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Günther Wessel

Im Bann des Bossa Nova

Der Strand ist etwa vier Kilometer lang, gesäumt von Hochhäusern und einer meist sechsspurigen Straße. Dennoch ist die Copacabana ein Traumziel – ein Ort von Sonne, weißem Sand, attraktiven Körpern in der Brandung und melancholischer Musik. Die Geschichte der Copacabana beginnt im 19. Jahrhundert. Zwar rühmen schon ältere Reiseberichte die Schönheit der Bucht von Rio de Janeiro, doch wird das Baden im Meer erst ab etwa 1850 populär. Der Historiker Dawid Danilo Bartelt verknüpft die Geschichte der Strandmeile mit der Brasiliens. Er zeigt detailliert, wie sich soziale Mentalitäten verschieben und herausbilden. Wie sich die Gesellschaft über Sport und Körperlichkeit definiert, wie aus einer rassistischen Sklaven- und Sklavenhaltergesellschaft das heutige offizielle brasilianische Selbstbild entstand: eine gleichberechtigte Nation von Mulatten, in der der Strand als Ort verwirklichter rassischer und sozialer Demokratie gilt. Bartelt entlarvt das jedoch mit gut beobachteten Beispielen als Ideologie. So bräunen sich die Brasilianer zwar bis heute gern, aber sie achten auch genau darauf, dass sich die Hautstellen, die durch Bikinis oder Badehosen vor der Sonne verdeckt werden, möglichst scharf abheben – das Ideal ist weiß. Die soziale Trennung ist weniger subtil. Der Strand ist nicht nur Erholungsort, er ist auch Arbeitsplatz vieler mobiler Verkäufer.

Bartelts Buch ist ein Glücksfall. Es klärt auf und unterhält, denn der Autor erzählt mitreißend, oft mit leicht ironischem Unterton. Er beschreibt die Geburtstunde des Bossa Nova, der trotz des „Girls from Ipanema“ an der Copacabana entstand, und schildert die Entwicklung der Bademoden – von ganz viel zu ganz wenig Textil. Klug belegt er, dass die Copacabana sinnbildlich für Brasilien steht: für das echte Lebensgefühl und das propagierte. Dank Dawid Danilo Bartelt versteht man beides besser. Günther Wessel

Dawid Danilo Bartelt: Copacabana. Biographie eines Sehnsuchtsortes. Wagenbach-Verlag, Berlin 2013, 224 Seiten, 10,90 Euro

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