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Schnitzeljagd in den Alpen



Fallhöhe sollte in den Bergen mit Vorsicht behandeln werden. Natürlich will man hinauf, aber fallen will der Bergsteiger nicht. Trotzdem macht gerade der Unterschied zwischen oben und unten den Reiz des Alpinen aus. Fallhöhe bezeichnet aber auch ein dramenpoetisches Prinzip: Nur dann, wenn sich der Held auf großer Höhe bewegt, moralisch oder standesbedingt, kann sich Spannung aufbauen, weil der zu erwartende Sturz um so dramatischer ausfällt.

Der Berliner Journalist Andreas Lesti hat ein Buch geschrieben, das virtuos mit Fallhöhe spielt, es heißt „Oben ist besser als unten“. Lesti, geboren in Augsburg, ist Bergsteiger. Er erzählt von Reisen in die Berge, von historischen und seinen eigenen. Und dazu lässt er sich von der Literatur verführen. Die Reise beginnt im Lechtal. In einer Hütte findet er ein Buch, neben einer Kerze liegt Petrarcas „Die Besteigung des Mont Ventoux“. Nee, klar, denkt man sich. Alter Schwindler! Aber: Das macht nichts. Denn wie Lesti schreibt: „Es gibt viele gute Gründe, im 21. Jahrhundert echte Bergsteigergeschichten ins Fiktionale zu wenden.“ Es ist sein literarischer Kniff. So reist er sieben Jahre lang durch die Alpen, lässt sich auf eine Schnitzeljagd ein, von einem Berg und von einem Glanzpunkt der Literatur zum nächsten, vom Mont Blanc bis zum Triglav, von Haller bis zu Kracht.

Und was die Fallhöhe anbelangt: Er scheut sich nicht, Thomas Manns „Zauberberg“ zu zitieren, um gleich wieder von sich und einer bitterkalten Zeltnacht zu schreiben. Das ist gewagt, aber es funktioniert, weil Lesti nicht nur spannend, sondern auch poetisch schreibt. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt – das gilt in den Bergen wie beim Schreiben. Ein Hang, eine Neigung – immer diese geografischen Metaphern – zum Kalauer macht das Buch unterhaltsam. So lauten die Titel mal „Veni, vidi, Rigi“ und „Zum Trenker mit Ihnen“.

Und getreu dem ironischen Ansatz zitiert Lesti als Motto fürs Buch nicht Goethe, sondern den bayerischen Barden Fredl Fesl mit dem Satz „Und ewig dauert der Berg“. Wobei: So ironisch ist das doch wieder nicht, denn: Es stimmt ja. Ewig dauert der Berg, und die Geschichten dazu.

Lesti berichtet von den Anfängen des Bergsteigens, schreibt über Matterhorn, Whymper und Carrel, als hätte das noch nie jemand erzählt. Und doch liest es sich frisch und neu, weil Lesti davon fasziniert ist. Er weiß um die Mühen des Bergsteigens und der ihnen innewohnenden Absurdität. Wir Leser warten nun nach „Sieben Jahren in den Alpen“ auf den zweiten Band: Lesti in Tibet. Barbara Schaefer







— Andreas Lesti:
Oben ist besser als unten. Eine literarische Expedition in die Alpen. Verlag Rogner & Bernhard, Berlin 2013. 317 Seiten, 22,99Euro.

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