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Reisebücher & Reiseführer

S. Berkholz

Ermattet in Venedig

Ein typisches Reisebuch ist dies nicht. Aber der ungarische Schriftsteller Sándor Márai (1900–1989) kam viel herum in der Welt, bevor er aus seiner Heimat vertrieben wurde. Und so finden sich in seinen tagebuchartigen Aufzeichnungen aus der Vorkriegszeit, 1938 erstmals veröffentlicht, auch verschiedene Spuren seiner Reisen. Sizilien beispielsweise rühmte er als „Heimat der Magie und Zauberei“. Vom Umsteigen auf dem Bahnhof berichtete er aus Rom – „es wartet seit Jahrtausenden auf dich“. Venedig ermattete ihn in seiner perfekten Süßlichkeit. Zwar war auch Márai in den Gassen und zwischen den Palästen begeistert und wie benommen; doch danach erbat er sich ein Verdauungsmittel, „eine Prise Natron“ am besten, gegen Sodbrennen. Venedig sei „für jedermann die ewig versäumte Hochzeitsreise“, grantelte er.

Seine Heimat liebte Márai über alles. Die Karpaten: „das Edelste an Ungarn“, das „einzige Fleckchen Erde, wo ich zu Hause bin“. Mit wenig bekannten Orten macht er vertraut: Eger, eine historische Stadt nordöstlich von Budapest, oder Czeméte und Eperjes (heute: Presov) in der Ostslowakei. Man könnte mal hinreisen und nachsehen, was von der Pracht geblieben ist.

Mit Ende dreißig wollte Márai „nur noch langsam reisen, sehr langsam“. Nicht die Ferne lockte ihn, China oder Bombay, sondern das Unbekannte ums Eck, ein kleines Pensionszimmer im Nachbarort, eine Überraschung im angeblich Vertrauten, denn: „Ein fremder Schrank kann so beeindruckend wie Bagdad sein. Die Welt ist in uns. Von Zeit zu Zeit muss man aufbrechen zu ihr.“S. Berkholz



Sándor Márai: Die vier Jahreszeiten. Aus dem Ungarischen

übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Ernö Zeltner.

Piper-Verlag,

München 2007,

272 Seiten, 12 Euro.

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