Reise : Lesen und Reisen

Reisebücher & Reiseführer

Anna Gerstlacher

Jeden Tag einen Kotau



In „Die chinesische Delegation“ nimmt Luo Lingyuan den Leser im Schlepptau einer mehrköpfigen chinesischen Delegation mit auf eine zweiwöchige Reise durch sieben europäische Länder. Da es sich für alle Teilnehmer um die erste Auslandsreise handelt, sind Probleme programmiert. In Rom werden im Eilverfahren die kulturellen Sehenswürdigkeiten der Stadt abgehakt und fotografiert. Der Petersdom kann nicht besichtigt werden. Kein Problem, das sei ja auch nur eine von vielen Kirchen in Europa, ist die lakonische Reaktion. In Berlin steht, da es sich um keine rein touristische Reise handelt, die Stadtplanung im Mittelpunkt. Auch hier ist man keineswegs mit dem vorgesehenen Programm zufrieden. Es bestätigt sich der kurz nach der Ankunft gefasste Eindruck: Das pulsierende moderne China ist dem langsamen unflexiblen alten Europa längst überlegen.

Vollkommen auf die Gruppe konzentriert referiert Sanya, die erfahrene Reiseleiterin, zu allen wichtigen Themen, organisiert Termine und ist zuständig für die Menüauswahl. Sie weiß auch genau, dass die männlichen Teilnehmer andere Interessen im Kopf haben. Essen, Alkohol und Frauen. Klare Rangfolge.

Zeitlich unbegrenzt ist Sanya im Einsatz. Tagsüber erklärt und dolmetscht sie. Und nach Feierabend klopfen die Teilnehmer wegen jeder Kleinigkeit an ihre Hotelzimmertür. Selbst die Vermittlung von Prostituierten gehört zum Repertoire der beflissenen Reiseleiterin. Wie wunderbar und praktisch, diese schier unendliche weibliche Aufopferungs- und Einsatzbereitschaft, die das ganze Unterfangen am Laufen hält – ganz wie zu Hause! Nur vereinzelt gehen Dankesworte an „Fräulein“ Sanya, wie sie abschätzig genannt wird. Vor allem sieht Delegationsleiter („Kommandant“) Wang sie als Dienerin. Als er ihr im Bus Tee über den Rücken schüttet, gibt es keine Entschuldigung. Selbst nachdem er ihr ins Gesicht schlägt, macht sie am nächsten Tag pflichtbewusst den Kotau vor dem Despoten.

Die Stärke des Romans der in Berlin lebenden Autorin liegt in der schonungslosen Benennung der interkulturellen Unterschiede, der Voreingenommenheiten und Erwartungshaltungen. Geschickt kehrt die Autorin die Fragwürdigkeit und Unmöglichkeit heraus, sich auf ständig verändernde Umstände einzustellen. Ein gründlicheres Lektorat hätte dem Buch nicht geschadet. Sanya immer falsch getrennt, Libeskind nicht richtig geschrieben und die Neonazis treten als Neu-Nazis auf. Anna Gerstlacher

Luo Lingyuan: Die chinesische Delegation. Dtv München 2007, 258 Seiten, 14,50 Euro

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