Reise : LESEN & REISEN

Reisebücher & Reiseführer

Peter Münder





Mark Spörrle, Lutz Schumacher: „senk ju vor träwelling“ – Wie Sie mit der Bahn fahren und trotzdem ankommen. Herder Verlag, Freiburg 2008, 192 Seiten, zwölf Euro

Glossen-Overkill Das letzte große Abenteuer, eine Reise ins Ungewisse, weil man nie weiß, was als Nächstes passiert: Bahnfahren in Deutschland. Oft bitterböse, manchmal lustig, meistens jedoch leider arg tumb ist der „Überlebensführer“, den die beiden Autoren Mark Spörrle und Lutz Schumacher zum Thema Deutsche Bahn geschrieben haben. Die Idee ist zwar nicht neu, inspiriert aber offenbar noch immer: Aufschreiben, was passionierten Bahnfahrern so passiert, alles etwa überspitzt und satirisch eingefärbt zurechtbiegen, zwei Deckel drauf – fertig ist der Bestseller. Ja, wenn’s so einfach wäre.

Mit Sicherheit bietet die Deutsche Bahn mehr als ausreichend Stoff, um ein, zwei, viele Bücher allein mit Realsatire zu füllen. Jeder Bahnfahrer ist genervt, wenn er Anschlüsse nicht erreicht, wenn der Speisewagen knallvoll ist, die Klimaanlage im Sommer, die Heizung im Winter nicht funktionieren, die Toiletten unappetitlich sind und dann auch noch der Schaffner pampig wird. All das passiert (auch) bei der Deutschen Bahn. Und all das ist immer wieder eine kesse Glosse oder einen bissigen Kommentar wert. Doch wenn dem Leser auf 192 Seiten ein Glossen-Overkill zugemutet wird, ist der nach der letzten Seite bereit, nie mehr ein böses Wort über Helmut Mehdorn oder irgendeinen anderen Bahner zu verlieren.

Bis zur letzten Seite wird jedoch niemand das Buch lesen. Es ist zu anstrengend, immer wieder zwischen die Buchdeckel zu rufen: „Witz komm’ raus, du bist umzingelt!“ Mal davon abgesehen, dass den beiden Journalisten auch handwerkliche Fehler unterlaufen, die eben nicht unter dichterischer Freiheit verbucht werden können. Es ist doch peinlich, wenn man so schön saftig-satirisch vom Leder gezogen hat und dann den am Bahnhof Gütersloh – die Stadt kommt ja immer wieder gern vor in Glossen – Gestrandeten ins „Kreiskrankenhaus“ einliefern lässt, wenn es genau das eben dort nicht gibt. Eine Petitesse, gewiss. Aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als sei dieser Lapsus charakteristisch für das abgelieferte Werk. gws





Stadt der Rekorde
Johann N. Schmidt und Hans-Peter Rodenberg (Herausgeber): Chicago – Porträt einer Stadt. Insel Verlag, 278 Seiten, zehn Euro

Selten prallen in einer Metropole Kontraste so stark aufeinander wie in Chicago. Für Brecht war sie als Stadt blutbesudelter Schlachthöfe auch die Inkarnation eines gnadenlosen Kapitalismus, für viele Kinobesucher ist sie immer noch die düstere Gangster-Hochburg. Architekten schätzen Chicagos avantgardistischen Wolkenkratzer und die quirlige Kunstszene, Soziologen wissen, dass an der Uni von Chicago 1892 das erste Institut für Soziologie eingerichtet wurde. Man kann die „Windy City“ mit über hundert verschiedenen ethnischen Gruppierungen auch als rekordverdächtige Stadt der Erfindungen und Rekorde sehen: Hier wurden Reißverschluss und Transistor, die Blindenschreibmaschine, der Lügendetektor und das Drive-In-Banking, die Pkw-Alarmanlage und der „Playboy“ erfunden. Die Detektei Pinkerton hatte hier ihren Sitz und McDonald’s eröffnete daselbst 1955 das erste Restaurant. Siebzig Nobelpreisträger, die meisten davon Wirtschaftswissenschaftler, waren an der Universität von Chicago tätig.

Die beiden Hamburger Professoren Johann N. Schmidt (Anglistik und Medienwissenschaft) und Hans-Peter Rodenberg (Amerikanistik) haben in ihrem profunden, faszinierenden Band über Chicago Aspekte wie Architektur, Urbanistik, Literatur und Film herausgegriffen und umfassend analysiert. So bekommt der Leser ebenso spannende wie amüsante Eindrücke aus dem Chicago des 19. Jahrhunderts, von der Schweinehälften-„Porkopolis“, von den gläsernen Skyscrapers avantgardistischer Architekten und von der kreativen Mesalliance zwischen Hemingway und der Stadt, die niemals schläft. Kein Reiseführer mit Tipps für Szenetreffs oder günstigen Restaurants, sondern ein großartiges, reich illustriertes Städteporträt. Peter Münder

Bei den Besten Was ist das nur für ein langes, kaltes Land, dort links oben auf der Europakarte, wo das Tragen von Trachten so selbstverständlich ist wie das jährliche Ausrücken zur Elchjagd? Wer sind diese 4,6 Millionen Menschen, von denen mittlerweile jeder ein Guthaben von über 40 000 Euro sein eigen nennt – auf das er keinen Zugriff hat? Wie kommen sie zurecht mit einem Staat, der gern „Kopfnüsse“ an sie verteilt – und zugleich den höchsten Pro-Kopf-Beitrag der Welt für Entwicklungshilfe ausgibt? Sind sie die Guten? „Na ja. Eigentlich die Besten“, behauptet Ebba Drolshagen. Und ein „neidfreudiger Haufen“, eine Ansammlung „unbekümmerter Patrioten“ und „großer Schweiger“ außerdem. Wenn überhaupt jemand, kann die Frankfurter Autorin es beurteilen. Sie wuchs als Tochter einer Norwegerin und eines Deutschen in Alesund auf, war nah genug dran und blickt aus ausreichender Distanz hinüber. Ihre Liebe zum Land garniert sie mit freundlichen Seitenhieben auf die Eigenheiten seiner Bewohner und unterfüttert beides mit Zahlen und lakonischem Witz. Die Wahrheit über Norwegen, meint sie, sei heute auch „dem Norwegenreisenden zumutbar“. Und also nimmt sie alles, was dem Besucher im Lande so begegnet, in die Mangel: Hurtigrute, Langlauf, hässliche Neubauten, Lachszucht, die Aufenthaltsräume auf den Fähren. Sie preist aber auch, oder watscht ab, was dem Gast nie vor Augen, zu Ohren oder zwischen die Zähne kommt: Gleichberechtigung, die Transparenz in Steuerdingen, Nikkersadel, Osterkrimi, Lutefisk und gepökelten Schafskopf. Sowie, „dann habe ich es hinter mir“, die unerquickliche rechte Fortschrittspartei.

Der norwegische Botschafter in Berlin soll wissen: Die Preisträgersuche für den „Goldenen Lachs“, die Auszeichnung für Personen, die sich im zurückliegenden Jahr um den Ruf Norwegens verdient gemacht haben, darf beendet werden. Es kann nur eine geben: Ebba D.D. F.L.

Ebba D. Drolshagen: Gebrauchsanweisung für Norwegen. Piper 2007, 204 Seiten, 13,30 Euro

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