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Reisebücher & Reiseführer

Katharina Schönwit

Vier Monate durch Südamerika



Für die meisten Menschen ist Reisen und Urlaub dasselbe. Nicht so für Andreas Altmann. Er ist ein professioneller Reisender. Ein Globetrotter. Wahrscheinlich würde er den meisten Menschen sogar absprechen, dass sie jemals gereist sind: hinein ins Flugzeug, 14 Tage Halbpension im Drei-Sterne-Hotel und wieder zurück ins Eigenheim. Nein, das versteht Andreas Altmann definitiv nicht unter Reisen. In seinem neuesten Buch „Reisen durch einen einsamen Kontinent“ ist er vier Monate in Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien und Chile unterwegs. Er besucht kaum Museen, wenige Sehenswürdigkeiten und erst recht keine Strände.

Die Suche nach Menschen und deren Schicksalen, deren Geschichten treibt ihn vorwärts. Das jeweilige Land scheint beinahe nebensächlich. Dabei scheut er nicht vor verwanzten Herbergen oder lebensgefährlichen Vierteln zurück. Er sucht sie sogar. Wie zum Beispiel Ciudad Bolívar, die Andreas Altmann als eine der „herausforderndsten Gegenden“ der Hauptstadt Kolumbiens beschreibt. In dem Bus dorthin trifft er Curieta. Die alte Dame wohnt in dem Armenviertel. Sie nimmt sich sofort seiner an und bekocht ihn in ihrer Ein-Raum-Hütte. Die alte Frau lebt allein, nur der Fernseher spricht zu ihr. Altmann, der die „Flimmerkiste“ nicht ausstehen kann, erkennt zum ersten Mal auch einen gewissen Nutzen des Geräts. Er ist betroffen, wie einsam die Frau und Mutter von vier Kindern ist. „Ihm sinkt das Herz“, wie er es ausdrückt.

Der Kisch-Preisträger spielt mit Sprache. Keine Phrasen, keine Füllwörter vermüllen seine Texte. Sein Markenzeichen – wenn man das so sagen kann. Dabei ist er Autodidakt. Er ist rastlos, es zieht ihn in die Welt.

„Reisen durch einen einsamen Kontinent“ ist das zehnte Buch Altmanns. Sein neues Werk ist eine Reisereportage, die aus vielen Kurzreportagen besteht. Es existiert kein Höhepunkt, keine eigentliche Handlung. Altmann selbst, der nicht ganz uneitle Erfolgsautor, ist der rote Faden im Buch. Er reist und trifft Menschen. Manche mag er, andere verabscheut er. Dabei hat er eine eindeutige Einteilung: Menschen mit Lebensmut und Geist schätzt er, Schwätzer sind für ihn uninteressant.

Dabei verheimlicht er nie in seinem Buch, wie er sein Gegenüber gerade einschätzt. So wie zum Beispiel die naive Anna. Eine Deutsche, die nach missglücktem Drogenschmuggel in Ecuador im Gefängnis sitzt. Er besucht sie mehrfach und lässt sich ihre Geschichte erzählen. Wie sie in Deutschland an den falschen Mann geriet, der sie nach Südamerika schickte, wo sie verhaftet wurde. Eine fast alltägliche Nachricht in allen Zeitungen. Doch Andreas Altmann bohrt nach, sucht nach Details, und auf einmal ist man gefangen von Annas Schicksal.

Er wird Zuschauer eines Fußballturniers für Blinde, lädt Bettler zum Essen ein, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, und kämpft bei tagelangen Busfahrten gegen blutrünstige Actionfilme oder einen verdorbenen Magen an. In Chile trifft er auf Herrmann, einen der letzten Bewohner der ehemaligen Colonia Dignidad, die 1961 von dem Deutschen Paul Schäfer gegründet wurde. Jahrzehntelang missbrauchte Schäfer Hunderte seiner Gläubigen, gedeckt durch den chilenischen Diktator Pinochet. Herrmann ist jetzt zu alt, um fortzugehen. Es ist die Geschichte eines geraubten Lebens.

Altmann hat mit diesem Buch keinen Reiseführer für Südamerika vorgelegt, auch wenn man vieles über die verschiedenen Länder und deren Bewohner lernt. Aber das Buch ist eine Inspiration für ein anderes, wacheres Unterwegssein. Ganz gleich wohin. Katharina Schönwit





— Andreas Altmann:

Reise durch einen einsamen Kontinent. Unterwegs in Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien und Chile. DuMont 2007, 270 Seiten, 17,90 Euro.

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