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Thomas Maier

China – auf unterschiedlichen Wegen

Beide Autoren sind auf ähnlichen und doch ganz unterschiedlichen Routen durch China gereist. Entlang von Wüsten, die im Westen kaum jemand kennt. Doch zwischen den Reisen liegen beinahe 20 Jahre – angesichts der atemberaubenden wirtschaftlichen Entwicklung in China fast eine kleine Ewigkeit.

Der chinesische Schriftsteller Ma Jian war in den 1980ern drei Jahre lang im Riesenreich unterwegs – mit dem Zug und per Anhalter. Der amerikanische Autor und Journalist Peter Hessler tourte von 2001 an im inzwischen autoverrückten China mit seinem Jeep Cherokee quer durchs Land – was ihm eigentlich verboten war.

Es sind ganz unterschiedliche, aber gleichermaßen faszinierende Bücher über die unkonventionelle Erforschung der Seele eines Landes geworden, das in der Regel nur Einblicke in die boomenden Metropolen wie Peking oder Schanghai gibt. In der Art eines Jack Kerouac („On the Road“) sucht Ma Jian – von der Politik der Kommunisten in der Nach-Mao- Zeit enttäuscht und auch privat in einer Krise – seine Inspiration in der Begegnung mit wildfremden Menschen und Kulturen.

Es gelingt ihm, zu Minderheiten wie den Jinuo an der Grenze zu Birma vorzudringen oder nach Tibet, wo er an Himmelsbestattungen teilnimmt. „Das tibetische Hochland ist kein Ort für die Han(-Chinesen)“, lautet sein nüchternes Fazit in „Red Dust“.

In China ist dieser legendäre Reisebericht, den der inzwischen in London lebende Ma Jian auf Englisch verfasst hat, nie erschienen. Acht Jahre nach der englischen Ausgabe hat verdienstvollerweise der Verlag SchirmerGraf im vergangenen Herbst das Werk zur Frankfurter Buchmesse, deren (umstrittener) Ehrengast China war, auf Deutsch herausgebracht.

Der Blick von Peter Hessler, dem ersten China-Korrespondenten des renommierten Magazins „The New Yorker“, ist zwangsläufig als Ausländer ein anderer. Auf seiner Reise kommt er jedoch ebenfalls ganz nahe an das neue China heran. Der Sinologe beschreibt seine Erlebnisse mit den autostoppenden Wanderarbeitern, „Dorfgrazien“ oder Offiziellen, mit denen er sich auf dem Trip herumschlagen muss, im literarischen Stil des amerikanischen „New Journalism“ lakonisch- präzise und amüsant.

Zugleich versteht er es, dank seines umfangreichen Wissens über China die Geschehnisse kulturell und historisch einzubetten.

Richtig packend schildert Hessler das Leben in einem chinesischen Bergdorf in rund eineinhalb Autostunden Entfernung von Peking, wo der Autor ein Häuschen gemietet hat. Immer wieder streut Hessler, der in Peking seinen Führerschein gemacht hat, eine der für Westler seltsam anmutenden Prüfungsfragen aus dem neuen Autoland China ein, das für seine Vielzahl von Unfällen bekannt ist. Kostprobe: Beim Überholen eines anderen Autos sollte man a) links vorbeifahren, b) rechts vorbeifahren, c) rechts oder links vorbeifahren, je nach gegebener Lage.

In den USA ist Hessler mit anderen preisgekrönten China-Büchern wie „Red River“ bekannt geworden. Sein neues Buch „Über Land“ hat der Berlin Verlag nun noch vor dem Start in den USA auf Deutsch vorgelegt. Thomas Maier

Ma Jian: Red Dust. Drei Jahre unterwegs durch China. Verlag SchirmerGraf, München 2009, 422 Seiten, 25,80 Euro

Peter Hessler: Über Land. Begegnungen im neuen China. Berlin Verlag, Berlin 2009, 555 Seiten, 24 Euro. Die englische Ausgabe „Country Driving“ erscheint im Februar bei Harper (20,99 Euro).

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