Reise : Letzter Ausweg: Amerika

Immer galt Hamburg als Tor zur Welt. 1898 wurde eigens ein Viertel für Auswanderer gebaut. Ein neues Museum erinnert daran

Franz Lerchenmüller

Pole sei er, erzählt der junge Mann in den abgerissenen Klamotten leise, aus „Kongresspolen“, einem Gebiet unter russischer Herrschaft. Im vergangenen Jahr, 1904, als der Krieg zwischen Japan und Russland ausgebrochen sei, sollte er mit seinen gerade mal 17 Jahren für die Russen an die Front. „Meine Eltern sagten, ich solle fliehen. Weit weg, am besten nach Amerika. Ich nahm kein großes Gepäck mit auf die Reise. Ich tat so, als würde ich nur eine kurze Fahrt nach Deutschland machen.“

Alle haben sie ihre besonderen Gründe, die Figuren, die den Eingangsbereich der Hamburger Ballinstadt bevölkern. Der liberale Journalist suchte nach der gescheiterten Revolution 1848 in der Neuen Welt die Freiheit des Wortes. Das Dienstmädchen aus Hamburg ließ sich aus purer Abenteuerlust von der Freundin überreden. Der Arbeiter aus dem Ruhrgebiet fand keinen Job mehr. Und für die jüdische Arztgattin gab es nach der Reichspogromnacht 1938 keinen anderen Ausweg.

Und alle fanden sie sich in Hamburg wieder. Wie sie ihre letzten Tage auf europäischem Boden verbrachten, zeigt die neue „Ballinstadt – Auswandererwelt Hamburg“. Auf der Elbinsel Veddel, wo die Hamburg-Amerikanische-Paketfahrt-Aktien-Gesellschaft“, kurz: Hapag, von 1898 bis 1907 eine ganze Auswandererstadt errichtet hatte, wurden drei U-förmige Doppelpavillons originalgetreu wieder aufgebaut, verbunden durch zwei damals natürlich nicht existierende Glaskuben.

Insgesamt emigrierten zwischen 1821 und 1914 44 Millionen Europäer. Fotos, Briefe, Überseekoffer und Passagierlisten erinnern an die annähernd fünf Millionen, die Hamburg als Sprungbrett wählten. Ein großer Atlas zeigt auf Knopfdruck die historische Situation in verschiedenen Regionen Europas. Aus Telefonhörern klingen die lockenden Briefe ausgewanderter Verwandter, die es angeblich geschafft haben: Traut euch auch, auf nach Hamburg!

Dort warteten am Hafen die Schlepper und überfüllte Gasthäuser. Russische, jiddische, pfälzische Sprachbrocken schwirrten durch die Luft, und vor den Türen gestikulierten die Wirte und versuchten, ängstliche Neuankömmlinge für sich zu gewinnen – das wandgroße Foto der Straße „An den Mühren“ erinnert daran. So mancher wurde übers Ohr gehauen und stand am Ende ohne Fahrkarte da. Das war keine Werbung für Hamburg.

Deshalb baute die Hapag auf der Veddel eine richtige Auswandererstadt: 27 Baracken, akkurat in Reih und Glied. Jede hatte vier Schlafsäle, in denen je 40 Menschen übernachteten. Im dritten Pavillon sind sie samt Stockbetten und langen Esstischen nachgebaut, und ganz wie damals registrieren Angestellte in Uniform die Eintretenden.

Geheizt wurde mit Dampf, es gab eine Synagoge, zwei Kirchen, Musikpavillons, Aufenthaltsräume und sogar koschere Küche. In der Eingangshalle prangte Ballins Motto: „Mein Feld ist die Welt“. Doch der Volksmund wusste, was sich dahinter verbarg: Hapag? Na klar: „Haben alle Passagiere auch Geld?“

Dies gestattete den Hapag-Werbern, quasi „Rundum-Sorglos-Pakete“ anzubieten: Fahrt nach Hamburg, Hilfe an den Schlagbäumen, Unterkunft, Verpflegung und Überfahrt nach Amerika. Entsprechende Broschüren finden sich im luxuriösen Schreibtisch Albert Ballins, des zielstrebigen Direktors der Reederei.

Von den verschiedenen Bahnhöfen Hamburgs wurden die Reisenden direkt hierhergebracht. Dann begann die nervende Prozedur der Kontrollen. Die Passagiere wurden „in Reih und Glied aufgestellt, ins Kreuzverhör genommen, desinfiziert, etikettiert und eingesperrt ...“, erinnert sich die weißrussische Jüdin Mary Antin. Unterkunft und Verpflegung kosteten zwei Mark pro Erwachsenen und Tag, der Betrag wurde bereits bei Buchung am Heimatort fällig.

Der Übergang zum dritten Pavillon in der Ballinstadt erfolgt durch einen Schiffsrumpf. Wie es während der Überfahrt in den verschiedenen Klassen zuging, was es zu essen gab und wie sich die Bedingungen an Bord im Lauf der Jahrzehnte verbesserten, zeigt das Auswandererhaus in Bremerhaven eindrücklicher. In Hamburg sind historische Filmaufnahmen zu sehen.

Drüben wartet die Freiheitsstatue – symbolisch noch hinter Gittern. Denn davor stehen, ab 1892, die ganz real vergitterten Wartesäle von Ellis Island. 16,5 Millionen Menschen passieren bis 1924 die gelb gekachelten Gänge. Nach der ärztlichen Untersuchung stellt ein Inspektor 29 Fragen: „Sind Sie Anarchist? Polygamist? Haben Sie ein Missbildung? … In weniger als zwei Minuten entscheidet er, wer das gelobte Land betreten darf. Die Abgewiesenen, lediglich zwei bis drei Prozent aller Ankömmlinge, werden auf Kosten der Reederei zurückgeschickt.

Ganz am Ende entlässt ein großes Foto die Besucher: Es zeigt einen Auswanderer mit zwei Kindern auf den Knien. Zusammengesetzt ist es aus vielen kleinen Porträts von Kindern der benachbarten Schomannstiegschule auf der Veddel. Alle sind sie Kinder aus Familien, deren Wurzeln nicht in Deutschland liegen. Auswanderung ist Geschichte. Sie passiert heute. Und es wird sie immer geben.

Auswandererwelt Ballinstadt, Veddeler Boten 2, 20539 Hamburg, im Internet: www.ballinstadt.com, Eintritt: Erwachsene 9,80 Euro, Kinder 6,50 Euro.

Anreise sowohl mit dem Schiff von St. Pauli Landungsbrücken oder mit der S-Bahn nach Veddel.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben