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Neues zu Nizza

Hang zur Übertreibung Das Angenehme an Fritz J. Raddatz, dem Literaturkenner, Essayisten und Romancier, ist der Umstand, dass er sich mittlerweile widerspruchslos in das Klischee fügt, das missgünstige Geister von ihm geprägt haben. Raddatz ist besserwisserisch, geschwätzig, und es „mag sein, dass ich dem Hang der Franzosen zur Übertreibung erliege“, wie er am Anfang seines neuesten Büchleins einräumt, einer Liebeserklärung an Nizza und seine Umgebung. Was immer der große Fritz auf 112 Seiten schreibt, darf man also nicht zum Nennwert nehmen, nicht die angebliche Deutschenfeindlichkeit der Eingesessenen und nicht die „Brillantuhren-Russen“ mit Koffern „voll Hunderttausender von Dollar“. Richtig ärgerlich wird es nur, wenn Raddatz das Schicksal der deutschen Emigranten in Südfrankreich ausbreitet, um sich wieder einmal an seinen tausendfach niedergeschriebenen Kenntnissen zu berauschen, und mehr noch am eigenen Mitleiden. Und ärgerlich ist, dass jede Beobachtung, an denen das Buch im Grunde doch reich ist, sogleich durch Wortgedröhn verhunzt wird. Authentisch ist der Ex-Feuilletonredakteur da, wo aus jeder Zeile der Neid auf die Reichen hervorlugt, die er gar nicht schlecht genug machen kann, um sein brennendes Verlangen nach Society zu verleugnen. Und dazu kommt noch Altersweinerlichkeit: „So schleicht man denn aus dem Haus eines Großen, selber ein Kleiner, aber alt nun auch …“ Raddatz mag auf die 80 zugehen, aber Bleistift oder Laptop legt er darum nicht beiseite. So kann man denn sein Büchlein getrost zur Hand nehmen, um sich über so viel Verschmocktheit zu ärgern oder besser noch: zu amüsieren. B. S.

— Fritz J. Raddatz: Nizza – mon amour. Arche Literatur Verlag, Zürich/Hamburg Februar 2010, 128 Seiten, 18 Euro

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