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Herien Wensink

Weltschätze im Klimawandel Die Malediven wirken wie funkelnde Schmuckstücke im tiefblauen Meer. Der Regenwald am Amazonas dampft vor Feuchtigkeit. Über der weiten irischen Landschaft hängen dramatisch-dunkle Wolken. Und so finden sich viele weitere beeindruckende Gebiete der Welt in dem jetzt vorliegenden Buch „100 einzigartige Orte, die schon bald verschwinden könnten“. Große, wunderschöne Fotos versammelt der Bildband aus dem Knesebeck Verlag etwa über das Okavangodelta in Botswana oder die Tian-Shan-Gebirgskette, dazu gibt’s jeweils kurze, erklärende Texte. So verführerisch schön sind diese Regionen der Welt, dass man sofort hinreisen möchte.

Tatsächlich will das Buch nicht bezwecken, dass wir hinfahren. Weil der Co2-Ausstoß des Flugzeuges, das wir für die Reise benutzen müssen, den Klimawandel beschleunigen würde. Deshalb ist das Buch keine bezaubernde Fantasiereise, sondern eine Tantalusqual. Bei jedem märchenhaften Bild, bei dem man kurz träumen möchte, steht eine Warnung daneben: „Das Ansteigen des Meeresspiegels bedroht kleine Inselstaaten“, heißt es, und: „Diese kostbaren Schätze werden für immer verschwinden“, oder „In der Zukunft dürfte allerdings nicht mehr viel davon übrig sein“.

Umweltbewusstsein und Sorgen um den Klimawandel sind natürlich wichtig. Und es ist immer gut, den Menschen ihre Verantwortung klarzumachen. Aber hier wurde doch ein bisschen zu dick aufgetragen. Und weil die Folgen des Klimawandels nicht unbedingt bewiesen sind, wurden die Sätze in den Kapiteln entsprechend vorsichtig formuliert. So heißt es: „Man prophezeit, dass …“, „vermutlich“, oder „Es könnte geschehen, dass …“.

Es wäre interessant, in diesem Buch auch die Relativität der Klimadiskussion zu zeigen. Gibt es nicht auch schöne Naturgebiete, die gerade infolge des Klimawandels entstanden sind? Wir wissen nicht, wie der Klimawandel Landschaften beeinflussen wird. Oder was passiert, wenn die Gebiete tatsächlich verschwinden. Vielleicht entstehen dann wieder andere, nicht minder schöne. Zumindest ein Kapital mit solchen Fragen wäre wünschenswert gewesen.

So kommen nur Wissenschaftler, Politiker und Künstler zu Wort, die stets aufs Neue herunterbeten, wie schön die Welt ist und dass wir sorgsam mir ihr umgehen müssen. Zu plakativ sind viele der Texte, zu konstruiert wirken manche Zusammenhänge. Beispielsweise wird etwa Paris als „imposante Stadt“ gerühmt, die jährlich 45 Millionen Touristen anzieht, aber wie lange noch? Als Indiz für die Bedrohung der Metropole wird die Hitzewelle vom Sommer 2003 angeführt, der in ganz Europa 35 000 Menschen zum Opfer fielen.

Empfehlung: Die Texte höchstens überfliegen – und die beeindruckenden Bilder anschauen. Und wenn man sich entscheiden sollte, einen der 100 vorgestellten Orte zu besuchen: Bitte hinterher einen Baum pflanzen. Herien Wensink

— Co+life (Herausgeber): 100 einzigartige Orte, die schon bald verschwinden könnten. Knesebeck Verlag, München 2010, 289 Seiten, 39,95 Euro

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