bus ins brandenburgische Saalow. Dort fand Landwirt Johann Schubert schon 1864, dass Wind nicht nutzlos wehen sollte und baute hinter seine Scheunentore riesige Holzmühlräder. Die drehen sich heute bei anständigem Luftzug in einem Fachwerkneubau und sind wohl die kurioseste Frühform der Windenergiegewinnung.

Solche und andere Tipps finden sich in einem ungewöhnlichen Reiseführer aus dem Hause Baedeker unter dem Titel „Deutschland – Erneuerbare Energien entdecken“. Eröffnet wird er mit einer kurzen Einführung in Sinn und Zweck erneuerbarer Energie. Ein Nachschlageteil am Ende erläutert knapp und anhand anschaulicher Skizzen, wie die einzelnen Technologien funktionieren. Dazwischen werden rund 160 Projekte aufgeführt, die dem Besucher mithilfe von Tafeln, Filmen und Modellen anschaulich erklären, wie man aus Sonne, Wasser und Wind Strom gewinnen kann, wie man Häuser so pfiffig und gleichzeitig schön bauen kann, dass sie nicht nur Energie sparen, sondern sogar ins Netz speisen, wie man aus stinkender Gülle sauberes Biogas macht oder mit Hitze tief aus der Erde Energie produziert.

Die Beispiele reichen von futuristischen Hightech-Anlagen wie dem Bremerhavener Klimahaus bis zur bayerischen Benediktinerabtei in Münsterschwarzach. Klöster haben schon vor Jahrhunderten auf Energieautarkie gesetzt. Das hat sich bis heute fortgesetzt.

Der Führer widerlegt zudem die Mär von hässlicher Energietechnik. Zahlreiche Farbfotos beweisen, dass sie sich durchaus harmonisch in schöne Altbauten einfügen oder sich, wie Freiburg zeigt, als fröhlich verspielte Wohnarchitektur präsentieren kann. Kunst und Kultur kommen bei Autor Martin Frey jedenfalls nicht zu kurz. Ebenso wenig das Freizeitvergnügen etwa in Geowärme-Thermen. Viele Naturschutzgebiete locken mit Pfaden zu kleinen Anlagen, die Licht und Wärme liefern. Um die eigene Energie aufzuladen, gibt es Tipps für energiefreundliche Cafés und Restaurants sowie Übernachtungshinweise auf Ökohotels.

Sieben Touren zu Beginn des Reiseführers verbinden beispielhaft all diese Bereiche. Anschließend werden die 160 Projekte nach Bundesländern geordnet gelistet. Der Autor hat auch darauf geachtet, dass man alle Ziele entweder mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen kann. Johannes Kaiser









— Baedeker Reiseführer:
Deutschland – Erneuerbare Energien entdecken. Verlag Karl Baedeker, 2011, 192 Seiten, 14,95 Euro

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