LESEN & REISEN : LESEN & REISEN

Reisebücher & Reiseführer.

von

Die Route des Schriftstellers

„Das Glück hat viele Gesichter“, schreibt José Saramago (1922-2010), „das Reisen ist wahrscheinlich eines davon“. Und so begab sich der Schriftsteller nach seiner Übersiedlung auf die Kanareninsel Lanzarote auf „Die portugiesische Reise“, so der wörtlich übersetzte Originaltitel von 1994. Mehrere Monate lang reiste Saramago kreuz und quer durch die Regionen, neugierig und verwundert, begeistert und verlegen, belesen und wissbegierig. Saramago weiß eine Menge über Kunst-, Kultur-, Bau- und Kirchengeschichte, doch immer wieder ist er überrascht von der Fülle und Magie des Vorgefundenen.

So lässt sich der Wissbegierige treiben, bewegt sich gern auch abseits der breiten Routen und ausgelatschten Pfade, durchquert das Land, von Norden nach Süden, von Osten nach Westen und überfordert den gewöhnlichen Leser vielleicht mit seiner Detailtreue. Den Atheisten führt es in viele Kirchen; ja mitunter begibt sich der Reisende – „letztlich ein tiefreligiöser Mensch“ sogar, wie er einmal bekennt – förmlich auf eine Kirchenprozession.

Wenige Seiten widmet der Schriftsteller der Hauptstadt Lissabon. Er besichtigt die Kathedrale, durchstreift das archäologische und ethnologische Museum, schaut auch in das Militärmuseum, „voll gestopft mit Ruhm, Fahnen und Kanonen“, wie es heißt, schlendert durch „die verwirrenden Gassen, die halsbrecherischen Treppen“ des Altstadtviertels Alfama, und fantasiert, was wohl ohne das Erdbeben von 1755 gewesen wäre.

Saramago hat sich in seinem Reisebericht für eine sehr einfache, klare und verknappte Sprache entschieden. Er analysiert, nimmt hin, schwärmt, tadelt, spottet, gibt sich heiter und gelassen, plaudert, palavert, ketzert, jubelt. Vor jedem Kapitel zeigt eine kleine Landkarte die Route des Schriftstellers, am Ende hilft ein Ortsnamenverzeichnis weiter, um sich die Beschreibung eines ganz bestimmten Ortes vorzunehmen. Zu Beginn weist der Schriftsteller darauf hin, dass er keinen „Reiseführer für die Handtasche“ verfasst habe und keine besonderen Tipps abgeben werde. Vielmehr lässt Saramago den Leser an seiner Entdeckungsfahrt teilnehmen und gibt ihm zuvor freundlich einen Rat: „Reisen heißt entdecken, alles andere ist nur vorfinden.“ Stefan Berkholz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben