Reise : LESEN & REISEN

Reisebücher & Reiseführer

Hella Kaiser

Indien – jenseits der Illusionen

Mit dem Slogan „Incredible India“ (unglaubliches Indien) wirbt das Fremdenverkehrsamt des Landes und präsentiert auf Plakaten fantastische Bauten, herrliche Gärten und schöne, lächelnde Menschen. Aber das ist nur eine Facette. „Indien zerfällt in zwei Teile“, schreibt Maria E. Brunner. „Ein Indien, in dem es Licht gibt, und ein Indien, das in der Finsternis verharrt.“ In ihren messerscharf skizzierten Geschichten stellt sie die dunklen Seiten in den Vordergrund und beschreibt die Wirklichkeit jenseits luxuriöser Hotelpaläste. In Vadodara zum Beispiel, wohin sich selten ein Tourist verirrt. Dort erlebt sie „Kühe auf den Kreuzungen, Hupen und Rattern und stoßweise Verkehr auf den Straßen, Tiere und Menschen, die drängeln.“ Im Taxi thront über dem Steuer Ganesha, der dicke Gott mit dem Elefantenrüssel. Der Duft von Räucherstäbchen durchzieht das Auto, das im Verkehrsstau nicht vorwärts kommt. Ein alter Mann zieht seinen Karren, beladen mit riesigen Stoffballen, über eine Kreuzung. Ein Auto fährt ihn um, die Frau hinter dem Steuer verzieht keine Miene und gibt einfach wieder Gas. Der Mann erhebt sich, richtet den Karren auf, zieht ihn weiter. Keine Regung im Gesicht. „Indien kennt kein Mitleid“, schreibt die Autorin. Und findet unterwegs und in Gesprächen immer neue Belege für diese These.

Die Marktfrauen beäugen unverhohlen die Frau in westlicher Kleidung – und lachen über sie. „Ist es die Sonnenbrille? Sind es die kurzen Haare? Ist es die weiße Haut der Fremden?“ Maria E. Brunner findet keine Antworten auf ihre Fragen. Auch nicht in Mumbai, der High-Tech-Metropole. Hier werde die Hälfte aller Steuereinnahmen Indiens erwirtschaftet, weiß die Autorin, „doch zwei Drittel der Einwohner kauern in Slums“. Der Park des Hotels ist von hohen Drahtzäunen umgeben, die Armut bleibt ausgesperrt.

Entlang der nagelneuen Autobahn von Mumbai nach Pune versprechen Ashrams „Verzauberung durch Ruhe“. Manche heißen jetzt „Resorts“, in denen „international People“ acht Euro Eintritt bezahlen. Europäer, Asiaten und Amerikaner suchen Erleuchtung oder Sinn im vornehmen Stadtteil Koregaon Park. Zu ihnen wahrt die Autorin die gleiche Distanz wie zu den reichen Inderinnen in ihren prächtigen Saris oder den Businessmen mit bunten Krawatten.

Brunners Geschichten, in einem schmalen, fein editierten Hardcover-Band gebündelt, bilden einen herben Kontrast zu Indiens Tourismuswerbung. Und verleiten manchen Leser wohl dazu, sich selbst ein Bild zu machen und vielleicht mehr Licht im Dunkel zu sehen als die Autorin. Hella Kaiser

Alles Allgäu Bayern sind sie, wollen es aber nicht so wirklich sein. Das macht die Allgäuer schon mal ordentlich sympatisch. Mehr als freundliche Gefühle gegenüber dem Fleckchen Erde wo die Allgäuer leben, bringt der Leser fast aus dem Stand auf, wenn er das neue Merian-Heft „Allgäu“ nur durchblättert. Berge und Burgen, Kässpatzen und Kräuterhotels, Märkte, Museen und – Memmingen. Ja, dort fliegt man ab Berlin nonstop hin. Jeden Tag. Also 7,95 Euro ins Merian investieren und los. Tsp

— Maria E. Brunner: Indien. Ein Geruch. Folio Verlag, Wien 2009, 88 Seiten, 19,50 Euro

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben