Reise : Lesereise – von Bullerbü nach Budapest

In den Einkaufstraßen seiner Hauptstädte macht Europa wenig Spaß. Überall sieht es gleich aus. Benetton, H & M, Douglas, Esprit, Starbucks oder Zara haben die besten Plätze besetzt, die Museumsshops sind weitgehend austauschbar sortiert, die Souvenirs werden „landestypisch“ in China hergestellt. Europa rückt zusammen – und wird immer langweiliger. Wirklich? Wer die Shoppingmeilen verlässt und neugierig durch die 27 EU-Mitgliedstaaten streift, kann von Belgien bis Zypern Erstaunliches erleben. Europa kann beschaulich, fantastisch, lächerlich oder skurril sein, und eine Reise wird zur Offenbarung. Nachzulesen ist das in jenen Ländernotizen, die der Kabarettist Sebastian Schnoy jetzt in einem überaus unterhaltsamen Buch vorgelegt hat. Nehmen wir nur mal Schweden, „eine Art Bullerbü in Großformat“, das mit 20 Einwohnern pro Quadratkilometer dünner besiedelt ist als Mecklenburg-Vorpommern. Der Autor, hier zu Fuß unterwegs, findet keine Dörfer und erst recht keine Kneipen. Das Leichtbier „Lättöl“ und Delikatessen wie einzeln eingeschweißte Paprika kaufen die Schweden an Tankstellen. Trotzdem blicken sie hämisch auf ihre dänischen Nachbarn und schrecken auch vor Demütigungen nicht zurück. So hat Ikea seine höherwertigen Produkte mit schwedischen Ortsnamen belegt, Billigteppiche, Fußmatten und gar eine Toilettenbrille jedoch nach dänischen Städtchen benannt.

Wanderer mit Hang zur gemütlichen Einkehr sollten nach Irland reisen. Nicht nur in den Dörfern locken gleich mehrere Pubs, auch „an drittklassigen Landstraßen“ entdeckt Schnoy noch Kneipen, „in Alleinlage, ohne Dorf“. Und auch das Wetter ist in Irland ja nicht immer schlecht. Die Wolken hätten noch „andere Termine in Wales oder Cornwall“, so dass die Sonne bisweilen die sattgrüne irische Landschaft bestrahlen kann.

Norwegen hat nicht mehr Einwohner als der Großraum Berlin. Doch während Letztere gelernt haben, jeden Stand-by- Knopf auszuknipsen, stehen die Norweger mit ihrem Energieverbrauch an der Weltspitze. Ölvorräte und Wasserkraft im Überfluss scheinen das Stromsparen überflüssig zu machen, zumal der Norweger eine Hälfte des Jahres gegen die Dunkelheit anleuchten muss. „Zum Teil haben öffentliche Gebäude nicht mal einen Lichtschalter“, behauptet Schnoy. Die Norweger sind trotzdem beliebt in Europa. Vielleicht, weil sie mit ihrem Reichtum nicht prahlen, sondern weil sie ihre Mahlzeiten selbst angeln und Wert darauf legen, das Feuerholz in der Wochenendhütte eigenhändig mit der Axt zu spalten.

Wer aus dem lauten, lustigen Spanien nach Portugal fährt, wird in den Fado-Cafés alsbald nach Taschentüchern suchen. Melancholie und Weltschmerz unter südlicher Sonne zelebrieren die Portugiesen noch genauso wie vor ihrem EU-Beitritt 1986. Und Griechenland? Da hält sich der sonst so schön schnoddrige Autor zurück. Enttäuscht notiert er nach einigen historischen Absätzen: „Das Griechenland von heute kann an diese großartige Geschichte nicht anknüpfen.“

Osteuropa bleibt ein bisschen blass. Unvergesslich bleibt dem Autor indes die Ankunft am Budapester Westbahnhof, gebaut von Gustave Eiffel. Da ist eine Schalterhalle von der Größe eines Flugzeughangars, und darin ein kleiner Fahrkartenschalter, hinter dessen halbrunden Loch in der Glasscheibe der Verkäufer hockt. Man ist versucht, sich das selbst anzuschauen und auch zu prüfen, ob die heimelig mit Gardinen und troddelverzierten Lämpchen in den Speisewagen noch existieren. Im Zug nach Warschau kann man übrigens ähnlich gemütlich dinieren und stundenlang preisen, dass man keinen Billigflieger genommen hat.

Reisen in Europa birgt noch immer unzählige Überraschungen. Und die sollte man sich nicht durch akribische Internetrecherchen und Vorabbuchungen zerstören. In Dubrovnik schwärmt Schnoy von den zahlreichen Angeboten privater Pensionen. „Das ist viel aufregender, als schon Monate vorher zu wissen, wo man schläft“, resümiert er. Seine vergnügliche Anleitung zu Europatouren ruft auch dazu auf, die Länder nicht durch die deutsche Brille zu betrachten. Gut sei es, sich mit dem einen oder anderen Regelverstoß schon mal auf andere Sitten und Gebräuche einzustellen. Ein Beispiel: Werfen Sie mal eine grüne Flasche in einen Weißglascontainer. Hella Kaiser

— Sebastian Schnoy: Smörrebröd in Napoli. Ein vergnüglicher Streifzug durch Europa. rororo-Taschenbuch, 2. Auflage Reinbek 2009, 285 Seiten, 8,95 Euro

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