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Hella Kaiser

Grandhotels – Orte der Sehnsucht

Moderne Fünf-Sterne-Hotels bieten Luxus, und vielleicht ein bisschen Eleganz. Die alten Grandhotels aber sind Orte der Sehnsucht, der Verheißung und der verlorenen Träume. Die Romanzen und Dramen, die sich in ihnen zutrugen, sind legendär – und sie bieten Geschichten im Überfluss. Aber selten waren sie so tiefgründig und fesselnd zu lesen, wie in der jetzt von Waltraud Mittich vorgelegten Erzählung „Grandhotel“. Acht dieser in die Jahre gekommenen Luxustempel bilden die Schauplätze, in denen Schicksale aufgeblättert werden. Da ist etwa Adriana, die im Grande Albergo e delle Palme in Palermo auf der Suche nach den Wurzeln ihrer sizilianischen Familie ist. Sie beobachtet die Gäste, darunter „englische und amerikanische Damen in fortgeschrittenem Alter mit rosa geschminkten Wangen und lila Lidschatten“ und junge Leute, die hier „ihre Gucci-Prada-Vuitton-Produkte“ vorführen. Sie bemerkt, dass die Teppiche fleckig sind und riecht auf dem Flur ein Gemisch aus Staub und Mottenpulver. Draußen vor der Tür: die verwesende Stadt. „Es gab keine Mauer, kein Fenster, keine Jalousie, keine Treppe, nichts, was nicht verlottert, im Zustand der Niedergangs, der Verwahrlosung, der vollständigen Verlassenheit war.“ Am Ende rätselhafter Umstände verliert sich Adriana selbst.

Einst wohnte Ibsen im Südtiroler Palace zu Gossensass. Nun überspannen Autobahnpfeiler das ehrwürdige Gebäude – wer Rang und Namen hat, steigt hier wohl nicht mehr ab. Grandhotels haben eine dürftige Zukunft. „Sie sind verschwunden, weil die Hauptdarsteller tot sind, ausgestorben sind auch die Ansprüche an Qualität, Wohlbehagen, Höflichkeit, auf beiden Seiten, bei den Dienenden und den Bediensteten“, glaubt die Erzählerin. Ein Zimmermädchen aus der Ukraine arbeitet im Palace zu Gossensass. Eine, die kaum lächelt und deren Geschichte einem Märchen mit traurigem Schluss gleicht. Die Gäste im Hotel wüssten nichts „vom Nicht-Besitz“, sagt die Ukrainerin. „Sie sind satt.“ Und sie haben keine Ahnung, wie Piroggen schmecken oder wie Kiew im Frühling riecht.

Wer es sich leisten kann, in Grandhotels abzusteigen, ist vielleicht reich. Glücklich noch lange nicht. Hella Kaiser









— Waltraud Mittich:
Grandhotel

Skarabäus-Verlag, Innsbruck- Bozen- Wien 2008,

164 Seiten, 17,90 Euro

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